Gewerkschaft richtet Homepage für Amazon-Mitarbeiter ein
13.01.2012 | 18:17 Uhr 2012-01-13T18:17:00+0100
Werne/Dortmund. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat eine eigene Homepage eingerichtet, auf der Beschäftigte des Internet-Händlers Amazon ihre Erfahrungen austauschen können. Denn der Leidensdruck ist standortübergreifend offenbar groß. Betroffene berichten von "Druck, permanenter Beobachtung, Einschüchterung und Kontrolle".
Dirk Weber (Name geändert) ist kaufmännischer Angestellter. Einer, der als Werksleiter bereits Führungsaufgaben hatte. Und einer, der auch schon mal im Lager gearbeitet hat. Jene drei Monate waren wohl die schlimmsten im Arbeitsleben des 41-Jährigen. Nicht wegen der Arbeit. Nicht, weil er stundenlang durch eine riesige Halle hetzen und Pakete packen musste. Sondern wegen des Arbeitgebers – und wegen des Klimas, das dieser in seinem Betrieb verbreitete.
„Druck, permanente Beobachtung, Einschüchterung, Kontrolle“ beschreibt Weber. Eine Erfahrung, die viele Mitarbeiter teilen, die bei dem amerikanischen Versandhändler Amazon arbeiten. Im Internet füllen die Erfahrungsberichte der Betroffenen schon zahllose Seiten. Wobei es völlig egal zu sein scheint, um welchen Standort es geht.
Arbeitsverhältnis bei Amazon: "Ich Chef - du Arsch."
Dirk Weber war in Werne im Kreis Unna beschäftigt. Und wenn er daran zurückdenkt, schüttelt er noch immer den Kopf. „Es ist unglaublich, wie man dort mit den Leuten umgeht“, bilanziert er. Für die Form des Miteinanders findet er drastische Worte: „Es ist geprägt durch das Verhältnis: Ich Chef - du Arsch. Und wenn ich sage, du springst, dann springst du. Und wenn du das nicht tust, kannst du gleich wieder gehen.“ Das sei eigentlich das Schlimmste gewesen, sagt Weber: Dass die Vorgesetzten den Mitarbeitern ständig das Gefühl gäben, sie eigentlich nicht brauchen zu müssen. „Notfalls lässt man sich halt wieder die nächsten 100 Leute vom Jobcenter schicken.“ Zwei Wochen Bezahlung inklusive.
Eine Prüfung des NRW-Arbeitsministeriums ergab, dass allein bis Oktober 1629 Trainingsmaßnahmen gefördert wurden. Eine Maßnahme, die rechtlich zwar in Ordnung ist, bei Gewerkschaftern und Sozialpolitikern jedoch trotzdem auf massive Kritik stieß: Im Landtag kritisierte NRW-Sozialminister Guntram Schneider „skandalöse Praktiken bei der Beschäftigung von Aushilfen“.
Für den Standort in Werne hat Amazon im April angekündigt, in drei Jahren 1000 langfristige und bis zu 1000 weitere saisonale Stellen während der Hochsaison zu bieten.
In Rheinberg (Start im September 2011) sollen in drei Jahren ebenfalls 1000 feste und sogar 2000 Saison-Arbeitsplätze geschaffen werden.
NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider hofft bei der künftigen Förderung von Trainingsmaßnahmen auf eine „abgestimmte Förderphilosophie“ zwischen Bund und Ländern.
Ihm gehe es dabei „um die Vermeidung von Mitnahmeeffekten größeren Ausmaßes“, schrieb er an Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen.
Wie viele Mitarbeiter dürfen bleiben? Amazon und das Jobcenter schweigen
Wie viele der Arbeitskräfte nach dem Weihnachtsgeschäft überhaupt noch einen Job bei Amazon haben, bleibt ein Geheimnis . „Über die genauen Zahlen haben wir mit Amazon Stillschweigen vereinbart“, sagt Uwe Ringelsiep, Geschäftsführer des Jobcenters Kreis Unna. Man habe mit dem Unternehmen bei der Ansiedlung ausgemacht, dass es kontinuierlich eine Dauerbeschäftigung aufbaue. „Amazon hat diese Vereinbarung im Vorjahr eingehalten, sogar übererfüllt“, sagt Ringelsiep. Das nächste Mal werde man nun im Februar Bilanz ziehen.
