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Kinodigitalisierung

Klassische Kinoberufe sterben durch Digitalisierung aus

30.05.2012 | 16:54 Uhr
Klassische Kinoberufe sterben durch Digitalisierung aus
Reiner Posnien in seinem Filmlager in Duisburg. Rund eintausend 35-mm-Filme lagern hier. (Foto: Marcus Simaitis)

Dortmund  Das analoge Kino stirbt aus. Langsam, aber ziemlich sicher. Ganze Berufe verschwinden dadurch. Doch bevor sie endgültig auf dem Friedhof der analogen Arbeitsplätze landen, wollen wir einen letzten Blick auf sie werfen. Auf Berufe, die kaum jemand kennt – und für die der Abspann längst begonnen hat.

Kopierwerke

„Geboren“ wurde ein Film früher im Kopierwerk. Seit der Einführung der Festplatten ist die Entwicklung und Vervielfältigung von 35-mm-Filmen aber nahezu überflüssig geworden, Hersteller von Filmmaterial (etwa Kodak oder Fuji) stehen ohnehin seit Jahren auf der Kippe.

Aus Mangel an Aufträgen fassen auch die Betreiber der deutschen Kopierwerke deshalb seit Jahren Produktionsstätten zusammen und bauen kontinuierlich Personal ab. Erst Ende April wurde bekannt, dass etwa bei der Cinepostproduction GmbH, einem der größten Betreiber traditioneller Kopierwerke in Deutschland, eine zweite große Entlassungswelle droht.

Mittlerweile haben sich einige Kopierwerke neue Standbeine erarbeitet, etwa die Entwicklung und Vermietung von Filmkameras oder die Bespielung von Festplatten. Die klassischen Tätigkeiten verlieren aber Monat für Monat an Bedeutung.

Filmlager

Vom Kopierwerk wanderten die Filmrollen zu analogen Zeiten dann in die Filmlager. Dort wurden sie auf Fehler überprüft, zu Tausenden gelagert und an die Kinos verschickt. Heute gibt es in NRW gerade mal noch drei solcher Lager. Arno Conrad betreibt eines davon. Noch. Er schätzt, dass sich sein Umsatz in den vergangenen Jahren um etwa 75 Prozent reduziert hat. „Vor vier Jahren habe ich pro Monat noch 500 Kopien verschickt, heute sind es nur noch knapp 120“, berichtet der Lagerist. „Jeder, der mit 35-mm-Kopien zu tun hat, leidet“, sagt der 53-Jährige. Und er rechnet stark damit, dass noch in diesem Jahr Schluss ist. Jammern tut er deswegen aber nicht. Das sei nun mal „die ganz normale wirtschaftliche Entwicklung“.

In seinem Filmlager verwahrt Reiner Posnien auch einige cineastische Schmuckstücke. (Foto: Marcus Simaitis/WAZ FotoPool)

Und wer die überleben will, muss seine Fühler in andere Richtungen ausstrecken. Filmlagerist Rainer Posnien aus Duisburg etwa betreut nebenbei Online-Shops, hat schon vor Jahren DVDs und Blu-Rays ins Sortiment genommen und kümmert sich heute verstärkt um Werbemittel wie Poster und Aufsteller. Dass der 35-mm-Film komplett ausstirbt, glaubt er übrigens nicht. Fast 1000 Kopien lagern bei ihm, „darunter auch ganz alte Schätze“, sagt er, und Filme, die so speziell sind, dass eine Digitalisierung sich nicht rechnen würde. In diesen cineastischen Schmuckstücken sieht Posnien seine Zukunft.

Filmspeditionen

Damit die 35-mm-Kopien, die locker 40 Kilo auf die Waage bringen, schnell und zuverlässig zwischen den Lagern und den Kinos hin- und hertransportiert werden konnten, entstand vor über einem halben Jahrhundert der Beruf des Filmspediteurs.

Jörg Donnerberg liefert 35-mm-Filme in die Kinos des Ruhrgebiets. Noch. (Foto: Michael Printz/Photozeppelin.com)

Jörg Donnerberg etwa liefert seit einigen Jahren Filmkopien in die Kinos des Ruhrgebietes. 1300 Kilometer ist er unterwegs, wenn er einmal die Woche nachts auf Tour geht. Aber auch er kämpft ums Überleben. Um 60 bis 70 Prozent seien die Umsätze eingebrochen, sagt Donnerberg. Statt wöchentlich 120 Kopien liefert er zurzeit vielleicht noch 30 aus, wenn überhaupt. Anderen Filmspeditionen geht es nicht besser.

Denn für den Versand der wesentlich leichteren Festplatten nutzen die Verleiher und Kinos heute fast ausschließlich normale Paketdienste. Die sind zwar nicht so zuverlässig, aber deutlich günstiger. Filmspediteure werden damit schlichtweg nicht mehr gebraucht. Die einzige Chance: anderweitig orientieren. Eine Filmspediteurin aus dem Siegerland etwa liefert jetzt auch Zeitungen aus. Das sei deutlich lukrativer als das 35-mm-Geschäft.

