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KYRILL UND DIE FOLGEN

Eingequetscht von einer Zentnerlast

17.01.2012 | 18:52 Uhr
Eingequetscht von einer Zentnerlast
In der Kyrill-Nacht gerieten die Retter von den Feuerwehren selbst in Gefahr.

Lüdenscheid.   Der Jahrhundert-Orkan Kyrill zog am 18. Januar 2007 mit brachialer Gewalt über Westfalen hinweg. Es blieb nicht bei Sachschäden . In Lüdenscheid starb ein Feuerwehrmann an den Folgen seiner schweren Verletzungen.

Ganze Landstriche glichen einem Spielfeld: Reihenweise lagen die Stämme umgestürzter Bäume herum, als hätten Riesen Mikado gespielt – und anschließend keine Lust mehr gehabt, aufzuräumen. Aber es war kein Spiel, sondern Ernst: Eine Spur der Verwüstung hat Orkan Kyrill durchs Sauerland gezogen. Die Folgen der Urgewalt sind bis heute in der Landschaft zu sehen. Aber es blieb nicht bei Sachschäden in Millionenhöhe: Sechs Menschen starben alleine in Nordrhein-Westfalen in der Sturmnacht, einer von ihnen im sauerländischen Lüdenscheid: Ein 43-jähriger Feuerwehrmann kommt durch den Einsatz ums Leben; ein weiterer wird schwer verletzt.

„Es war eine Tragödie. Nicht nur für den betroffenen Löschzug, sondern die gesamte Feuerwehr der Stadt“, blickt Lüdenscheids Feuerwehrchef Martin Walter zurück.

Der Einsatzleiter braucht längst keine Sturmwarnung der Wetterdienste mehr an diesem Donnerstag vor fünf Jahren. Schon am Nachmittag des 18. Januar 2007 merkt er, dass mit den dunklen Wolkenbergen am Himmel etwas außergewöhnlich Bedrohliches aufzieht. „Die Sturmböen wurden so stark, dass sie die ersten Dächer abhoben.“ Bevor sich die Notrufe in der Wache häufen, lässt Walter Vollalarm im Stadtgebiet auslösen. „Alle Einsatzkräfte waren draußen, die Hauptwache und alle Löschzüge der freiwilligen Feuerwehr.“

Auf der Sauerlandlinie, der Königin der Autobahnen, die sich über Höhenrücken und auf Brücken über die Täler durchs Stadtgebiet windet, weht es große Laster um, als wären sie Spielzeugautos. „Wenn man sieht, wie sich ein 40-Tonner durch den Wind seitlich bewegt, wird einem ganz anders“, urteilt der gestandene Feuerwehrmann Martin Walter noch heute.

Es ist schon spät in der Sturmnacht; eine Unzahl von Hilferufen ist über die Feuerwehr in der 80 000 Einwohner-Stadt, die pausenlos im Einsatz ist, hereingebrochen, als es zu dem folgenschweren Unglück kommt.

Eine Einheit hat sich den Weg zu einem Wohnhaus gebahnt, gegen das ein Baum gestürzt ist. Die Feuerwehr will helfen, den Schaden gering zu halten, den Baum zu bergen. Den Orkan interessiert das nicht. Kyrill wühlt die Nacht weiter auf, schreit durch die Dunkelheit.

„Alle Einsatzorte waren mit Sicherungsposten versehen“, blickt Stadtbrandinspektor Martin Walter zurück. Die Posten beobachten das Umfeld, warnen ihre Kameraden sofort, wenn weitere Bäume den Böen nachgeben.

Zentnerschwere Last

Der 43-jährige Feuerwehrmann und seine Kameraden aber hören die Warnschreie nicht oder erst zu spät: Vor den Augen der anderen begräbt ein Baum die Wehrmänner unter sich. Einige können sich selbst befreien; zwei erwischt es allerdings schlimm: Sie werden unter der Zentnerlast eingequetscht.

Der 43-Jährige erleidet schwere innere Verletzungen, muss noch am Unfallort wiederbelebt werden. Allein: Er wird sich nie wieder erholen, kommt zwar in ein Spezialpflegeheim in Berlin, bleibt aber im Koma liegen – aus dem er nie wieder erwacht. Wenige Monate später stirbt er. Zurück bleibt seine Lebensgefährtin und noch einmal geschockte Feuerwehrleute.

Ein 46-jähriger Feuerwehrmann kämpft sich über Monate ins Leben zurück, überwindet die Verletzungen und körperlichen Folgen. Die Seele aber bleibt wund. Reden möchte der Schlosser, der heute wieder seinem Job beim städtischen Bauhof nachgeht, über die Sturmnacht nicht mehr. Wie keiner aus der Lüdenscheider Feuerwehr. „Ich bin froh, dass wir das Ereignis verarbeitet haben“, sagt Martin Walter zögernd. Es sei darum gegangen, „den Löschzug am Leben zu erhalten“, berichtet er, um jedes Wort bedacht: Mit dem fünften Jahrestag sollen nicht mehr Erinnerungen an das Unglück hochkommen, als irgend notwendig.

Carsten Menzel

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