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5. Jahrestag von „Kyrill“

Gefangen zwischen umgestürzten Bäumen

16.01.2012 | 17:18 Uhr
Gefangen zwischen umgestürzten Bäumen
Szenen wie diese boten sich flächendeckend in Südwestfalens Wäldern nach dem Wüten von Kyrill.

Siegen.   Paul Breuer war als Landrat oberster Krisenmanager beim Katastrophenalarm durch den Orkan Kyril. Im Interview berichtet er von seinen Erinnerungen.

Paul Breuer war 2007 als Landrat verantwortlich für das Krisenmanagement im Kreis Siegen-Wittgenstein. Michael Schmitz sprach mit ihm über die Ereignisse der damaligen Sturmnacht.

Herr Breuer, wissen Sie noch, was Sie an jenem Tag gemacht haben?

Paul Breuer: „Das weiß ich noch ganz genau. Der Sturm wurde stärker als erwartet, ich musste einen Termin im Westerwald abbrechen. Wir hatten auf der Kreisleitstelle der Feuerwehr mittags die Leute versammelt. Am Abend um 19.20 Uhr habe ich Katastrophenalarm ausgerufen und war die Nacht in der ­Leitstelle.“


Wie vorbereitet waren Sie und Ihre Mitarbeiter auf das, was dann folgte?

„Die Zusammenarbeit der Hilfsorganisationen auf Großlagen hatten wir öfter geübt, die Teams waren eingespielt, das Meldesystem in den Städten und Gemeinden stand. Insgesamt waren an diesem Abend 5000 Helfer von Polizei, Feuerwehr und Hilfsorganisationen im Einsatz.“

Wie stellte sich Ihnen und Ihren Helfern die Lage dar?

„Innerhalb von Stunden brach eine Infrastruktur nach der anderen weg: die Kommunikation, die Straßen, die nicht mehr befahrbar waren, Dörfer waren eingeschlossen, Fahrzeuge, bei Lützel sogar ein Bus und auch die Hilfskräfte auf dem Weg dorthin wurden zwischen umgestürzten Bäumen gefangen. Wir konnten keine Helfer mehr hinausschicken, weil sie selbst gefährdet waren. Zudem ging uns der Kontakt zur Bevölkerung verloren: wo kein Strom ist, da läuft kein Telefon, kein Radio und kein Fernseher mehr. Plötzlich hat man eine ganz existenzielle Sorge um die Menschen in der Region.“

INFO
100 Millionen Euro

Südwestfalen wurde von Kyrill am stärksten getroffen. Etwa 40 Prozent aller Schäden wurden in den Kreisen Hochsauerland, Olpe, Soest, Märkischer Kreis und Siegen/Wittgenstein verzeichnet.

Aus dem Europäischen Solidaritätsfonds flossen 167 Millionen Euro für die Beseitigung der Orkanschäden nach Deutschland, davon rund 100 nach NRW. Im Regierungsbezirk Arnsberg wurden rund 54 Millionen verteilt, der Kreis SI und seine Gemeinden haben insgesamt 24 Millionen Euro erhalten.


Sie und ihr Landratskollege Frank Beckehoff aus dem Kreis Olpe waren die ersten, die Katastrophenalarm ausgelöst haben.

„Das hatte es bis dahin im Kreis noch nie gegeben – allerdings auch nicht ein solches Ereignis wie Kyrill.“

Nach der Sturmnacht mussten die Krisenhelfer gleich wieder raus.

„Es hat mich sehr beeindruckt, dass ich Leute um mich hatte, die mich gut beraten haben und nicht hektisch wurden. Auf der anderen Seite die Helfer, die gut ausgebildet und hochmotiviert waren.“

Gibt es ein Ereignis, das aus dem Chaos herausragt?

„Die Sauerlandlinie war komplett gesperrt. Trotzdem fuhren weiter Autos auf und hinter und vor ihnen fielen Bäume auf die Fahrbahn. Mittendrin war auch ein Ehepaar, die Frau hochschwanger. Die Geburt begann auf der Autobahn, Helfer brachten sie noch in ein Krankenhaus. Es wurde ein echtes Sturmkind.“

Bis Düsseldorf dasAusmaß klar war – das dauerte!

Sie haben am nächsten Tag nach einer Fahrt durch Südwestfalen gesagt: Ich fahre durch verwüstete Wälder.

„Aus der Nacht in der Leitstelle war mir klar, dass sehr viel umgefallen sein musste. Hier knallt’s, da knallt’s, da fliegt das Dach weg . Wie großflächig sich der Orkan auswirkte, konnten wir gar nicht absehen. Es sah aus wie eine Mondlandschaft, die Region hatte sich völlig verändert.“


Wie bewerten Sie die Aufarbeitung der Sturmfolgen in den Folgemonaten?

„Wir mussten das Land erst davon überzeugen, dass hier mehr als nur ein paar Alleebäume umgefallen waren. Das war denen gar nicht klar, außer Eckhard Uhlenberg (damals NRW-Umweltminister - d. Red.). Ich hatte ihn auf der Grünen Woche in Berlin erreicht und gesagt: Ich stehe hier in einem Wald, der keiner mehr ist. Rüttgers war in Amerika, Finanzminister Linssen musste ich erst eindringlich klarmachen, dass eine Sondersituation vorliegt.“

Ihr Olper Kollege Beckehoff hat die Kritik an der eigenen Partei, der CDU, und an Ministerpräsident Rüttgers deutlicher formuliert.

„Er hat es öffentlich formuliert, ich hatte Rüttgers am Telefon: Wenn Du nicht reagierst, wirst Du beim Politischen Aschermittwoch der CDU in Kirchveischede gar nicht ans Mikro kommen, weil draußen die Waldbauern mit ihren Traktoren stehen. Bis in der Staatskanzlei das Ausmaß klar war, Mensch, hier ist wirklich was passiert, das dauerte!“

Wenn Sie nur die Beseitigung der Folgen sehen, Wald räumen, Schäden an den Forst- und an den Landesstraßen . . .

„Wir hatten eine sehr gute Netzwerkstruktur mit Forstamt, Waldbauern und anderen Akteuren. Weil wir eine kreiseigene Bahn haben, konnten wir an zwei Orten im Kreis das Holz aus den Wäldern auf die Bahn verladen und abfahren. Die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten war sehr, sehr gut.

Das Bergen des Holzes war jedoch wegen des völlig durchweichten Bodens schwierig, die schweren Fahrzeuge soffen regelrecht ab. Als Rüttgers ins Siegerland kam, haben wir nicht nur zufällig einen Weg genommen, auf dem er im Morast watete und die Stiefellänge nicht mehr ausreichte.“

. . . gemein!

„Rüttgers ist dann nicht mehr viel weitergegangen.“

 Wann war das Gröbste geschafft?

„Wir waren als Erste mit dem Aufräumen fertig. Nach einem Jahr hatten wir – bis auf die Stämme auf dem Nasslagerplatz – das Holz weg.“

Michael Schmitz

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