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Interview mit einer Sterbenden

10.09.2012 | 19:04 Uhr
Interview mit einer Sterbenden
Es sei das tiefgründigste Gespräch seines Lebens gewesen: Nils Ronge während der Unterhaltung mit Frau Liebermann

Witten.   Ein Kinofilm-Projekt der Unis Witten/Herdecke und Düsseldorf bringt 30 junge mit 30 todkranken Menschen zusammen. Für einige veränderte sich danach ihr Leben – wie für Nils Ronge aus Witten

Die Frau, die in 53 Minuten sein Leben veränderte, siezt er. Wie es ein wohl erzogener Bursche wie Nils Ronge eben tut mit Menschen, denen er noch nie zuvor begegnet ist. Frau Liebermann*, eine hagere Dame im Rollstuhl, Mitte 70, siezt zurück. Die Kamera läuft bereits einige Minuten, als all die Förmlichkeit, all die Scham erdrutschartig von beiden abfällt und Frau Liebermann das sagt, was Nils Ronge längst weiß: „Ich werde bald sterben!“

Niemand redet gerne über den Tod. Auch Nils Ronge, 22, Altenpfleger, nicht. Selbst seine Oma oder seinen Opa hatte er nie darauf angesprochen. Und doch zog ihn das Filmprojekt, von dem er eines Tages erfuhr, sofort in seinen Bann: Die Universitäten Witten/Herdecke und Düsseldorf suchten bundesweit 30 junge Menschen, die mit Sterbenden über den Tod reden. Ronge bewarb sich, Frau Liebermann stellte sich zur Verfügung. Zwei Monate später sitzen sie sich gegenüber, in einem hellen Zimmer der Palliativstation der Uni-Klinik Düsseldorf. Es ist Frau Liebermanns Zimmer. Auf dem Tisch liegt ein selbstgemaltes Bild – „von meiner Enkelin, dem Goldstück“.

Nils Ronge ist nervös, ist zerrissen zwischen seiner Neugier und der Angst, die falsche Frage zu stellen. Frau Liebermann geht es genauso. Also unterhalten sie sich übers Wetter, ehe Frau Liebermann die Initiative ergreift: „Wie würden Sie sich fühlen, wenn Ihr Arzt Ihnen heute Krebs diagnostiziert?“ Eine Frage, die den Wittener bis heute begleitet. Damals antwortete er: „Ich würde in ein ganz tiefes Loch fallen!“

Auf dem Flur brennt eine Kerze. Sie stecken auf der Palliativstation immer eine an, wenn ein Patient verstorben ist. Dr. Christian Schulz ist hier der stellvertretende Leiter und Oberarzt – und neben Dr. Martin Schnell der Leiter des Filmprojektes. Sie forschen schon seit vielen Jahren rund ums Sterben, schrieben Bücher, ihre Arbeiten sind international preisgekrönt: „Es war uns nun wichtig, dass sich junge Menschen mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen“, sagt Schnell. Die Resonanz war überwältigend und lag mit mehr als 100 Bewerbung drei Mal so hoch wie die Teilnehmerzahl.

Ministerium finanziert das Projekt

Ostern 2013 soll der Film in die Kinos kommen. Eine Dokumentation, die nicht nur eine Aneinanderreihung von bewegenden Gesprächen werden soll, sondern die auch den Weg der jungen Menschen nach der Begegnung weiterverfolgt. Finanziert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Sie fragt ihn: „Würden Sie als Ausweg Selbstmord sehen?“ – „Momentan kann ich mir das nicht vorstellen. Aber in der Situation selbst würden einem wahrscheinlich automatisch solche Gedanken kommen.“ – „Mir nicht.“ – „Warum nicht?“ – „Weil mir der liebe Gott das Leben geschenkt hat und er entscheidet, wann es zu Ende geht.“

Tod immer noch als Tabu

Wenn Ronge, der Altenpfleger, früher seine Patienten zu dem Thema Tod befragte, bekam er stets dieselbe unbefriedigende Antwort: „Mensch, Junge, mach dir mal keine Gedanken. Du bist noch so jung!“ Der Tod als Tabuthema, so sagt er heute, begegnete ihm ständig. Es sei ohnehin ein großes Defizit unserer Gesellschaft, wie er findet: „In der Schule lernt man alles über das Leben: Geburt, Sexualität – nur der Tod wird nie behandelt.“

Er würde jedem solch ein Gespräch wünschen. Solch ein Schlüsselerlebnis, das in seinem Fall alles auf den Kopf gestellt hat. „Ich wollte immer mein Abi nachholen, habe es aber ständig aufgeschoben. Das mache ich später mal“, erzählt er. Doch „später“, wann ist das eigentlich? Was wäre, wenn ihm sein Arzt tatsächlich Krebs diagnostizieren würde? Zwei Tage nach dem Gespräch meldete er sich beim Berufskolleg Witten an.

Frau Liebermann ist zu schwach, um fortzufahren. Nach 53 Minuten schaltet die Kamera ab. Nils Ronge hätte noch so viele Fragen gehabt. Sie sagt zum Abschied: „Bis bald!“ Er erwidert: „Wir sehen uns!“ Drei Tage später zünden sie auf der Palliativstation eine Kerze an. Sie brennt für Frau Liebermann.

*Name geändert

Dennis Betzholz



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