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Ein Laster für die Kollegen

22.02.2012 | 18:47 Uhr
Ein Laster für die Kollegen
Zurück in schwarz-weiße Zeiten: WR-Redakteur Dennis Betzholz begibt sich auf eine Zeitreise.

Dortmund.   Tag eins des Offline-Selbstversuches: Arbeiten wie vor 30 Jahren – ohne Internet, ohne E-Mails und ohne Handy. Sie meinen das geht nicht? Redakteur Dennis Betzholz macht den Selbstversuch.

Tag eins des Offline-Selbstversuches: Es ist gar nicht so einfach, die Welt zurückzudrehen. Es ist sogar so schwer, dass ich eine meiner selbst auferlegten Regeln nach zwei Stunden und 43 Minuten über Bord geworfen habe – keine Anrufe auf die Handys meiner Gesprächspartner. Anruf bei der Stadtverwaltung, eine freundliche Dame nimmt ab: „Nein, der ist schon außer Haus. Aber Sie können Ihn...“ – „... das ist derzeit schlecht!“ – „Dann erreichen Sie ihn erst morgen wieder.“ „Morgen“ ist für eine tagesaktuelle Zeitung im 21. Jahrhundert in etwa so wie „verbrannt“ beim Bäcker. Irgendwie zu spät. Also rufe ich ihn an, auf dem Handy.

Ich bleibe stehen, entschleunige. Die Welt aber rennt weiter. Eine Welt, die voraussetzt, ständig erreichbar zu sein. Und die erwartet, dieses Spielchen mitzumachen. Nicht als Akteur, als Spielball.

Und dann kommen die Unwägbarkeiten ins Spiel: ein Telefonbuch – liegt nur von Dortmund vor (für eine Redaktion, die die Region von Dortmund bis Siegen beackert irgendwie suboptimal). Die Auskunft – ist verlagsweit gesperrt, zu teuer (verständlich: 1,99 Euro pro Minute – irre). Das brauche ja auch niemand, es gäbe doch schließlich das Online-Telefonbuch, spottet ein Kollege, der noch neckisch anmerkt: „Na, da haste dich wohl schlecht vorbereitet, wa?“

Wie es damals wirklich war
Brockhaus statt Google
Brockhaus statt Google

„Ich googel das mal eben.“ Dieser Satz wäre vor 25 Jahren, am Beginn meiner Berufslaufbahn, nicht nur wegen des grässlichen Anglizismusses ungedruckt geblieben. Mehr noch: Dieser Satz war damals völlig sinnfrei. Was viele verdrängt oder vergessen haben: Ja, es gab wirklich ein Leben ohne Google. Ich selbst habe es gelebt. Das Internet hielt in meiner Redaktion nämlich erst 1995 Einzug. Am Computer der Sekretärin (!) -- wir nannten ihn damals noch respektvoll den „Terminal“ -- gab es anfangs genau einen Internet-Anschluss für etwa 15 Redakteure. Verbindung ins Netz schuf ein grässlich laut rauschendes Modem, das das Arbeitsklima im Umkreis von drei Metern gefrieren ließ.

Nichts mal eben googeln zu können, das bedeutete für uns: präzise zu arbeiten. Jede Information, die nicht sorgfältig recherchiert worden war, konnte nur unter größten Mühen und oft auch nicht gerade kurzfristig herangeschafft werden. Man musste Gesprächspartner noch mal anrufen und peinliche Fragen stellen: „Wie war noch mal ihr Vorname?“ Oder man musste sich in schwierigen Fragen des Sachverstands der besten Datenbank weit und breit versichern. Sie stand in der benachbarten Buchhandlung Schwalvenberg am Dortmunder Westenhellweg und war noch analog: der gute alte zwölfbändige Brockhaus.

WR-Redakteur Jürgen Potthoff

Mühselige Recherche und kribbelnde Beine

So blöd es klingt: Aber ich fühle mich unwohl, es kribbelt in den Beinen, in den Fingern, ich will googeln, ich will meine E-Mails checken, arggh. Entzugserscheinungen? Vielleicht. Alles ist mühseliger, jede beschaffte Information ist ein Kraftakt. Was noch schlimmer ist: Ich falle zur Last. Frage in Lokalredaktionen nach Nummern, nach Ansprechpartnern. Wo vorher zwei Klicks reichten, geht heute Arbeitszeit drauf. Teure Arbeitszeit, von mir und den Kollegen.

Bessere Planung und mehr Aufwand

Aber wie war das früher möglich? Die Antwort der Kollegen: bessere Planung, mehr Fahrerei, mehr Augenkontakt mit den Gesprächspartnern. Aber auch: ein anderer Anspruch an Aktualität. Heute diktiert auch der Wettlauf mit dem Internet das Tagesgeschäft. Und da kann „morgen“ eben zwei Tage zu spät sein.

Dennis Betzholz

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