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Gleiche Chancen für alle – auch im Rollstuhl

30.10.2011 | 19:12 Uhr
Gleiche Chancen für alle – auch im Rollstuhl
Foto: Ralf Rottmann

Essen.   Wer als Behinderter einen Arbeitsplatz sucht, hat es schwer. Viele Chefs zahlen lieber eine Ausgleichsabgabe, statt Menschen im Rollstuhl oder mit geistigen Behinderungen einzustellen. Doch es gibt auch Ausnahmen.

Andreas Alt ist das, was heute überall gebraucht wird. Ein „Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung“. Anders formuliert: ein Programmierer. Einer mit guten Zeugnissen, mit Praktika bei großen Unternehmen und Referenzen des Fraunhofer-Instituts. Doch eine Anstellung wollte ihm jahrelang niemand geben. Trotz seiner 70 Bewerbungen erhielt der 26-Jährige noch nicht mal eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Andreas Alt weiß, woran das liegt. Auch wenn es niemand offen formuliert hat. Doch als Kleinwüchsiger, der im Rollstuhl sitzt, kennt der 28-Jährige all die Vorbehalte.

Auch Hekmat Mussa sind sie vertraut. Diese und noch einige mehr. „Als Rollstuhlfahrer und Ausländer hat man es gleich doppelt schwer, wenn man Arbeit sucht“, sagt der 31-Jährige. Er kam aus dem Irak nach Deutschland und schloss hier eine Ausbildung als Elektrotechniker ab. An die genaue Zahl seiner zig Bewerbungen kann er sich nicht erinnern. An die seiner Vorstellungsgespräche jedoch genau: Null. Zumindest bis zu jenem Zeitpunkt, als er von AfB erfuhr. Denn der Name ist Programm: „Arbeit für Menschen mit Behinderungen“ heißt jenes Unternehmen, das sich stolz „Europas erstes gemeinnütziges IT-Systemhaus“ nennt. Eine gemeinnützige GmbH, die ihren Sitz in Essen und mittlerweile neun Niederlassungen hat. Die vom Land als Integrationsprojekt anerkannt ist. Und die Hekmat Mussa und Andreas Alt in Essen zu Kollegen gemacht hat...

Hier sind die Nicht-Behinderten in der Minderheit

Bei AfB ist vieles anders. Hier sind die in der Minderheit, die nicht behindert sind. Und doch: Das Unternehmen legt Wert darauf, dass es unabhängig ist. Dass es keiner Werkstatt für Menschen mit Behinderungen angehört und auch keinem Systemhaus und keinem Hersteller. „AfB gehört theoretisch den Mitarbeitern. Hier macht sich kein Manager die Taschen voll“, sagt Dirk Fißmer, Marketingleiter von AfB in NRW und Niederlassungsleiter in Unna. Und noch etwas hebt er hervor: Dass alle Mitarbeiter zu branchenüblichen Gehältern unbefristet beschäftigt werden.

Das Konzept, eine gemeinnützige Gesellschaft im IT-Bereich zu etablieren, gilt als einzigartig in der Branche. Die Idee der Gründer „mit sozialem Fokus und persönlichem Engagement“ im Jahr 2004: Firmen überlassen der AfB gGmbH ihre nicht mehr benötigten IT-Hardware wie Computer, Bildschirme, Laptops und Drucker. Diese werden von den Mitarbeitern getestet, falls nötig repariert, gereinigt und in den eigenen Shops mit zwölf Monaten Garantie wiederverkauft. Vorher jedoch werden in einem zertifizierten Verfahren alle Daten gelöscht – je nach Wunsch in der drei- oder siebenfachen Variante. „Unsere Kunden haben oft sensible Daten. Die verlassen sich darauf, dass vernünftig gelöscht wird“, sagt Fißmer. Was nicht gelöscht werden kann, wird zerschreddert. Mittlerweile gehören rund 50 große Unternehmen zum Kundenstamm - darunter auch REWE, Continental oder RWE.

INFO
Mehr als 150 000 Altgeräte aufbereitet

Gegründet wurde AfB 2004 im badischen Ettlingen. Heute gibt es Niederlassungen in Essen, Unna, Köln, Jülich, Stuttgart, Nürnberg, Hannover, Ettlingen und Wien. Weitere sind geplant. Ziel ist es, bis Ende 2013 mehr als 500 Arbeitsplätze im IT-Bereich einzurichten.

