Kein Durchkommen in Dortmund

Dortmund..  Kurz vor zwölf geht im Dortmunder Saarlandstraßenviertel ein Ruck durch den Tag. Plötzlich klirrt Glas, rennen Menschen, heulen Sirenen. Blaulicht, Böller, da oben der Hubschrauber – und unten ziehen die Polizisten ihre Helme auf. „Wir haben die ersten Böller- und Flaschenwürfe“, sagt einer durch, dann rücken sie aus dem U-Bahnhof „Stadthaus“ vor, um eine Gruppe von Gegendemonstranten zu stoppen. Die wollten ganz gern zu den Rechtsextremen hinter dem U-Bahnhof, aber davor ist nun Schluss für sie. Ihnen bleibt nur die durchschlagende Waffe des Sprechchors: „Es gibt – kein Recht – auf Nazi-Propaganda!“

Anschließend wieder Beruhigung der Lage.

Am Samstag hat die Dortmunder Polizei es zu tun mit geschätzten 500 Rechten und über 2000 Gegendemonstranten in der Stadt, mit Aufzug und Kundgebung der Partei „Die Rechte“, mit Aufzug und Kundgebung der Linksautonomen sowie diversen per se friedlichen Protest-, Blockade- und Mahnveranstaltungen; ein Polit-Auflauf ist das, wie ihn die Stadt seit Jahren nicht erlebt hat.

Denn es jährt sich zum zehnten Mal, dass der Neonazi Sven K. den Punker Thomas Schulz in einem U-Bahnhof in der Innenstadt erstach. Seitdem ist jeder Jahrestag mehr oder weniger unruhig in Dortmund. Es wird diesmal einige leicht verletzte Menschen geben, einige Straftaten vor allem der Linksautonomen, so die Polizei; doch weil sie die verfeindeten Lager energisch trennt und die Kundgebungen nur weit voneinander gelegen erlaubt, bleibt der Tag weit entfernt vom selbst an die Wand gemalten Blutsamstag.

Meistgesprochener Satz an den vielen Polizeisperren, an denen Anlieger mit frischen Brötchen stranden, Kinder auf dem Weg zur Oma oder eben – Gegendemonstranten: „Nein, ich kann Sie jetzt hier nicht durchlassen.“ Für Stunden versinken Teile Dortmunds im Stau, aber der Einsatz der Räumfahrzeuge und Wasserwerfer wäre die weit schlimmere Alternative – nun können sie stehen bleiben, diskret geparkt in Nebenstraßen. Auch so ist die Polizei allgegenwärtig von den Ruhrgebiets-Bahnhöfen bis in die Stadtmitte hier: „Handtaschen werden heute wenig geklaut“, fällt einem Passanten dazu ein.

Und auch auf der Kundgebung der Rechten geht es eher ruhig zu. Alkoholkontrollen haben den einen oder anderen am Mittag bereits aus dem Verkehr gezogen, am Zugang zu dem Platz tasten Polizisten sie ein bisschen fussballplatzmäßig ab – und untersuchen härtere Verdachtsfälle diskret in einem Mannschaftszelt. Ein Redner empört sich über Sozialabbau, dann ziehen sie los: im Polizeispalier durch ein Wohnviertel. „Hier – marschiert – der nationale Widerstand.“ Vorbei an Querstraßen, wo in 100 Metern Entfernung angehaltene Gegendemonstranten ihrem Wunsch Ausdruck verleihen, Nazis mögen das Land umgehend verlassen. Vorbei an Wohnhäusern, von deren Balkonen aus Menschen Fotos schießen. Vorbei an einem „Café Abseits.“

Ihr Rechtsrock-Konzert dürfen sie in der Nähe des Stadions feiern – parallel dazu schaltet der BVB die Stadionbeleuchtung ab. Lieber wären sie im Vorort Dorstfeld gewesen, ihrer Hochburg; doch von dort nähert sich die linksautonome Demo, bis sie sich in der Innenstadt auflöst. Auch Dorstfeld-Mitte war besetzt von einem Fest der Bürgerschaft mit einem Namen, der verdächtig programmatisch klingt: „Nie mehr blöd.“