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Fünf Jahre nach Kyrill

„Enorme Fernsichten gewonnen“

18.01.2012 | 16:30 Uhr
„Enorme Fernsichten gewonnen“
Weitblick über das Hochsauerland: Kryill räumte Wälder ab und schenkte unerwartete Fernsicht.

Schmallenberg.   Die Tourismusbranche rechnete nach den Verwüstungen durch Kyrill mit dem Schlimmsten. Dabei hatte der Orkan auch etwas Gutes. Er bescherte Wanderern neue Ausssichten.

Vor fünf Jahren legte der Orkan Kyrill im Sauer- und Siegerland geschätzte 25 Millionen Bäume um und zerknickte über Nacht die fein verästelte Infrastruktur einer kompletten Wanderwelt.

Thomas Weber, Geschäftsführer von Sauerland-Tourismus, erlebte die Katastrophe damals aus der Sicht des Tourismusexperten: „Wenn man nicht mehr wandern kann, was soll man dann hier im Sauerland?“

Die bange Frage sickerte langsam in die Schockstarre einer ganzen Branche. Hässliche Worte wie Katastrophenalarm, Waldsperrung und Betretungsverbot bescherten Hoteliers und Gastwirten graue Haare und dann mussten Tausende blockierte Wanderwege wieder freigemacht werden. Die umgestürzten Nadel - und Laubbäume standen oft unter Spannung, die sich in tödlichen Schlägen entladen konnte. Erst in den Folgemonaten wurden die Wälder nach und nach wieder für Wanderer freigegeben.

„Unglaubliches Heulen und Sausen“

Thomas Weber war im Januar 2007 als Tourismusdirektor für die Gemeinde Schmallenberg tätig. An den Tag erinnert er sich genau. „Ich war mit meinem Nachbarn Tom Astor unterwegs, wir wollten uns bei seinem alten Haus eine Fichte anschauen und entscheiden: Sollen wir sie umlegen oder nicht?“ Die Antwort wurde den beiden von Kyrill abgenommen. Der Baum fiel von selbst.

Die Nacht erlebte Weber im Wachzustand. Das Knirschen und Knacken zermalmter Stämme sorgte für eine schaurige Untermalung. „Es war ein unglaubliches Heulen und Sausen in der Luft“, sagt Weber. Am nächsten Morgen galt die erste Sorge der Unversehrtheit der Gäste und der Einwohnern, danach dem Wald. Wie sich Höhenzüge und Berghänge darstellten, hatte sich Weber selbst mit großer Phantasie nicht ausmalen können. „Ich habe immer gelaubt, im Sauerland sind wir auf einer Insel der Seligen, fernab von Fluten und Erdbeben. Insgeheim habe ich mich vor einem größeren Waldbrand gesorgt. Aber das!“

Weinende Männer

In den zerstörten Wäldern traf Thomas Weber immer wieder auf fassungslose, schweigende oder weinende Männer. Sauerländer, die es nicht gewohnt sind, ihr Inneres nach außen zu kehren. Doch Kyrill hatte ihnen einen existenziellen Schlag versetzt. Schneisen in botanisches Kapital geschlagen und ganze Renten hinweggerafft, die in grüner Natur angelegt worden waren. Und Weber stand vor der unlösbar erscheinenden Frage: „Was mache ich jetzt mit meiner Wanderwelt?“

Die lakonisch-knappe Antwort lautete: Aufräumen. In kürzester Zeit, so als gebe es eine Blaupause, einen vielfach eingeübten Plan, auch solche Katastrophen erfolgreich zu händeln, packten alle mit an: Waldbesitzer, Waldarbeiter, Forstbetrieb, Förster, Einwohner, ganze Dörfer standen zueinander, sagt Weber. „Die Solidarität der Bevölkerung war mit Händen zu greifen.“ Straßen freimachen, Schneisen schlagen, Hauptwanderwege räumen, danach die Kleinarbeit am Wegenetz. Zerdepperte Schützhütten reparieren, umgeworfene Infotafeln und Wegweiser richten, die Markierungen erneuern. Eine Mordsarbeit, erinnert sich Thomas Weber. „Man kann die ehrenamtliche Arbeit der Helfer von SGV und aus den Verkehrsvereinen nicht hoch genug loben.“

Eine Region neu zu entdecken

Und wie hat die Tourismusbranche den Schlag wirtschaftlich verkraftet? Sie ist mit einem blauen Auge davongekommen, vermutet Weber. „Wir haben wirtschaftliche Auswirkungen nicht messen können.“ Auch die Gäste blieben der Region treu und in der vier Monate später beginnenden Wandersaison nicht aus und langsam keimte ein verschämter Gedanke in den Köpfen der Touristiker: Kyrill hatte möglicherweise auch etwas Gutes an sich. „Es war uns zunächst peinlich, so etwas zu denken. Aber durch die Kahlschläge hatten Sauer- und Siegerland enorm an Fernblicken gewonnen“, bilanziert der Tourismusexperte. Unter den Wanderern machte diese Erkenntnis schnell die Runde. Sauerland. Da musst du jetzt mal wandern, da siehst du etwas, was du vorher nicht gesehen hast. Für die Branche eine unerwartete Attraktion. „Hier gibt es eine ganze Region neu zu entdecken“, sagt Weber.

An Kyrill erinnern heute noch – neben den Fernblicken – Kyrillpfade zum Beispiel in Schanze oder Willingen, auf denen die gespenstische Szenerie vor fünf Jahren bewahrt worden ist. Ansonsten genießen die Urlauber die Region, so wie sie sich gerne zeigt. Originalton Thomas Weber: „Zum Niederknien schön.“

Michael Schmitz

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