Jeder zweite Fernfahrer hatte bereits Sekundenschlaf
05.01.2012 | 19:04 Uhr 2012-01-05T19:04:00+0100
Münster. Termindruck und Eintönigkeit führen immer mehr zu Übermüdung am Steuer. Besonders Lkw-Fahrer sind betroffen. Ein Besuch beim Fernfahrerstammtisch in Münster.
Heute wird es wieder zehn Mal krachen. Zehn Unfälle, in denen laut Statistik mindestens ein Lastwagen verwickelt sein wird. Und das allein auf den Autobahnen in Nordrhein-Westfalen. „Es ist nicht neu, dass die Leute Angst vor uns haben“, seufzt Ulrich Niemann, seit 40 Jahren Fernfahrer. Seine Augen sind rot unterlaufen. Wen mag das verwundern: nach fast 2000 eintönigen Kilometern in drei Tagen auf einer nicht enden wollenden Asphaltpiste, die er seinen Arbeitsplatz nennt. „Eigentlich müsste ich schon längst schlafen“, sagt der 60-Jährige. Doch ausgerechnet heute ist Stammtisch. Fernfahrerstammtisch. Wie an jedem ersten Mittwoch im Monat. Thema heute: Sekundenschlaf. Wie passend.
Jeder zweite Brummi-Fahrer gibt unumwunden zu, dass er schon mal eingenickt ist am Steuer. Hier und heute, an der belebten A 1-Raststätte Münsterland-Ost, sind es sogar mehr als die Hälfte. „Da kann sich doch keiner von freisprechen“, sagt Niemann. Die anderen nicken zustimmend. Polizeihauptkommissar Christoph Becker, der hier nur „der Christoph“ ist, leitet seit sechs Jahren Deutschlands ersten von mittlerweile 35 Fernfahrerstammtischen. Er selbst bezeichnet sich als „Freund der Fahrer“. Dementsprechend leicht fällt es ihm, die Ursachen aufzuzählen. Termindruck sei da einer. Detlef Siemen, der schon als kleiner Bub in Papas Fahrerhaus Platz nahm, sagt nüchtern: „Dieser Stressfaktor ist für uns tödlich.“ Im schlimmsten Fall auch für andere.
Gerade die Discounter würden immer mehr aufs Tempo drücken. Jede Sekunde zählt. Auch die, in der die Augen schwer werden. „Häufig müssen die Jungs in ihrer Pause noch ihren Lastwagen be- oder entladen, um ihr Ziel am Ende der Woche zu erreichen“, sagt Becker. Ein Stammtischler ergänzt: „Wir fühlen uns wie Maschinen.“ Und Maschinen brauchen keinen Schlaf. Der Tarifvertrag der Brummifahrer erlaubt 15 (!) Arbeitsstunden pro Tag. Schlaf ist darin nicht vorgesehen, lediglich zwei 45-Minuten-Pausen. Wer doch bei Tempo 80 eine Sekunde einnickt, legt 22 Meter Blindflug hin. Völlig ausreichend für eine Katastrophe.
Weniger Kontrollen wegen digitaler Technik
Wie im August vergangenen Jahres, als ein rumänischer Lkw-Fahrer, der auf der A 1 einnickte, in die Leitplanken raste. Verletzt wurde gottlob niemand. Der Lastzug aber hatte einen Totalschaden, die Autobahn blieb 15 Stunden gesperrt. „Der volkswirtschaftliche Schaden betrug durch den Stau mehrere Millionen Euro“, schätzt Becker, der nicht zuletzt die wachsende Eintönigkeit für solche Unfälle verantwortlich macht. Tempomat, automatischer Abstand- und Spurhalter – „da muss ich als Fahrer ja vier, fünf Stunden gar nichts machen.“
Der Fortschritt geht noch weiter: Auch in der Fernfahrer-Branche sind sie digital unterwegs. Die Ära des Fahrtenschreibers ist längst vorbei. „Zum Vorteil der Fahrer“, sagt Becker. Das Auslesen der neuen Geräte dauere nämlich geschlagene 20 Minuten. Zeit, die Autobahnpolizisten selbst an ruhigen Tagen selten haben – wenn sie denn überhaupt eines der wenigen Auslesegeräte mitführen. „Es wird viel seltener kontrolliert“, gibt Becker zu. Die Stammtischler nicken lächelnd. „Wenn wir früher kontrolliert haben, galt der Spruch: ‘Führerschein, Fahrzeugschein, 20-Euro-Schein, bitte.’ Da ist so gut wie jeder zu schnell gefahren“, sagt „der Christoph“. Ob sie heute wohl langsamer fahren?
2030 fahren 50 Prozent mehr Lkw über NRW-Autobahnen
Ein weiteres, gravierendes Problem ist der Mangel an Parkplätzen. Manchmal bliebe den Fahrern gar nichts anderes übrig, als die erlaubte Lenkzeit zu überschreiten, weil die Rasthöfe voll sind. „Das ist unverantwortlich“, schimpft Niemann. Und das Problem wird zunehmen: Schon heute ist jedes fünfte Fahrzeug im Straßenverkehr ein Lastwagen. „Bis 2030 soll sich das Lkw-Aufkommen um 50 Prozent erhöhen“, gibt Becker im Anschluss an den Stammtisch zu bedenken. Dann würden 24 000 Laster über die Autobahnen des Landes düsen.
Ulrich Niemann bekommt dies nicht mehr mit. Er ist schon in seinem Lkw verschwunden. Er will schlafen. Und das ist auch gut so.
0mitdiskutieren