Auch Amazon selbst will keine genauen Zahlen nennen oder Informationen zur Art der Beschäftigung geben. Auf Anfrage teilte eine Amazon-Sprecherin lediglich mit, dass man sich „zunächst einmal freue“, dass man „mehrere Hundert der Mitarbeiter“ zum Jahreswechsel „aus dem saisonalen Anstellungsverhältnis in eine weitere Beschäftigung übernehmen“ konnte. Mit der Einstellung von Mitarbeitern für die Hochsaison werde man voraussichtlich Mitte des Jahres beginnen.
Jobcenter schließt Wiederholungen von Praktika aus
Das Jobcenter Kreis Unna wird dann ganz genau hinschauen, wie es mit der Förderung umgehen wird. „Hinter jedem steht eine Einzelfallentscheidung“, betont Ringelsiep. „Und es ist eine klare Sache: Wer schon mal ein Praktikum bei Amazon gemacht hat, wird es nicht wiederholen müssen. Das ist ausgeschlossen.“
Auch bei der zeitlichen Begrenzung - die vom Gesetzgeber gerade von vier auf sechs Wochen ausgedehnt wurde – hat Ringelsiep klare Vorstellungen. „Bei Amazon geht es um einfache Tätigkeiten. Das rechtfertigt nur ein Praktikum von zwei Wochen.“
Verständnis? Rücksichtnahme? Fürsorge?
Doch für Dirk Weber, der es in Werne bis zum etwas übergeordneten „Co-Worker“ geschafft hat, ist jedoch schon dieser Zeitraum zu hoch gegriffen. „Den neuen Leuten werden im Schnitt nur zwei Tage Einarbeitungszeit gegeben. Ab dann müssen sie die Leistung bringen, die von allen verlangt wird.“ Ganz bewusst werde dabei der Konkurrenzkampf unter den Mitarbeitern angestachelt - wohl auch, um die Belegschaft als Einheit nicht zu stark zu machen. Fürsorge gegenüber Mitarbeitern? Verständnis für einen Einzelfall? Rücksichtnahme? Bei solchen Begriffen kann Weber nur spöttisch lächeln. „Die Bezeichnung ‘unsozial’ wäre noch nett ausgedrückt für diesen Arbeitgeber“, sagt er.
Und dann erzählt er von jener alleinerziehenden Frau, die darum bat, ihre Arbeitszeit wegen Problemen bei der Kinderbetreuung um eine halbe Stunde nach hinten zu verlegen . Oder von jenen Mitarbeitern, die als Langzeitarbeitslose kein eigenes Auto besaßen und wegen des eingeschränkten Busverkehrs Probleme mit einer Ausdehnung der Nachtschicht hatten.
Müßig zu fragen, ob der Arbeitgeber sich bei der Gestaltung der Arbeitszeit flexibel zeigte. „Hier zählt nur die Planzahl. Und dabei herrscht das Motto ‘hire and fire’“, sagt Weber. Umso mehr freut er sich, dass die Arbeitsbedingungen und auch die Absprachen mit dem Arbeitsamt in der Politik zum Thema geworden sind. „Ich hoffe nur, dass sich jetzt auch wirklich etwas ändert und man genauer hinschaut“, gibt der 41-Jährige zu. „Natürlich ist es für die Städte schön, dass die Zahlen in ihrer Arbeitsmarktstatistik für einige Zeit besser aussehen. Aber deshalb sollten sie sich von solch einem Arbeitgeber trotzdem nicht so unter Druck setzen lassen.“
Unter www.amazon-verdi.de hat die Gewerkschaft eine Homepage für Betroffene eingerichtet.
15:05
Was glauben Sie wohl, welche Leute dort vom Jobcenter "vermittelt" wurden?
Na - noch mal denken!
09:31
@ Kommentar 6: Der erste Teil Ihrer Analyse ist richtig, selbst Aushilfsjobs werden zunehmend mit Abiturienten besetzt. Komplett falsch ist aber die weit verbreitete Ansicht, zwischen dem Preis eines Produktes und den Arbeitsbedingungen beim Hersteller bestehe ein kausaler Zusammenhang und die Konsumenten zwängen die Hersteller durch ihren "Geiz" zu einem nahezu ruinösen Wettbewerb und niedrigen Preisen, so dass diese gezwungen sind ihre Arbeitnehmenr schlecht zu entlohnen etc. und wer mehr für Produkte bezahle, der sorge auch für höhere Löhne. Nach dieser Theorie müssten bspw. bei Apple (bzw. deren Lohnfertiger(n) paradiesische Löhne gezahlt werden und beispielhafte Arbeitsbedingungen herrschen. Aber wie sieht die Realität aus? In den Fabriken von Apples Lohnfertiger(n) werden die Arbeiter nahezu wie Sklaven behandelt (einfach mal eine Suchmaschine zur Überprüfung bemühen). Im konkreten Fall amazon ist zudem ein klares Versagen und die Hauptschuld bei der Politik zu suchen, die es einem Konzern mit glänzenden Geschäftszahlen solche frechen Subventionen erlaubt und die zum x-ten mal zeigt, wie verherrend und schädlich das system ALG II tatsächlich ist.
