Ein Altenheim für Junkies

Unna..  Nach dem Abzweig von der Landstraße wird es holprig. Durch Wiesen und Felder führt eine schmale Straße zu einer spärlichen Häuseransammlung mit dem passenden Namen Dreihausen. Die Siedlung gehört zu Hemmerde, einem ländlichen Ortsteil von Unna. Das Auto passiert eine kleine Kapelle am Straßenrand. Wenige Meter oberhalb steht ein Erholungsheim, in dem vor Jahrzehnten Nonnen die Ruhe genossen haben. Direkt dahinter beginnt der Wald. Lange Zeit standen die Bauten leer, nun ist wieder Leben eingekehrt. Seit einigen Wochen wohnen hier alternde Drogenabhängige, die dort den Rest ihres Lebens verbringen können.

Das Projekt Lüsa (Langzeit Übergangs- und Stützungsangebot) aus Unna hat das ehemalige Erholungsdomizil umgebaut in eine Art Altersheim für chronisch Suchtkranke. Bis zu 14 Männer und Frauen, die für ein herkömmliches Altenheim aufgrund ihrer Lebensgeschichte meist nicht in Frage kommen, können dort auf unbestimmte Zeit leben: Mit einem geregelten Tagesablauf und Rund-um-die-Uhr Betreuung durch Pfleger und Sozialarbeiter.

Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer mit Blick ins Grüne. Die Einrichtung gehört bundesweit zu den wenigen, die sich auf die Generation der alternden Suchtkranken spezialisiert hat und ihnen eine dauerhafte medizinische Versorgung garantiert. Sie wird finanziert durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe.

„Ohne Lüsa wäre ich so gut wie tot“

Bewohner Martin sitzt auf dem bequemen Sofa im Aufenthaltsraum und steckt sich eine Zigarette an. Er hat eine lange Drogenkarriere hinter sich. Als er 13 ist, stirbt seine Mutter. Danach spritzt er sich das erste Mal Heroin. Von nun an dient sein Leben jahrelang bloß einem Zweck: Der Beschaffung von neuem Stoff. Bis er vor zehn Jahren mit der Substitution beginnt, umsteigt auf das Ersatzmittel Methadon. Vor zwei Jahren zieht er dann bei Lüsa ein, ins Haupthaus in der Innenstadt von Unna. Dieser Schritt rettet ihn. „Ohne Lüsa wäre ich so gut wie tot“, sagt Martin, der nun gewechselt ist in die Einrichtung auf dem Land. Erster Eindruck? „Die Ruhe ist fantastisch. Ich bin glücklich.“

Mit 50 Jahren gehört Martin zu den ältesten Bewohnern. Die Spanne reicht von 38 bis 57 Jahren. „Drogensüchtige altern vor, etwa 15 Jahre“, sagt Sabine Lorey, Leiterin des Hauses. Die Menschen sind in der Regel schwer krank: Infiziert mit HIV, leiden an Leberkrankheiten, haben Lungenprobleme, mit Zahnerkrankungen gehen Herz-Kreislauf-Beschwerden einher.

„Das ist ein komplexes Bündel an Krankheiten“, sagt die Suchtforscherin Irmgard Vogt von der Fachhochschule Frankfurt/Main. Erst die Substitution mit Ersatzstoffen wie Methadon mache ein längeres Leben überhaupt möglich.

Aufgrund der Krankheiten kann den Bewohnern nicht allzu viel zugemutet werden - trotzdem gibt es für sie einen geregelten Tagesablauf. Ein paar helfende Handgriffe in der Küche, ein bisschen putzen, Ergotherapie. Im Sommer soll die Gartenarbeit dazu kommen, viele wünschen sich einen Gruppenhund und eine Katze. „Das Programm endet am frühen Nachmittag“, sagt Lorey. „Dann sind alle wirklich platt.“ Wer in die Stadt oder ins Haupthaus will, kann morgens in den angebotenen Shuttlebus einsteigen.

Elf ehemalige Junkies wohnen derzeit in der neuen Einrichtung, sie haben jahrelang Heroin konsumiert und können nicht ohne Ersatzstoffe leben. Rund ein Drittel trinkt zudem Alkohol und nimmt Tabletten. „Die gehen jetzt nacheinander in die Entgiftung und wollen einen Neuanfang starten“, sagt Sabine Lorey. Klappt das nicht und wird dadurch der Gruppenfrieden gefährdet, droht als letzte Konsequenz die Entlassung aus der Gemeinschaft.

Der Bedarf ist groß

Der Bedarf für Einrichtungen wie der in Unna ist groß. Vogt schätzt, dass rund 48 000 über 40-Jährige in Deutschland Methadon und andere Ersatzstoffe benötigen.

Die Verantwortlichen bei Lüsa hatten sich schon viele Jahre mit der Idee eines Alterswohnsitzes für Süchtige beschäftigt, auch weil die Leute im Haupthaus immer älter wurden. Als die Finanzierung gesichert und der Ort gefunden ist, versuchen sie, die anfänglichen Bedenken der Anwohner auszuräumen. Das gelingt. „Wir wurden gesegnet und die Landfrauen kamen zur Eröffnung vorbei“, erzählt Lorey und betont: „Wir wollen hier am Dorfleben teilnehmen.“