Im vergangenen Jahr verzeichnete AfB einen Umschlag von über 150 000 Gebrauchtgeräten. „Die ausgediente IT-Hardware wird nicht nach Afrika gegeben, wo sie von kleinen Kindern auseinandergepflückt wird, sondern bleibt im Umlauf. Das schont Ressourcen und entlastet die Umwelt“, sagt NRW-Marketingleiter Dirk Fißmer. Er hofft auf neue Kunden – und damit neue Filialen mit Arbeitsplätzen für Behinderte.

Fißmer ist gerne bereit, Unternehmern, Politikern oder auch Schulklassen die Ziele von AfB vorzustellen. Anfragen unter Tel. 0201 / 37 98 020 oder per E-Mail unter dirk.fissmer@afb24.com
Infos unter: afb24. com

Auch die Zahl der Mitarbeiter ist kontinuierlich angestiegen: Mittlerweile arbeiten 150 Frauen und Männer für AfB, 60 Prozent davon sind behindert. Und ihr Einsatzspektrum ist groß: Es reicht vom Gehörlosen, der als Lagerist tätig ist, über die psychisch kranke Frau, die Bildschirme reinigt, bis zu Autisten, die die Geräte reparieren. „Jeder wird nach seinen ganz individuellen Fähigkeiten eingesetzt“, sagt Fißmer. „Wir wissen, dass wir nicht 100 Prozent erwarten können. Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch Leistung verlangen.“ Allerdings: Hier wird niemand unter Druck gesetzt. Hier hat man Verständnis, hier herrscht ein freundschaftliches Miteinander.

„Vom ersten Moment an hab ich mich hier sehr wohl gefühlt, alle waren sehr zuvorkommend, das habe ich so noch nicht erlebt“, sagt Andreas Alt. „Die Nicht-Behinderten gehen hier mit den Behinderten ganz normal um. Wir sind ein richtiges, super Team.“ Eines, das auch Entwicklungsmöglichkeiten lässt: „Hier gibt es gleiche Chancen für alle“, sagt Andreas Alt, „und ich habe eine verantwortungsvolle Aufgabe.“

Eine Arbeit, die nicht nur branchenüblich bezahlt wird, sondern die Menschen auch verändert. „Ich habe einen Kollegen, der ist Autist und hat am Anfang überhaupt nicht geredet“, schildert der Essener Niederlassungsleiter Wilfried Schneider. „Inzwischen ist er richtig gesprächig geworden.“ Kein Einzelfall, weiß Fißmer: Er kennt Mitarbeiter, die inzwischen „singend und tanzend“ durch den Laden gingen. Denn Arbeit bedeute für die Betroffenen mehr, als nur Geld zu verdienen: „Behinderte leiden mehr darunter, dass sie keine Aufgabe haben, als unter ihrer Behinderung“, sagt Fißmer. Auch er weiß, wovon er spricht. Nach zwei Unfällen ist der frühere Leistungssportler zu 60 Prozent behindert und saß selbst vorübergehend im Rollstuhl. „Und plötzlich ist man dann für sein Unternehmen, für das man 25 Jahre gearbeitet hat, nichts mehr wert.“

Bei AfB weiß man jedoch, was Behinderte leisten können und dass Vorurteile fehl am Platz sind. „Es ist Fakt, dass Behinderte weniger krank sind und sich mehr einsetzen für ihre Firma, weil es für sie wie ein zweites Zuhause ist“, sagt Fißmer. Keine Frage: All jenen Chefs, die die Bewerbungen von Andreas Alt und Hekmat Mussa abgewiesen haben, sind zwei engagierte Mitarbeiter verloren gegangen...

Katja Sponholz

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Kommentare
31.10.2011
17:43
Die Welle wird uns überrollen !!!
von DerMerker | #1

Das Hauptproplem Heute ist nicht mehr die Schwerbehinderung durch einen physischen Schaden, sondern durch psychische Schäden! Die sogenannte "Burnoutwelle" früher unter dem Begriff "Ich bin Fix u. Fertig" wird uns überrollen! Es werden aber viele Lauschepper versuchen auf dieser Welle mit zu Reiten um sich einen einfachen Arbeitsaltag zu verschaffen!

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