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WR-Bürgerpreis

Ehrenamt ist für Kraft „der Kitt unserer Gesellschaft“

16.04.2012 | 20:00 Uhr
NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft bei der Verleihung des WR-Bürgerpreises. WR-Fotos: Knut Vahlensieck

Dortmund.   Rund 35 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger in NRW engagieren sich ehrenamtlich. „Eine stolze Quote“, meint NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Im Interview mit der Westfälischen Rundschau betonte sie jedoch zugleich: „Ehrenamt kann und darf staatliches Handeln nicht ersetzen.“

Als „bemerkenswert“ bezeichnete es NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) am Montagabend in ihrer Rede bei der Verleihung des WR-Bürgerpreises im Dortmunder U, dass die Beteiligung mit 150 Vorschlägen in diesem Jahr noch höher gewesen sei als im Vorjahr . „Dieses Interesse der Menschen zeigt doch, dass wir keine Ellbogengesellschaft sind, sondern dass Solidarität und Gemeinsinn in unserer Gesellschaft ihren Platz haben“, sagte sie.

Anlässlich der Bürgerpreis-Verleihung sprach sie mit WR-Redakteurin Katja Sponholz über die Bedeutung ehrenamtlicher Arbeit - und wie man diese in Zukunft noch mehr fördern könnte.

Für wie wichtig halten Sie das Ehrenamt in der heutigen Zeit?

Kraft: Das Ehrenamt liegt mir sehr am Herzen und das große Engagement unserer vielen Bürgerinnen und Bürger macht unser Land zu dem, was es ist: solidarisch und lebenswert. Mehr als ein Drittel aller Bürgerinnen und Bürger in Nordrhein-Westfalen ist ehrenamtlich aktiv – eine stolze Quote, wie ich finde.

Einsatz, um Missstände zu beseitigen und nicht zu beklagen

Wer sich ehrenamtlich engagiert, setzt eigene Ideen um und beseitigt Missstände, statt sie zu beklagen. Der Einsatz für das Gemeinwohl in Nordrhein-Westfalen ist sehr vielfältig, ob in der Kultur, Bildung oder im Sport, genauso viele Menschen setzen sich für andere ein. Wer das Tag für Tag, oft neben Beruf und Alltagspflichten, für Familien, Senioren, Kinder oder Kranke leistet, der ist für mich ein wahrer Held, eine wahre Heldin unserer Gesellschaft.

Besteht in der Zeit der leeren Kassen nicht die Gefahr, dass Bürger Aufgaben übernehmen, für die eigentlich die Kommunen zuständig wären?

Kraft: Viele kulturelle, soziale oder sportliche Angebote wären in unseren Städten und Gemeinden ohne die Menschen, die freiwillig etwas für andere oder das eigene Umfeld tun, in der Tat nicht möglich. Ehrenamt kann und darf staatliches Handeln nicht ersetzen. Die Bürgerinnen und Bürger verdienen unsere größtmögliche Unterstützung bei der Ausübung ihrer ehrenamtlichen Aufgaben.

Gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Bürgerschaftliches Engagement ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, von der alle profitieren. Es ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Die Ehrenamtler setzen ihre Zeit, ihre individuelle Lebenserfahrung und ihre Energie für andere ein.

Die Landesregierung und die Kommunen verbessern dafür im Gegenzug die Rahmenbedingungen für bürgerschaftliches Engagement, zum Beispielüber Qualifizierungen, einen verbesserten Versicherungsschutz oder die „Ehrenamtskarte“: Menschen, die stark ehrenamtlich engagiert sind, können damit Angebote gemeinnütziger und privater Einrichtungen vergünstigt nutzen. Knapp 12 000 Menschen haben heute bereits eine solche Karte.

Sehen Sie auch die Unternehmen im Land heute in einer besonderen „Fürsorgepflicht“?

Kraft: Ich begrüße das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen und Unternehmern sehr, und es hat in NRW eine lange Tradition. Ob ein Satz Trikots für die Jugendfußballmannschaft, das Sponsoring einer Kulturveranstaltung oder Sozialpartnerschaften mit gemeinnützigen Organisationen: Dies alles ist aus NRW gar nicht mehr wegzudenken. Der große Einsatz zeigt, dass es vielen Unternehmern nicht nur um den reinen Profit geht, sondern dass sie sich gerne und freiwillig in den Dienst einer guten Sache stellen. Dies ist für die Unternehmen zugleich eine willkommene Gelegenheit, den Teamgeist ihrer Belegschaft und die Identifikation mit der eigenen Firma zu stärken. Gemeinnützige Organisationen gewinnen im Idealfall einen verlässlichen und strategischen Partner, der sie in ihrer Arbeit nachhaltig unterstützt. Ehrenamtliches Engagement von Unternehmen ist also für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation.

Wie könnte man Menschen, die sich nicht ehrenamtlich engagieren, dazu motivieren?

