Die Kämpferin aus der Hartz IV-Statistik
12.02.2012 | 15:07 Uhr 2012-02-12T15:07:00+0100
Dortmund. Rund 12 Millionen Menschen sind laut Paritätischem Armutsbericht in Deutschland armutsgefährdet – 14,5 Prozent der Bevölkerung. Die 41-jährige Martina Püttmann weiß, wie das ist. Doch sie hat sich aus der Hartz-IV-Statistik herausgekämpft.
Die 41-jährige Martina Püttmann wirkt schmal und zierlich, fast zerbrechlich, und zurückhaltend. Zumindest auf den ersten Blick. „Mein Eindruck von ihr am Anfang war: Sie hat die Chance, ihren Weg anders zu gehen. Aber steht sie das auch durch?“ gibt Sozialpädagogin Elfi Herweg zu. Heute, rund zwei Jahre später, weiß sie, dass die Zweifel überflüssig waren. Denn Martina Püttmann hat es geschafft: Hat wieder eine Perspektive im Leben und kann demonstrativ das Wort „Hartz IV“ an der Tafel durchstreichen. Das tut sie fröhlich – und auch mit Selbstbewusstsein, als sie danach in die Kamera des Fotografen schaut: „Ich will nicht wie ein Opfer aussehen“, sagt sie. Eher wie eine Kämpferin. Denn zu kämpfen gab es schließlich viel, als sie sich entschloss, den Weg aus Arbeitslosengeld und Sozialhilfe anzutreten.
„Verhärtete Armut“ lautete die Überschrift, als der Paritätische Wohlfahrtsverband kürzlich seinen jüngsten Armutsbericht vorlegte. Auch Martina Püttmann hat die Meldungen gehört, die durch die Medien gingen: von einer Verfestigung der Armut auf Rekordniveau, von einem deutlichen Negativtrend vor allem in NRW, von einer besorgniserregenden Entwicklung vor allem im Ruhrgebiet. Was ihr da durch den Kopf ging? „Ganz viel“, sagt die 41-Jährige. Viel zu viel, für einen einzigen Artikel. Auch, weil sich von außen nur erahnen lässt, was es heißt, arm zu sein. Denn als solches hat sich die Dortmunderin empfunden – vor allem zu den Zeiten, als sie nach der Trennung von ihrem Mann alleine da stand. Ohne Schulabschluss, ohne Ausbildung, ohne Arbeit, aber mit drei Kindern.
„Ich musste mir Dinge vom Mund absparen, die für andere und andere Kinder normal waren“, blickt sie zurück. Sehr schnell war sie da auf Hartz IV angewiesen. Und vor allem darauf, dass irgend jemand in irgend einer Behörde einen „Bedarf“ anerkannte. Ständige Auseinandersetzungen, ständige Kämpfe – so hat sie diese Zeit als Leistungsempfängerin empfunden. Mal ging es um Zuschüsse für die Schulausstattung, mal um Teilnahme an dem Projekt „Jedem Kind ein Instrument“, mal um den Zuschuss für eine Klassenfahrt – und ganz zum Schluss schließlich um sie selbst. Weil sie irgendwann zu dem Ergebnis gekommen war, dass man auch mit über 30 Jahren doch noch nicht zu alt ist, um ein neues Leben zu wagen. Und weil sie nach dem nachgeholten Hauptschulabschluss noch eine Ausbildung zur Familienpflegerin starten wollte. Doch der erforderliche Bildungsgutschein, den sie beantragte, wurde ihr verwehrt: „Da hieß es dann, es sei leider keiner mehr für mich da“, sagt Püttmann kopfschüttelnd. „Und da wusste ich wirklich nicht mehr, wie es weitergeht.“
Was wohl passiert wäre, wenn sie in ihrer Not nicht das Frauenzentrum Huckarde aufgesucht hätte, wenn sie nicht die Unterstützung der Beratungsstelle „Wendepunkte“ bekommen hätte? „Das möchte ich mir lieber gar nicht vorstellen“, sagt Martina Püttmann. Ihre Beraterin Elfi Herweg ahnt es: „Putzkolonne. Aufstockend Hartz IV.“ Statt dessen jedoch ließen beide nicht locker - und erkämpften eine neue Förderung in Form von BAföG.
Schon bald jedoch wird Martina Püttmann keinerlei staatliche Unterstützung mehr benötigen. Nach zwei Jahren hat sie den theoretischen Teil ihrer Ausbildung zur staatlich anerkannten Familienpflegerin abgeschlossen, ab Juni folgt ihr Anerkennungsjahr. Und die Chancen stehen gut, dass sie dieses nicht nur im Frauenzentrum Huckarde absolvieren kann, sondern anschließend auch übernommen wird. „Das Wichtigste ist, dass mein Lebensunterhalt gesichert ist“, sagt sie. „Es ist mir gar nicht wichtig, viel mehr Geld zu haben als durch Hartz IV. Aber es geht darum, wieder ganz unabhängig sein zu können.“
Ihr persönlicher „Armutsbericht“ jedenfalls ist nach vielen Jahren nun vorbei. Doch anders als bei den Schicksalen, die sich hinter den Zahlen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes verbergen, steht das letzte Kapitel von Martina Püttmann schon fest: Es ist ein Happy End.
16:23
Frage mich schon seit Monaten warum derWesten immer nur positve Einzelfälle zu Hartz IV groß aufmacht. Was soll das bewirken? Alles nicht so schlimm? Ihr könnt Harzt IV nicht schönschreiben. Hartz IV hat unsere Gesellschaft gespalten und ist das unmenschlichste Gesetzt seit bestehen dieser Republik. Und damit meine ich nicht nur den finanziellen Aspekt.
17:59
Sie ist nur eine von 10.000 in/um Dortmund, die es vielleicht geschafft hat!
9.999 warten noch auf eine zweite Chance. Aber so viele gut bezahlte Arbeitsplätze gibt es nicht mehr in Dortmund für Ü40 Jährige...