Dubiose Kreditvergabe bei der früheren Sparkasse Menden
09.01.2012 | 19:17 Uhr 2012-01-09T19:17:00+0100
Menden/Hagen. Vor dem Arnsberger Landgericht wird gegen zwei freiberufliche Kreditvermittler verhandelt, die Hunderte Kreditnehmer betrogen haben sollen. Sie waren vor allem bei der früheren Sparkasse Menden aber auch bei anderen Instituten tätig.
Der Immobilienskandal um die frühere Sparkasse Menden bekommt eine aktuelle Wendung: Die wegen gewerbsmäßigen Betruges angeklagten freiberuflichen Kreditvermittler waren nach Informationen der Westfälischen Rundschau nicht nur für die Mendener Sparkasse tätig, sondern wickelten Finanzierungen auch mit mehreren weiteren Kreditinstituten der Region ab – offenbar nach dem gleichen Muster wie in Menden.
Olga J. (Name geändert) aus Dortmund war erst zögerlich. In einem Englisch-Kurs hatte die junge Ärztin, die aus Osteuropa nach Deutschland gekommen war, eine Versicherungsmaklerin kennengelernt, die ihr von dem angeblichen Steuerspar- und Altersvorsorgemodell erzählte. Als sie zustimmte, dass der Immobilienvermittler Johannes H. sie besuchen durfte, nahm das Unglück seinen Lauf. Wie in mehr als 300 weiteren Fällen zwischen Arnsberg und Dortmund, Unna und Hagen. Johannes H., der selbst aus Kasachstan stammt und in Hagen wohnt, nutzte seine guten Drähte und Sprachkenntnisse, um den Neubürgern angebliche Segnungen des deutschen Staates aufzuschwatzen. Er versprach ihnen das Blaue vom Himmel: Um Wohneigentum quasi zum Nulltarif zu bekommen, brauchten sie kein Eigenkapital, kein besonders hohes Einkommen – nur ihren Namen mussten sie für die Verträge hergeben.
Offenbar geschönte Berechnungen
In immer gleichen „Berechnungs-Beispielen“ rechnete H. seinen Kunden die Sache schön: Sie sollten eine Immobilie erwerben, diese vermieten, und durch die Mieteinnahmen und Steuerersparnis solle unterm Strich oft sogar noch ein Gewinn herausspringen. Und, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, bekamen die Kreditnehmer sobald sie unterschrieben hatten, noch einen „Kickback“, eine Barzahlung in Höhe von mehreren Tausend Euro, mit denen sie andere Kredite ablösen oder sich einen schicken Fernseher kaufen konnten.
Dass die Sache nicht nur einen Haken hat, sondern viele, merkten die Kunden schon bald. In der Regel waren die versprochenen Mieteinnahmen zu hoch angesetzt, es war „vergessen“ worden, Betriebskosten einzurechnen und dass die Steuerersparnis nicht für die gesamte Laufzeit des Kreditvertrages galt, sondern nur für eine begrenzte Zeit, hatte Vermittler Johannes H. in der Regel auch verschwiegen. Viele der noch zu bauenden Wohnungen wurden nicht fertiggestellt. Wurden Wohnungen später auf dem freien Markt verkauft, kam der größte Schock: Viele waren zu absolut überhöhten Preisen erworben worden und ließen sich, wenn überhaupt, nur mit Verlust verkaufen. Es entstand ein Schaden von zig Millionen Euro. Die Sparkasse Menden, die zahlreiche der Bau-Kredite bewilligte, musste sich auflösen und mit der Nachbarsparkasse fusionieren.
Auch bei der Sparkasse Hagen tätig
Bei der fragwürdigen Kreditvergabe arbeitete Johannes H. und sein Kollege Wolfgang A. aus Unna überwiegend mit der Sparkasse Menden zusammen – aber nicht nur. Nach Informationen der Westfalenpost wickelten sie Finanzierungen auch mit Direktbanken und weiteren Banken der Region, wie den Sparkassen in Lüdenscheid (10), Meinerzhagen (12) und Hagen ab. Diese arbeitete in 14 Fällen mit dem Vermittlerduo zusammen, wie Thorsten Irmer, Sprecher der Bank, bestätigte. So wie bei Olga J. aus Dortmund.
2004 hatte die Ärztin auf Grundlage eines vom Vermittler geschönten Berechnungsbeispiels in Unna eine Eigentumswohnung gekauft – für 204.000 Euro. Finanziert wurde der Kredit über die Sparkasse Hagen. Versteckt in dem Darlehen war u.a. eine Provision in Höhe von 15 Prozent für Johannes H., also rund 30.000 Euro, fand der Anwalt von Olga J. heraus.
Bei Wohnungs-Verkauf weniger als die Hälfte des Kaufpreises erlöst
Als die tatsächliche Finanzierung nach Ablauf von Vergünstigungen plötzlich auf das 14-fache des ursprünglich berechneten Wertes stieg, musste Olga J. aufgeben. 2010 verkaufte sie die Wohnung in Unna – jetzt zu einem Preis von 95.000 Euro. Weniger als der Hälfte dessen, was sie 2004 bezahlt hatte.
