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Forensische Klinik

In Lünen formiert sich Widerstand

23.10.2012 | 19:27 Uhr
In Lünen formiert sich Widerstand
Hinter dem Bauzaun soll die Forensik in Lünen entstehen. Die Anwohner Nicole Wehlend (l.) und Karin Gruno sind dagegenFoto: Gerd Kestermann

Lünen.   Die Wut über die Forensik ist nicht nur in der angrenzenden Siedlung gewaltig. Auch die Stadt will sich wehren. Die Erfolgsaussichten sind gering

Die Hiobsbotschaft, die so abrupt wie unerwartet kam, ließ keine Zeit zum Umziehen. Karin Gruno, 68, trägt noch Hausschuhe und Jogginghose, als sie zielgerichtet durch die schmalen Straßen der Lüner Zechen-Siedlung Barbara marschiert, um es allen zu erzählen: Leute, wir kriegen die Forensik! Direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite! Manche wissen es schon, anderen entgleiten die Gesichtszüge. Das Lauffeuer brennt in Minuten lichterloh. Entsetzen. Wut. Sprachlosigkeit.

Wenn Manfred Gehling aus seinem Fenster schaut, schweift sein Blick unweigerlich über das 25 Hektar große Brachgelände. Dort hin, wo sie früher auf der Zeche Viktoria I/II Kohle förderten und nun auf fünf Hektar rund 150 psychisch kranke sowie suchtkranke Straftäter therapieren wollen. „Wir hatten hier ruhige und turbulente Zeiten. Aber das ist der Höhepunkt. Wieso denn ausgerechnet hier, mitten im Wohngebiet?“, platzt es aus Gehling, 60, heraus.

Lüner Bürgermeister hält Entscheidung für falsch

Es ist gerade eine halbe Stunde her, da stellte auch Lünens Bürgermeister Hans Wilhelm Stodollick diese Frage im Sitzungssaal 1 des Rathauses. Auch er fand keine Antwort, wurde auch er von der Nachricht am Abend zuvor überrumpelt. „Wir halten Lünen und insbesondere den gewählten Standort für nicht geeignet“, sagte Stodollick.

Er sei sich zwar im Klaren, dass das bloße Verschieben der Verantwortung auf andere Städte keine Lösung sein kann – aber dort? Wo nur 300 Meter entfernt ein Kindergarten existiert? Die politischen Gegner stärkten dem Stadtobersten den Rücken: Von einem „schlechten Tag für Lünen“ war die Rede, „tief enttäuscht“ sei man, „sehr erschrocken“ und „entsetzt“. Der Bürgermeister wolle sich nun in einem persönlichen Gespräch mit der Landesregierung gegen die Entscheidung wehren.

Welchen Erfolg das hat, zeigt der Fall der Stadt Herne. Sie klagte gegen eben diese Entscheidung. Der Prozess dauerte acht Jahre, kostete viel Geld, ging bis zum Bundesverfassungsgericht, das letztendlich urteilte: Die Forensik kommt nach Herne.

Bürgerinitiative gründet sich

Jetzt kommt eine nach Lünen. In die Siedlung von Karin Gruno. „Endlich haben sich hier junge Leute mit Kindern niedergelassen. Und jetzt ziehen sie hier fünf Meter hohe Mauern hoch“, klagt sie. Nicole Wehlend, 33, nickt. Vor vier Jahren haben sie und ihr Mann hier eines der Zechenhäuser gekauft. „Wenn die Forensik fertig ist, ist meine Tochter in dem Alter, in dem man sie auch alleine zur Schule laufen lässt“, sorgt sich die Erzieherin. Und verkaufen könne man das Haus jetzt eh nicht mehr. „Will doch keiner mehr für den Preis haben“, schimpft Manfred Gehling.

Dass es in den Forensik-Kliniken in NRW in den letzten zehn Jahren keinen Ausbruch gegeben hat – interessiert hier und heute keinen. Dass die Zahl der verspäteten Rückkehrer aus dem Urlaub oder vom Freigang erheblich zurückgegangen ist – geschenkt. Lünen ist um einige Hundert Wutbürger reicher. Und um eine Bürgerinitiative.

Dennis Betzholz



Kommentare
24.10.2012
09:18
In Lünen formiert sich Widerstand
von dieblaueminna | #1

Ist doch immer dasselbe: Einsperren ja,aber bitte nicht bei uns. Woanders aber nicht hier.Was ist dass den für eine Logik? Wenn das jeder sagen würde müssten die Leute auf den Mond geschosssen werden.

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