Filmvorführer

Landet der 35-mm-Film schließlich im Kino, kommt der Vorführer ins Spiel. Der klebt die Kopie, die in mehreren Einzelteilen ankommt, zu der typischen Filmrolle zusammen und baut außerdem die Trailer und Werbespots in den Film ein. Er kümmert sich auch um den hochkomplizierten Projektor und die gesamte Vorführtechnik.

Wird der Film irgendwann wieder aus dem Programm genommen, bereitet der Vorführer die Kopie für den Rückversand vor, nimmt Trailer und Werbespots wieder raus, säubert, wartet und repariert den Projektor. Film für Film, Tag für Tag, Woche für Woche.

Filmvorführer werden über kurz oder lang schlichtweg nicht mehr gebraucht. (Foto: Michael Urban/ddp)

Doch auch dieser Beruf stirbt aus. Heute landet der digitale Film meist per Paketdienst oder gar per Satellitensignal im Kino, Trailer und Werbespots baut eine externe Firma über das Internet ein. Der Projektor kann von jedem PC aus gestartet werden, selbst mit seinem Smartphone kann der Theaterleiter die Vorstellung mittlerweile bequem vom Schreibtisch aus starten. Gewartet und repariert wird der Projektor vom Hersteller, oft laufen die Verträge über viele Jahre.

Der klassische Filmvorführer wird nicht mehr gebraucht. Sagt auch der Vorstandschef von „Cinemaxx“, einer der größten Kinoketten Deutschlands. Bis Ende 2013 wollen sämtliche Häuser der Kette den Beruf abgeschafft haben, sagte Christian Gisy Ende April dem Hamburger Abendblatt. „Und früher oder später werden die anderen Ketten nachziehen“, sagt Frank Schreckenberg, Tarifsekretär bei Verdi. Die Vorführer werden dann in den Service-Bereich versetzt, sprich: Popcorn verkaufen und Karten abreißen. Nicht für jeden Filmvorführer ein einfacher, geschweige denn angenehmer Wechsel.

Doch Alternativen gibt es kaum. „Wo soll ich denn arbeiten?“ sagt ein Vorführer aus der Region ganz verzweifelt auf die Frage, was er jetzt vorhabe. Er hat eine Familie zu versorgen, die Tochter ist noch ganz klein. Seit 20 Jahren arbeitet er festangestellt als Filmvorführer. Jetzt ist Schluss damit. Er wird sich einen komplett neuen Job suchen müssen. Mit Mitte Vierzig. Aber so ist der Preis für die schöne, neue und gestochen scharfe Kinowelt.

Mats Schönauer



Kommentare
01.06.2012
13:03
Klassische Kinoberufe sterben durch Digitalisierung aus
von Malakostraka | #4

Ich finde es jetzt ehrlich gesagt nicht so dramatisch, wenn eine Branche aus der Unterhaltungsindustrie ausstirbt. Wir haben ja auch die Höhlenmaler und so manch andere altertümliche Handwerker in unserer Kultur nicht mehr nötig.
Es gibt halt in allen Bereichen Strukturwandel und Filme sind heute halt meist nicht mehr auf Rollen und die, die es sind, wurden meiner Meinung nach ausreichend oft angeschaut.
In ein paar Jahren haben Filme mit fiktiven Handlungssträngen sicherlich und hoffentlich ausgedient und öffentliche Vorführräume ebenfalls.
Viel schlimmer finde ich, dass z.B. vernünftiges und notwendiges Handwerk, wie z.B. das Bäckerhandwerk ausstirbt. Viele Junge Menschen meinen schon heute "Auftauen" und "Aufbacken" als Tätigkeiten eines Bäckers werten zu können.

01.06.2012
12:32
Klassische Kinoberufe sterben durch Digitalisierung aus
von Theo14 | #3

Man kann aus dem Artikel auch Folgendes rauslesen:
Die Kosten für die Kinobetreiber sinken und sinken. Und trotzdem steigen weiter die Eintrittspreise?! Ich bin schon lange nicht mehr bereit, 10€ (in alter Währung ausgedrückt: 20 Mark!) und mehr für ein Kinoticket zu zahlen...da warte ich liebern halbet Jahr, und bekomme die DVD fürn Zehner...

31.05.2012
12:00
#1 archive.org
von meigustu | #2

muss nur noch einer digitalisieren.

31.05.2012
09:31
Wenn die Lagerung alter Filme sich kommerziell nicht mehr lohnt,
von ruhrgebieti | #1

sollte man überlegen, wie man alte Schätze für die Nachwelt rettet. Sind ja am Ende auch Kulturgüter.

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