Rechtsanwalt Norbert Paul Hache aus Berlin, der viele Geschädigte der Mendener Sparkasse vertrat und jetzt auch die Kundin der Hagener Sparkasse als Mandantin hat, kritisiert, dass aus seiner Sicht das Muster der Kreditvermittlung in Hagen „sehr ähnlich war wie in Menden.“ Das Vermittlerduo verkaufte unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu überhöhten Preisen, und aus der Kreditsumme flossen fette Provisionen an die beteiligten Stellen. Die Hagener Sparkasse habe wie die Mendener „institutionalisiert“ mit dem Vermittlerduo zusammengearbeitet, glaubt Hache.
Ob das Vermittler-Duo Johannes H. und Wolfgang A. bei all den Geschäften allein handelte oder die kreditgebenden Banken sich mitschuldig machten – das ist zurzeit noch offen. Bisher haben allein die beiden Vermittler den Schwarzen Peter. Sie stehen wegen Betruges ab 23. Januar vor dem Landgericht Arnsberg.
Gegen die beiden früheren Vorstände der Sparkasse Menden sowie einen Kreditsachbearbeiter werde noch ermittelt, bestätigte die Schwerpunktstaatsanwaltschaft in Bielefeld, die das Verfahren führt. Mehrere Verfahren von Angestellten der Sparkasse seien eingestellt worden. Mehr wolle man nicht sagen.
Gegen Vertreter anderer Banken wird nicht ermittelt.
Vieles deutet darauf hin, dass die früheren Köpfe der Sparkasse Menden nicht angeklagt werden. Den Vorständen ist nach Informationen unserer Zeitung kaum nachzuweisen, dass sie an der Vergabe der faulen Kredite persönlich beteiligt waren.
Und den nachgeordneten Sachbearbeitern kommt zugute, dass es ihnen an Vorgaben mangelte, gegen die sie formal hätten verstoßen können.
Die Nachfolgesparkasse der Mendener hat mittlerweile in vielen Fällen quasi eingeräumt, dass die Kreditnehmer über den Tisch gezogen wurden und sich in Vergleichsverhandlungen relativ kulant gezeigt. Auch an den anderen Banken hat es teilweise abgeschlossene Vergleiche gegeben. Im Fall von Olga J. jedoch kam eine Verständigung mit der Hagener Sparkasse nicht zustande. „Es gab im Vorfeld Gespräche, die aber zu keiner Lösung geführt haben“, sagt Pressesprecher Thorsten Irmer. Deshalb wollen die Hagener mit allen Mitteln von Olga J. die noch fehlenden rund 100.000 Euro eintreiben. Die junge Ärztin musste mittlerweile eine eidesstattliche Versicherung ablegen und ihr droht über Jahre hinweg die Pfändung ihres Einkommens.
Die Hagener Bank bestreitet, dass es bei der Kreditvergabe in ihrem Haus wie in dem Mendener zugegangen sei – man habe sich selbst ein Bild der Kreditnehmer gemacht und auch die Kaufobjekte selbst bewertet. Im Fall von Olga J. sei der Preis damals korrekt gewesen, der heftige Verfall auf Baumängel und die allgemeine Immobilienentwicklung zurückzuführen.
Wie das System funktionieren konnte
Anfang 2000 startete das Vermittlerduo die systematische Kreditvergabe an Spätaussiedler aus Osteuropa und arbeitete dabei insbesondere mit der Sparkasse Menden zusammen.
Weil es der Bank damals nach missglückten Geschäften schlecht ging und um eine Fusion zu vermeiden, habe sie nach kurzfristig lukrativen Geschäftsmodellen gesucht, glaubt der Iserlohner Betriebswirt Fritz Engelbrecht, der zahlreiche Betroffene betreute. So sei das System der Baukredite an Spätaussiedler genutzt worden. Diese sollen mit fingierten Berechnungen und Barzahlungen zum Kauf- und Kreditabschluss geködert worden sein. Die Sparkasse zahlte die Kredite jedoch nicht komplett aus, sondern parkte sie auf eigenen Konten, aus denen wiederum nur ein Teil in die Wohnungsfinanzierung floss. Ein anderer Teil wurde zur eigenen Kredit-Tilgung genutzt. Das legen Schreiben und Kontoauszüge nahe, die der Westfalen Post vorliegen.
„Um dafür genügend Kapital zu haben, mussten die Kaufpreise deutlich überhöht sein und andererseits die Kreditnehmer keine Fragen stellen“, vermutet Engelbrecht. Die beiden Kreditvermittler hätten Blankovollmachten besessen, um über die Konten der Kreditnehmer zu verfügen.
Nach Einschätzung von Engelbrecht profitierte die Sparkasse von dem System, indem sie kurzfristig Profit aus den langfristig angelegten Geschäften ziehen konnte und die Bilanzen in der kritischen Phase damals aufblühten.
Für Rechtsanwalt Norbert Paul Hache, der zahlreiche Geschädigte vertrat, war das eine „institutionalisierte Zusammenarbeit“ zwischen Kreditvermittlern und Sparkasse, was bislang unbewiesen ist.
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