Kickbox-Weltmeisterin Anja Renfordt kämpft mit Diabetes

Anja Renfordt aus Lüdenscheid ist Kickbox-Weltmeisterin und Diabetikerin. Ein Leben zwischen zwei Extremen.  Foto: Kaleidomania
Anja Renfordt aus Lüdenscheid ist Kickbox-Weltmeisterin und Diabetikerin. Ein Leben zwischen zwei Extremen. Foto: Kaleidomania
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Was wir bereits wissen
Die Lüdenscheiderin Anja Renfordt ist sechsfache Kickbox-Weltmeisterin und Diabetikerin. Ihr Leben ist eines zwischen zwei Extremen, eines mit Boxhandschuhen und Insulinpumpe. Wenn sie so dasteht, mit ihren kräftigen Oberarmen, den breiten Schultern, dem zielstrebigen Blick, dann mag man es kaum für möglich halten, dass ihr größter Gegner immer mitboxt.

Lüdenscheid.. Die Geschichte, die Anja Renfordt zu erzählen hat, handelt von einem kleinen Mädchen, fast zwei Jahre alt. Es ist zuckerkrank, Diabetes Typ 1, für immer. Zerbrechlich ist dieses zarte Geschöpf, ihre Haut ausgetrocknet, ihre Zukunft vorgezeichnet. Und sie handelt von einer starken Frau, 31 Jahre alt, die vor wenigen Tagen zum sechsten Mal Kickbox-Weltmeisterin geworden ist. Eine schlagkräftige Person, 180 Zentimeter groß, 80 Kilo schwer. Das Einzigartige ist: Sie erzählt von ein und derselben Person. Die Geschichte von Anja Renfordt, es ist ihre eigene.

Wenn es draußen dunkel wird, wird es drinnen martialisch laut. Paff, tsch, paff, tsch, paff, tsch. Boxen, ausatmen, boxen, ausatmen. Das Echo von hämmernden Fäusten hallt durch die Kampfsportschule MK Lüdenscheid, es riecht nach Sport. Mittendrin steht Anja Renfordt: Ihr schwarzes Top ist durchgeschwitzt, die Fäuste dick gepolstert. Sie ist hier die Heldin. Die, zu der sie alle hochschauen. Die, die es geschafft hat. Wieder einmal.

Kompromissloser Umgang mit der Krankheit

Fünf Jahre hatte sie pausiert, nachdem ihr Erfolgshunger nach fünf WM-Titeln schlichtweg gestillt war. Doch sie kehrte zurück, opferte erst ihre Freizeit, später manches ihres Ersparten, um Ende 2011 erst zur Leichtkontakt- und ein paar Wochen später zur Vollkontakt-WM nach Dublin zu reisen. Ihr Comeback glückte: einmal Silber, einmal Gold.

Wenn sie so dasteht, mit ihren kräftigen Oberarmen, den breiten Schultern, dem zielstrebigen Blick, dann mag man es kaum für möglich halten, dass ihr größter Gegner immer mitboxt. Anja Renfordt ist Diabetikerin. Länger noch als Kickboxerin. So kompromisslos sie im Ring zur Sache geht, so tut sie es auch mit ihrer Krankheit: „Ich war und bin nicht krank. Der Diabetes muss sich unterordnen – nicht andersrum.“

Ein Leben zwischen zwei Extremen

Das gelingt oft, aber nicht immer. Wenn der Blutzuckerspiegel trotz bester Vorbereitung, eisenharter Disziplin und penibler Rechnerei mitten im Training ins Bodenlose fällt, werden ihre Fäuste langsam und die Knie weich. Dann muss es schnell gehen. Selbst Gummibärchen oder Pralinen in der Ringpause sind in diesen Fällen erlaubt. Das Leben von Anja Renfordt ist eines zwischen zwei Extremen. „Trotzdem will ich nicht betüddelt werden“, sagt Renfordt, die mit zehn Jahren dem Kampfsport verfallen ist. Ihre Einstiegsdroge: Taekwondo.

Für ihr sportliches Umfeld ist das seither pausenlos ein schmaler Grat zwischen Anforderung und Rücksichtnahme, insbesondere für ihre Trainerin Marion Fiedler. Sie betreut die Kickboxerin seit gut 20 Jahren, ist längst eine gute Freundin geworden – und kann deshalb jede Veränderung frühzeitig deuten: „Man muss sie stets bremsen. Das ist oft ein Drahtseilakt.“ Manchmal endet er mit einem Sturz ins Auffangnetz. Wie in einer Nacht vor drei Jahren, als Anja Renfordt speiübel und enorm durstig aufwachte. Ihr Blutzuckerwert lag da schon besorgniserregend hoch. Um diesen selbst zu regulieren, war es zu spät. Sie hatte nach dem Abendessen schlichtweg vergessen, ihre Insulinpumpe zu betätigen. Eine Nachlässigkeit, die sie auf die Intensivstation brachte.

Warnhund für Unterzuckerung ausgebildet

Um solch brenzlige Situationen künftig zu verhindern, hat sich die Physiotherapeutin Anja Renfordt vor drei Wochen einen Hund zugelegt. Der Bayrische Gebirgsschweißhund, gut sechs Monate alt, wird gerade von Dr. Jolante Wittek-Pakulo aus Wetter zum Diabetikerwarnhund ausgebildet. Noch tut er, was er will, wieselt orientierungslos in ihrer Wohnung umher. Doch bald könnte er zu ihrem Lebensretter werden.

„Wenn ich von einer Unterzuckerung wach werde, habe ich einen Wert um die 30. Der Hund würde mich spätestens bei 70 wecken“, sagt die Besitzerin. Der Vierbeiner könne meterweit die Veränderung des Körpergeruchs wahrnehmen, sie darauf aufmerksam machen und im Notfall einen Alarm betätigen. „Obwohl ich gut eingestellt bin, will ich es nicht herausfordern“, erklärt die Lüdenscheiderin, die über einen Namen nicht lange nachdenken musste: Candy. „Weil ich ja etwas Süßes brauche, wenn er anschlägt.“ Selbst beim Kickboxen könnte Candy irgendwann hilfreich sein. Doch die Sportkarriere steht nun erst einmal hinten an – „der Hund hat Vorrang“. Ein Comeback wird es aber sicher geben. Ein Leben ohne Sport – „ach, undenkbar“. Trotz allem.