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Kai Meyer komplettiert seine "Seiten der Welt"-Trilogie

07.03.2016 | 18:18 Uhr
Kai Meyer komplettiert seine "Seiten der Welt"-Trilogie
Autor Kai Meyer.Foto: Gaby Gerster / FJB

Hagen.   Autor Kai Meyer erfindet die überraschendsten Parallel-Universen der deutschen Literatur. Jetzt ist seine „Seiten der Welt“-Trilogie komplett.

Der Tod ist ein zentrales Thema der Dichtung. Nicht wenige Autoren haben aus dem Antrieb heraus Meisterwerke verfasst, den Tod ungeschehen zu machen. Das gilt besonders für den Bereich der Phantastik. Cornelia Funkes „Tintenwelt“-Trilogie ist aus diesem Impuls entstanden und Joanne K. Rowlings Harry Potter ebenfalls. Nun untersucht Kai Meyer in seinem neuen Roman, ob Literatur das Vergehen und Vergessen überschreiben kann. „Blutbuch“ ist der letzte furiose Band seiner Trilogie „Die Seiten der Welt“. Hier entsteht ein überraschender Kosmos, der ebenso spannend wie bildkräftig ist und gleichzeitig auf mehreren Ebenen verrätselt.

Traum aller Leser

Der Autor schreibt sich sogar selbst mitten in die Geschichte hinein, aber vielleicht ist auch er nur eine Figur in einem Buch, die wiederum eine Figur in einem Buch ist. Wer hat sich nicht schon einmal vorgestellt, mit Winnetou am Lagerfeuer zu sitzen oder Gandalf beim Zaubern zuzusehen? Diesen Traum aller leidenschaftlichen Leser macht Kai Meyer in „Die Seiten der Welt“ wahr. Denn hier fallen Figuren aus ihren Büchern und existieren als Exlibris unabhängig von ihnen fort.

Magie der Bücher

Kai Meyer ist ein geradezu besessener Weltenschöpfer – mehr als 50 Romane haben den 46-jährigen Rheinländer zur führenden Stimme der deutschen Phantastik gemacht und genreübergreifend zu einem der sprachmächtigsten Erzähler der Gegenwart. In „Die Seiten der Welt“ erfindet er ein komplettes Universum, in dem sich alles nur um Bücher dreht. Die junge Furia hat von ihren Vorfahren die Fähigkeit geerbt, jene Magie einzusetzen, die den Büchern innewohnt. Sie gilt als mächtigste Bibliomantin überhaupt, sie könnte die Welt neu schreiben.

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In der realen Gegenwart hassen Tyrannen Bücher, weil in ihnen der rebellische Keim der Freiheit wohnt. Im Gegensatz dazu haben die alten Bibliomanten-Familien in den „Seiten der Welt“ ihre Kräfte genutzt, um eine Diktatur zu errichten, die von Phantasie so weit entfernt ist wie der Supermarkt-Bon von Grimms Märchen. In verheerenden Kriegen sind die Nachtrefugien entstanden, bevölkert von Tintlingen, gefährlich anmutenden Gestalten, die doch in Wahrheit nur beschädigte Kreaturen der missbrauchten Büchermacht sind.

Wie so oft bei Kai Meyer stehen in dieser Trilogie und vor allem im letzten Band wieder die Frauen im Mittelpunkt, und sie sind alle mutterlos. Furia ist verwaist, die Mutter ihrer Gegenspielerin Rachelle hat ihre Kinder verlassen, und die Mutter von Cat beweist zu wenig Rückgrat, um ihre Tochter zu unterstützen. Die Teenager müssen also selbst sehen, wie sie zurecht kommen, die Erwachsenen haben eigene Probleme – so wie die Exlibra Isis, die der Büchersucht verfällt.

Familien und Freundschaft

Kai Meyer zaubert in „Blutbuch“ eine pralle Parallelwelt voller Gegensätze, die bis ins Detail mit wundersamen Geschöpfen bevölkert wird und ein paar sensationelle Erfindungen und Abenteuer für die Leser parat hält. Dabei geht es um Familien, um Freundschaft, und vor allem um Emanzipation. Furias versehentlicher Bibliomantik ist es zu verdanken, dass die aus den Büchern gefallenen Exlibris eigene magische Macht erhalten. Ein gleichberechtigtes Existenzrecht fordern die Mutigsten unter ihnen ohnehin. So wie eben Winnetou und Gandalf unsere Gegenwart prägen, als würde es sie tatsächlich physisch geben.

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Am Ende kann auch die beste Buchmagie niemanden wieder von den Toten zurückschreiben. Deshalb muss Furia eine mutige, erwachsene Entscheidung treffen, die vor allem sie selbst verändern wird. Doch der magische Trost aller Bücher ist den Lesern dieses überbordend einfallsreichen Finales gewiss: Wer hätte sich nicht schon einmal als Charakter direkt in seine Lieblingsgeschichte hineingedacht? Solange jemand ein Buch liest, solange bleiben dessen Helden unsterblich.

Kai Meyer, Die Seiten der Welt: Blutbuch, Fischer FJB, 19,99 Euro. Ab 10. März

Monika Willer

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