Kraft: Bürgerschaftliches Engagement kommt nicht nur anderen zugute, sondern stärkt auch die eigene Persönlichkeit: Wer ein Ehrenamt übernimmt, zeigt Verantwortung, bringt Kenntnisse und Fähigkeiten ein und erweitert den eigenen Erfahrungsschatz. Teil eines Teams zu sein, das Zukunft gestaltet – das fördert und fordert. Viele berichten mir, wie sehr sie sich selbst beschenkt und bereichert fühlen. Es lohnt sich immer, auch wenn es oft eine sehr zeitintensive Aufgabe ist. Wir dürfen nicht nachlassen in dem Bemühen, die Bürgerinnen und Bürger bei der Ausübung ihrer ehrenamtlichen Aufgaben zu unterstützen, insbesondere wollen wir berufstätigen Ehrenamtlichen die Arbeit erleichtern.

"Jugendliche mehr einbinden"

Mir persönlich liegt auch am Herzen, mehr Jugendliche davon zu überzeugen, sich ehrenamtlich zu betätigen. Aus einer Bertelsmann-Studie geht nämlich hervor, dass der freiwillige Einsatz von Jugendlichen zurückgeht. Die Bereitschaft bei unseren jungen Bürgerinnen und Bürgern ist zwar vorhanden, allerdings fehlt es ihnen – auch durch Schule und Studium – oft an der notwendigen Zeit.

Wie könnte man Ihrer Meinung nach ehrenamtliche Leistung künftig mehr anerkennen?

Kraft: Indem wir ehrenamtliche Leistung, auch wenn sie heute tief in unserem Alltag verwurzelt ist, in Zukunft nicht als alltäglich akzeptieren. Für ehrenamtlich Engagierte ist es vielleicht zur Gewohnheit geworden, eigene Interessen für einen langen Zeitraum zurückzustellen, um mit großem Einsatz anderen zu helfen und sich für ein Projekt zu engagieren, das allen nützt. Es ist aber sehr wichtig, dass wir, also die Öffentlichkeit, es als ganz und gar nicht alltäglich erkennen. Es gibt zu wenig öffentliche Anerkennung für die Spitzenleistungen unserer ehrenamtlich Engagierten. Preise und Auszeichnungen sind Teil einer wichtigen Anerkennungskultur. Auszeichnungen wie zum Beispiel die Rettungsmedaille des Landes NRW, der Landesverdienstorden oder der Bürgerpreis der Westfälischen Rundschau lenken die Aufmerksamkeit auf diese besonderen Leistungen, vielleicht motivieren sie sogar den einen oder die andere, sich selbst eines Tages ehrenamtlich zu betätigen.

Haben Sie – außerhalb der Politik – selbst schon ehrenamtlich gearbeitet? Wenn ja: Warum – und mit welchen Erfahrungen?

Kraft: Ich bin quasi über das Ehrenamt als Betreuerin in die Politik gekommen, ob bei Jugendfreizeiten, bei Ferienspielen, über mein Elternengagement in Kindergarten und Schule oder meine Betriebsratstätigkeit. Mein Terminkalender als Ministerpräsidentin lässt mir leider nur wenig Zeit, außerhalb meines Amtes ehrenamtlich zu arbeiten.

"Bürgerliches Engagement sichtbar machen"

Ich setze mich aber mit aller Energie dafür ein, bürgerliches Engagement sichtbar zu machen und andere Bürgerinnen und Bürger dafür zu begeistern, da lasse ich keine Gelegenheit aus.

In den vergangenen Monaten hatte ich die Gelegenheit, viele Engagierte aus ganz Nordrhein-Westfalen kennen zu lernen. Viele haben mir auch geschrieben. Zum Beispiel eine Initiative, die sich in Zusammenarbeit mit Behörden um gefährdete junge Mädchen kümmern, ihnen einen Nachtschlafplatz zur Verfügung stellt, um sie von der Straße zu holen.

Der großartige Einsatz bewegt mich jedes Mal aufs Neue und ich bin sehr stolz auf eine solche aktive Bürgerschaft in NRW.

WR-Bürgerpreis 2012

Die fünf Preisträger

Peter Führing

Bettina Landgrafe

Miriam Borrmann und Daniel Link

Birte Braun

Kathrin Lange und Hans Stumm

Katja Sponholz


Kommentare
17.04.2012
17:37
Ehrenamt ist für Kraft „der Kitt unserer Gesellschaft“
von wohlzufrieden | #2

Ja, Frau Kraft, das jemand was umsonst macht, muss auch für Sie Sensationell sein...

1 Antwort
Ehrenamt ist für Kraft „der Kitt unserer Gesellschaft“
von Pit01 | #2-1

#2
Na, da schätzen Sie die Frau aber ziemlich falsch ein. Sie war ehrenamtliche Betreuerin und weiss wovon sie redet. Ich auch.

17.04.2012
16:33
Ehrenamt ist für Kraft „der Kitt unserer Gesellschaft“
von Pit01 | #1

Wo sie Recht hat, da hat sie Recht. Ohne die vielen Ehrenamtler in Vereinen, Verbänden oder wie auch immer, stünde die Gesellschaft ziemlich belämmert da.

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