Lüdenscheider Duogynon-Opfer wütend über "Freifahrtschein" für Bayer

Lehrer Andre Sommer (M.) klagte mit seinem Anwalt  Jörg Heynemann (r.) vor dem Landgericht Berlin gegen die Bayer Pharma AG auf Schmerzensgeld- und Schadenersatz: Vergebens. Foto: Sebastian Willnow/dapd
Lehrer Andre Sommer (M.) klagte mit seinem Anwalt Jörg Heynemann (r.) vor dem Landgericht Berlin gegen die Bayer Pharma AG auf Schmerzensgeld- und Schadenersatz: Vergebens. Foto: Sebastian Willnow/dapd
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Was wir bereits wissen
Das Berliner Landgericht hat die Klage eines Behinderten gegen die Bayer Pharma AG wegen Missbildungen durch das Hormonpräparat Duogynon abgewiesen. Die Ansprüche des Klägers seien verjährt. Für eine Betroffene aus Lüdenscheid ist das Urteil eine bittere Enttäuschung.

Berlin/Lüdenscheid.. An Schlaf war für Carmen Scholz aus Lüdenscheid in der Nacht zu Donnerstag nicht zu denken. Stundenlang saß sie am Computer und recherchierte in Sachen Duogynon – jenem Hormonpräparat von Schering, das auch sie Mitte der 70er Jahre als Schwangerschaftstest von ihrem Arzt bekommen hatte. „Alles kam wieder hoch“, sagt die 59-Jährige. Um 3 Uhr schickte sie eine E-Mail an ihren Sohn Markus, der 1975 mit Missbildungen geboren wurde: „Mein Gefühl wird immer schlechter“, schrieb sie.

Ihre Vorahnung hat sie nicht getäuscht: Am Nachmittag wies das Landgericht Berlin die Schmerzensgeldklage von Andre Sommer (35) zurück. Jenes Mannes, der vor zwei Jahren die Initiative „Duogynon-Opfer“ gegründet hat. Und der seitdem dafür kämpft, dass die mehr als 360 Betroffenen, die sich bislang bei ihm gemeldet haben, die Wahrheit erfahren. Doch nachdem bereits im vergangenen Jahr ein Gericht entschieden hatte, dass das Recht auf Akteneinsicht bei dem Schering-Nachfolger Bayer verjährt sei, wiesen die Richter aus dem gleichen Grund gestern auch die Schadensersatzklage ab.

Inhalt spielte keine Rolle

„Das ist bitter. Ich bin sehr enttäuscht“, sagte Sommer nach dem Urteil zur WR. „Und Bayer hat sich nicht einen Zentimeter bewegt - das ist unfassbar.“ Auch eine Mediation, die der Richter mehrfach vorgeschlagen hatte, lehnte das Unternehmen gestern erneut ab.

Ein schwacher Trost für den Kläger, der mit schweren Missbildungen an der Blase zur Welt kam und 13 Mal operiert werden musste, dass laut Richter eine Klage zu einem früheren Zeitpunkt vermutlich zu einem Erfolg geführt hätte.

Ob das bis 1980 als Schwangerschaftstest verwendete Duogynon tatsächlich die Behinderung des Lehrers verursacht hat, spielte in dem Prozess gar keine Rolle. „Ob je ein Schadenersatzanspruch bestand, hat dieses Gericht nicht zu entscheiden“, so Richter Holger Matthiessen. Er legte in der mündlichen Verhandlung dar, dass für ab 1978 verabreichte Arzneimittel strengere Haftungsregeln gelten. Der Kläger könne aber nur im Jahr 1975 oder 1976 durch Duogynon geschädigt worden sein und sich lediglich auf das Bürgerliche Gesetzbuch stützten. „Spätestens 2006 ist ein Schaden verjährt gewesen“, sagte Matthiessen.

Dennoch gibt Sommer nicht auf. Er kündigte bereits Rechtsmittel gegen das Urteil an. Sein Anwalt Jörg Heynemann hatte Schering vorgeworfen, die fruchtschädigende Wirkung von Duogynon stets vertuscht zu haben. „Man kann nicht jahrzehntelang dafür sorgen, dass nichts ans Licht kommt und dann sagen: Pustekuchen, jetzt ist alles verjährt.“

Für die Bayer Pharma AG sagte Rechtsanwalt Henning Moelle, Duogynon sei vom Bundesgesundheitsamt und vielen weiteren Behörden geprüft worden. Auch ein dreijähriges staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren habe schon in den 80er Jahren erhobene Vorwürfe nicht bestätigen können.

Betroffene enttäuscht und sauer

Carmen Scholz indes glaubt dem Unternehmen nicht - und ist sauer, seit sie von dem Urteil weiß. „Ich habe eine riesen Wut“, gab sie zu. „Diese Verjährung ist für Bayer wirklich wie ein Freifahrtschein ins Paradies. Und was ist mit den Betroffenen?“

Ira Gerhartz (36) aus Rheinland-Pfalz, die wie Andre Sommer mit Missbildungen an der Blase zur Welt gekommen war (und außerdem noch mit Klumpfüßen und Wirbelsäulenschäden), war traurig, als sie von dem Urteil erfuhr. „Ich bin enttäuscht. Zum einen um Andre Sommer, weil er kämpft wie ein Löwe, und zum anderen, weil ich denke, dass wir schon das Recht hätten, wenigstens Auskunft zu bekommen. Ich glaube, das Gesetz scheint nicht auf unserer Seite zu sein.“ Aber eines weiß sie trotzdem ganz genau: „Ich denke, das Urteil heißt: Nicht aufgeben.“