09:13
@ (5) tom009
Ja sicher der böse Kunde hat Schuld, weil er alles billig billig haben will.
Das ist die Gleiche Grundlage, für die dusselige Frage: Hat der Verbraucher Schuld an keimbelasteten Fleisch?
Was glaube Sie eigentlich, was/wie Gewinne gemacht werden.........
Vielleicht bekommen in Ihrer kleine Welt die Mitarbeiter mehr Geld und die Arbeitsverhältnisse werden besser, wenn die Preise erhöht werden.
In der Realität streichen sich die Konzerne die Differenz ein und es ändert sich gar nix, solange keine vernünftige Arbeitnehmervertretung vorhanden ist.
Nach der Politik muss man nicht schreien die machen alles damit die Lobby zufrieden ist.
Aber heute ist es ja toll Gewrkschaften und Betriebsräte doof zufinden und sich nicht in Gewerkschaften zu organisieren. Man spart sich lieber den Beitrag.
Ein Einzelner ändert mal gar nix, auch nicht wenn der Verbraucher mehr zahlt.
23:53
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20:05
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und wen interessiert das?
20:03
... und der Laden ist in 3 Monaten konkurs!
17:38
Ungelernte und Ältere haben in Deutschland generell ein Problem, denn sie werden kaum noch gebraucht. Selbst für einfachste Jobs werden heute schon Abiturienten gesucht. Der Rest schlägt sich um die sog. "Bad Jobs". Dieser Abreitsmarkt bringt es mit sich, dass die Mitarbeiter beliebig austauschbar werden. Konsumenten, Politik und Wirtschaft wollen es seit Jahren so. Gegen die Arbeitsbedingungen in den Ländern aus denen die ganze Ware heute kommt, ist Amazon Deutschland noch ein Ponyhof. Trotzdem ist das von vorne bis hinten der Preis für die günstige Elektronik und das billige Spielzeug etc. Also entweder aufhören zu jammern oder bewusst kaufen. Amazon ist nur ein großer "Player" in der Branche. Aber wer glaubt der kleine schnell empor gestiegene Billig-eBay-Händler geht mit seinen Angestellten besser um, dürfte wohl meistens irren. HartzIV und grenzenlose Globalisierung machen es möglich.
es gibt überwiegend nur noch ugly-Jobs - siehe z.B. Amazon. Ich habe studiert und das Asi-Amt bietet (bot) mir trotzdem nur son Sklavenhändler-Sche*ß an. Nach absichtlich erfolglosen "Bewerbungen" und genügend Attesten lassen sie mich weitgehend in Ruhe. Die guten Jobs teilen Insider unter sich auf und für die eigentliche Arbeit wird billige Masse gesucht. Hauptsache billig - und willig.
16:27
tja
das kommt davon wenn kunden es nur billig billig billig haben wollen.
oder meint ihr etwa das alle mitarbeiter dort anständig bezahlt werden.
außer vielleicht die chefs.
der rest nun ja.
also vorläufig dort nicht mehr bestellen.
wenn die kunden wegbleiben dann wird sich vielleicht was ändern.
aber da sehe ich schwarz.
es wird lieber 2 euro gespart und gedacht was gehen mich die dortigen mitarbeiter an als anderesrum.
16:25
Wer zieht eigentlich die ARGE-Mitarbeiter zur Rechenschaft, die solche Machenschaften wie bei AMAZON mitmachen?
15:30
Ehe Arge-Mitarbeiter und besonders die Politiker die Arbeitslosen in solche Jobs zwingen, sollten sie da besser mal selbst vorher probearbeiten. Natürlich anonym.
Dann wüßten sie spätestens nach 3 Tagen, ob es ein Verbrecherladen ist wie Amazon oder ob er OK ist!
Aber genau diese Arbbeitsverhältnisse sind es, die uns so toll durch die Krise gebracht haben!
Ausbeutung auf niedrigstem Niveau.
Es gilt der Spruch: Würde man nicht viele arm halten, könnten wenige nicht reich werden!