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Welt-Alzheimertag

Ein Leben ohne ein Davor und Danach

21.09.2012 | 11:06 Uhr
Ein Leben ohne ein Davor und Danach
Der 79-jährige Emil Schulte ist an Alzheimer erkrankt. Beim Bemalen eines Bauwagens entwickelt er wieder ein völlig neues Konzentrationsvermögen.

Witten.   Das Altenzentrum der Diakonie Ruhr ist bekannt dafür, neue Wege bei der Betreuung Demenzkranker zu gehen - nicht nur zum Weltalzheimer-Tag am 20. September. In diesem Sommer haben Alzheimer-Kranke einen Bauwagen renoviert.

Emil Schulte arbeitet konzentriert und akkurat. Manchmal stützt er sich mit der rechten Hand am Bauwagen ab, während er mit der linken Hand gleichmäßig den Pinsel von oben nach unten führt und darauf achtet, mit der rostroten Farbe nicht den abgeklebten Rand zu übermalen. Der 79-Jährige aus Dortmund war Technischer Zeichner und hat im Maschinenbau gearbeitet. Aber das weiß er nicht mehr. Er weiß auch nicht, dass er schon viele Male vor diesem Bauwagen gestanden hat und ihn schon in zahlreichen Stunden gemeinsam mit anderen Bewohnern der „Dorfstraße“ verschönert hat.

Denn in der Dorfstraße, einer Spezialstation des Altenzentrums am Schwesternpark in Witten, leben Menschen, die dementiell erkrankt sind. Die so schwer an Alzheimer leiden, dass sie in ihrer eigenen Welt leben. Die unruhig sind und starke Wanderungstendenzen haben und deshalb in einem geschützten und geschlossenen Wohnbereich in den Feierabendhäusern der Diakonie Ruhr untergebracht sind. Für sie hat Einrichtungsleiter Andreas Vincke (48) ein besonderes Projekt initiiert: Hinten im Garten steht seit einigen Wochen ein alter Bauwagen, der von den Hausmeistern schon innen renoviert wurde und den sie nun bemalen.

Eine durchschnittliche Arbeitszeit gibt es nicht

Nicht immer bringen die drei Männer so viel Ausdauer mit wie Emil Schulte. Eine durchschnittliche Arbeitszeit gibt es nicht. Manchmal malt einer 45 Minuten lang, manchmal nur fünf. „Je nach Tagesform“, sagt Vinckes Stellvertreterin Martina Große Munkenbeck. Doch es sind nicht die Minuten, die zählen, es sind die Momente: „Wenn man sieht, mit welcher Konzentration die Männer mit Pinsel und Farbe umgehen, ist es für uns schon ein ganz großer Erfolg. Hier sind sie in einer Welt angekommen, in der sie sich auskennen und in der sie sich wohlfühlen. Das nehmen sie mit in den Alltag.“ Und es macht solche, die sonst unruhig sind oder zu eher aggressivem Verhalten neigen, auf einmal viel ruhiger. „Man sieht es ihnen an, wenn sie zurückgehen“, sagt Große Munkenbeck. „Sie sind insgesamt viel entspannter.“

Eine Pause bei der Arbeit muss sein: der Witteener Einrichtungsleiter Andreas Vincke (l.) mit seiner Stellvertreterin Martina Große Munkenbeck und den beiden an Alzheimer erkrankten Bewohnern Emil Schulte (2.v.l.) und Erich Wienand (r.)

Mit dem Bauwagen-Projekt stößt die Einrichtung in eine Lücke, die sich mehr und mehr in der Betreuung männlicher Demenzkranker offenbart: „Das Grundproblem ist, dass es für diesen Personenkreis eine andere Betreuungsform geben muss, eine ganz spezifische“, sagt Vincke. „Bisher war immer nur von Frauenüberschuss die Rede. Aber es geht darum, neue Wege zu gehen, und zu überlegen, welche Angebote sind für Männer die richtigen. Dazu zählen in dieser Generation nicht Spülen und Abtrocken.“

Seit wann steht der hier?

Aber eben handwerkliche Tätigkeiten - ganz gleich, welchen beruflichen Hintergrund die Männer haben. Erich Wienand zum Beispiel war eigentlich selbstständiger Kaufmann. Aber auch Schauspieler. Und irgendwie sieht man es dem 80-Jährigen aus Bochum noch an, dass er den Umgang mit der Bühne gewohnt ist. Wie er mit raschen Bewegungen, fast schon ein wenig ungeduldig, den Pinsel über die Balken gleiten lässt; wie er nach einiger Zeit für sich beschließt, dass es nun genug ist mit der Arbeiterei. Und wie er sich dann mit seiner geraden Körperhaltung umdreht, Hausmeister Dirk Rittinghaus das Maler-Utensil höflich mit den Worten „Bitte sehr“ überreicht und mit seinen wasserblauen Augen stolz in die Runde schaut. „Schön!“ sagt er. Um nur wenig später auf den Wagen zu zeigen und interessiert zu fragen: „Seit wann steht der hier?“

Im Altenzentrum am Schwesternpark der Diakonie Ruhr in Witten gibt es 111 Plätze auf Vollstationen, 24 Kurzzeitpflegeplätze, 12 Tagespflegeplätze und 60 Altenwohnungen.

Rührung, Mitleid, vielleicht auch ein wenig das Gefühl, hier etwas mitzuerleben, was einem Fremden nicht zusteht – von diesen Empfindungen kann man sich als unbeteiligter Beobachter kaum freimachen. Für alle, die täglich mit den Bewohnern der Dorfstraße zu tun haben, die sie liebevoll umsorgen und nun erleben, wie sie sich hier verändern, ist es viel mehr. Es ist vor allem das gute Gefühl, mit den Ideen auf dem richtigen Weg zu sein und die Freude, zu sehen, wie die Menschen hier aufblühen. „Für diese Menschen gibt es kein Davor und kein Danach“, sagt Andreas Vincke. „Diese Menschen leben im Hier und Jetzt. Und Jetzt heißt: Das ist das Schöne, das Lächeln, das Strahlen.“

In diesen Tagen werden die Männer aus der Demenz-Station zum letzten Mal an ihrem Wagen gemalt haben. Die Hausmeister

werden ein bisschen nachbessern und noch ein schönes Fenster und Löwenzahn aufmalen - und irgendwann wird der Wagen als Begegnungsstätte, als kleines Ausflugsziel mit Picknick im Grünen, vielleicht auch als Treffpunkt für Jung und Alt dienen. Auch Emil Schulte und Erich Wienand werden sicherlich dabei sein, wenn ihr Bauwagen feierlich eingeweiht wird. Und ganz bestimmt werden sie sich an ihm erfreuen. Auch wenn sie nicht mehr wissen, dass sie es waren, die ihn angemalt haben.

Katja Sponholz


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