Diese Firmen tun Gutes – inklusiv arbeiten
10.01.2012 | 18:42 Uhr 2012-01-10T18:42:00+0100
Dortmund/Münster. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe unterstützt 113 sogenannte Integrationsfirmen, in denen behinderte und nichtbehinderte Menschen nebeneinander und miteinander arbeiten.
Für ein echtes Anliegen muss man auch mal auf die Straße gehen. An drei Tagen besucht Dr. Wolfgang Kirsch, Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), sogenannte Integrationsfirmen: „Sie tun Gutes, inklusiv arbeiten“. Hier schaffen Behinderte und Nicht-Behinderte Hand in Hand.
Dortmund, Integrationsbetrieb Zeche Germania. Gitterboxen mit brauner Ware und weißer Ware stapeln sich bis unter die Hallendecke. Darin stecken Fernseher, Monitore, Computer, Haushaltsgeräte, Pumpenteile und was so alles anfällt, wenn es zu Lebzeiten mit Strom versorgt worden ist. Jetzt bewegt sich kein Elektron mehr darin. Andrea Ali (45) bearbeitet eines dieser leblosen Teile, ein Steuergerät für eine Pumpe, mit dem Hammer. Der Plastikdeckel federt empört weg, Andrea Ali schraubt die Platine heraus und deutet auf eine kleine Spule: Kupfer. Der Elektromüll moderner Haushalte ist eine schier unerschöpfliche Wertstoffgrube. Insgesamt 45 Mitarbeiter, 28 mit Behinderungen, schürfen nahe der früheren Kohlenzeche nach Eisen, Aluminium, Kupfer, Messing, Kunststoffen und dergleichen mehr.
Andrea Ali ist zu 70 Prozent schwerbehindert und man könnte frech formulieren, dass sie mehr Eisen im Rücken hat als manches Recyclingteil vor ihr auf der Werkbank. Hüft-Operation 1984, danach Teillähmung im rechten Fuß, zwei Bandscheiben-Eingriffe bescherten ihr die besagten Metallplatten, die Beweglichkeit ist stark eingeschränkt.
„Alles sehr flexibel hier“
Lange Krankheitszeiten und lange ohne Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt. Bis sie 2009 über das Arbeitsamt zur Zeche kam. Sie jobbte neun Monate auf 1,50-Euro-Basis, dann bekam sie einen Zweijahresvertrag und seit November 2011 steht Ali in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis. Ihr macht die Arbeit Spaß, sagt sie, „das ist alles sehr flexibel hier.“
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe unterstützt Integrationsbetriebe mit Mitteln aus der Ausgleichsabgabe. Firmen, die die gesetzlich vorgeschriebene Anzahl an Arbeitsplätzen für Schwerbehinderte nicht erfüllen, müssen die Abgabe leisten.
Der LWL leistet Zuschüsse bei Investitionen, zum Lohn – bis zu 30 Prozent – und für den Betreuungsaufwand (bis 2520 Euro pro Mitarbeiter und Jahr).
Eine dieser Integrationsfirmen hat die Westfälische Rundschau 2011 mit dem „WR-Bürgerpreis“ ausgezeichnet. Bei „Schrimpf und Schöneberg“ in Hohenlimburg schleifen, setzen und verpacken 16 behinderte Mitarbeiter Federn nach Kundenanforderungen.
Wie sie die Zusammenarbeit von behinderten und nichtbehinderten Menschen organisieren, zeigen die 113 Integrationsbetriebe am 22. März bei der LWL-Messe im Congress-Centrum in Münster. Im Netz zu finden: www.lwl-messe.de
Für Abteilungsleiter Dieter Thomas ist die 45-Jährige das „Paradebeispiel“ für Inklusion. In dem Dortmunder Integrationsbetrieb werden die behinderten Mitarbeiter nach ihrem Gesundheitszustand eingesetzt, „Leistungsdruck“, sagt Thomas, „steht bei uns nicht dahinter.“ Dennoch muss sich der Betrieb wie jede andere Firma auch am freien Markt behaupten. Ende 2008, als die Finanzkrise durchschlug, begann ein „Katastrophenjahr“ für die Zeche, sagt Geschäftsführer Manfred Trinkert. Die Rohstoffpreise sausten in den Keller und „unsere Bestände waren auf einen Schlag wenig wert.“ Aktuell ist das Ausrauben elektronischer Geräte wieder hoch lukrativ.
In Westfalen-Lippe gibt es 113 Integrationsunternehmen, die zwischen 25 und 50 Prozent Mitarbeiter mit Handicaps beschäftigen, insgesamt sind es 1200. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Seit 2008 unterstützt der LWL die Gründung von Integrationsunternehmen und damit auch die Schaffung von 613 neuen Arbeitsplätzen. Ginge es nach LWL-Direktor Kirsch, dürften es gerne mehr sein.
So viel Normalität wie möglich
„Wir wollen möglichst viel Menschen aus unseren Behindertenwerkstätten herausholen und in den ersten Arbeitsmarkt bringen.“ Kirsch macht keinen Hehl daraus, dass es den strapazierten Etat des Landschaftsverbandes weniger belastet – im Schnitt seien die Arbeitsplätze in Integrationsunternehmen um die Hälfte kostengünstiger als die Plätze in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. Doch Inklusion im Arbeitsleben ist ein hartes Brot. In einem Jahr wechseln nur etwa 70 Menschen aus den LWL-Werkstätten in Integrationsbetriebe. „Die Werkstätten werden uns lange, lange noch begleiten.“
Nutzt dem Verband der angestoßene gesellschaftliche Prozess um Inklusion behinderter Schüler in normalen Schulen? Wolfgang Kirsch winkt ab. Solche Begrifflichkeiten sind wenig hilfreich. Inklusiv, sagt er, kennen viele Menschen nur von Essen und Trinken aus dem Club-Urlaub. „Wichtiger ist uns der behinderte Mensch. Wir möchten so viel Normalität wie möglich für ihn – beim Wohnen, bei der Arbeit und in der Freizeit.“
Deswegen ist Wolfgang Kirsch derzeit auf „Roadshow“, auf Werbereise für Integrationsbetriebe, wie er es nennt. Im März stellen sich die 113 Integrationsbetriebe auf einer Messe in Münster vor – auch, um andere Firmen zum Nachahmen zu animieren. Denn noch lieber als in Integrationsbetrieben, sagt Kirsch, „bringen wir die behinderten Menschen in ganz normalen Unternehmen unter“.
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