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Schmallenberg-Virus

Die Angst der Schäfer bei der Lammung

01.03.2012 | 18:52 Uhr
Die Angst der Schäfer bei der Lammung
Nicht jedem Lamm, das in diesen Wochen zur Welt kommt, geht es so gut wie diesen in Dortmund. Das Schmallenberg-Virus hat für viele Missbildungen gesorgt. Fotos: Franz Luthe

Dortmund. Dr. Ernst Brüggemann ist Geschäftsführer und Zuchtleiter beim Schafzuchtverband in Nordrhein-Westfalen. Eigene Schafe hat er nicht. Und er ist froh darüber – vor allem „aus wirtschaftlichen Gründen, dass ich nicht davon leben muss“. Mehr denn je. Seit im November die ersten Fälle des so genannten Schmallenberg-Virus auftraten, seit Hunderte, vermutlich sogar sogar Tausende von Lämmern in diesem Land mit schrecklichen Missbildungen auf die Welt kamen.

„Das ist wieder ein Schlag unter die Gürtellinie für die Schafhalter, die es nach der Blauzungenkrankheit wirtschaftlich sowieso schwer getroffen haben“, sagt Brüggemann. Doch finanzielle Unterstützung gibt es nicht – weder von der Tierseuchenkasse, noch vom Land. Das erfuhren die rund 150 Schafhalter aus NRW, als sie sich am Mittwochabend zu einer gemeinsamen Info-Veranstaltung mit der Landwirtschaftskammer im Haus Düsse bei Bad Sassendorf trafen. Motto: „Schmallenberg-Virus – was nun?“

Existenzbedrohung für einige Betriebe

Rund 2000 Mitglieder zählt der Schafzuchtverband NRW in Paderborn. Etwa 150, so schätzt Ernst Brüggemann, müssen zum größten Teil von diesem Erwerb leben. Einige von ihnen haben in diesem Jahr bereits bis zu 30 Prozent ihrer Lämmer durch das Schmallenberg-Virus verloren.

„Natürlich wird das für die größeren Bestände schon existenzbedrohend“, sagt der Zuchtleiter. Und man wisse heute noch gar nicht, ob die betroffenen Züchter nicht frustriert das Handtuch werfen, weil sie einer ungewissen Zukunft entgegensehen. „Die Frage ist doch, was passiert in der nächsten Ablammperiode“, so Brüggemann. „Werden dann die anderen 70 Prozent von der Krankheit betroffen sein? Werden sie noch mehr Lämmer verlieren?“

INFO
800 Betriebe betroffen

In Deutschland wurde bisher bei Tieren aus 797 Betrieben das „Schmallenberg-Virus“ festgestellt. Es wurde im Herbst 2011 zum ersten Mal nachgewiesen. Nach Stand vom 1. März sind laut Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit bundesweit insgesamt 58 Rinder-, 701 Schaf- und 38 Ziegenhaltungen betroffen.

NRW hat den höchsten Anteil mit 28 Rinder-, 243 Schaf- und 11 Ziegenhaltungen. Die Zahl der betroffenen Tiere ist nicht bekannt.

Das Virus wird von Gnitzen und anderen Stechinsekten übertragen. Forschungen haben ergeben, dass das Muttertier zu einer bestimmten, frühen Phase der Trächtigkeit infiziert werden muss, damit der Fötus geschädigt wird.

Für den Menschen sollen die Viren ohne Risiko sein.
Infos: www.fli.bund.de

Die Züchter hoffen zwar, dass viele Muttertiere immun geworden seien, doch eine Gewissheit dafür gebe es nicht. Schon jetzt ist die Sorge zum ständigen Begleiter in den Ställen geworden. „Die Züchter sind alle sehr verunsichert“, sagt Brüggemann. „Wenn früher eine Lammung anstand, bedeutete das überwiegend Freude. Heute ist sie immer mit Angst verbunden.“

Wenn dann tatsächlich verkrüppelte Tiere zur Welt kommen, können die Züchter auf keine Entschädigung hoffen. „Dass es von der Tierseuchenkasse und vom Land kein Geld gibt, ist auf ziemlich viel Unverständnis gestoßen“, sagt der Vertreter des Schafzuchtverbandes. „Eine Ertragsausfallversicherung gibt es für Rinder, Milchkühe und Schweine – aber nicht für Schafe. Unter den Züchtern besteht die allgemeine Meinung, dass es sich bei der Tierseuchenkasse doch um eine Solidargemeinschaft handelt. Sie sollte nun dafür eintreten, dass das Geld, was über Beiträge eingesammelt wird, nun für solche speziellen Fälle zur Verfügung gestellt werden kann.“

Tierseuchenkasse zahlt nicht

„Wir können freiwillige Leistungen nur auszahlen, wenn wir auch die Rechtsgrundlage haben – und die haben wir nicht“, sagt Dr. Annette vom Schloß, Geschäftsführerin der Tierseuchenkasse NRW. Dazu müsse eine Krankheit wie das Schmallenberg-Virus von der Europäischen Union als anzeigepflichtige Seuche gelistet sein.

Etwa, weil sie durch Gemeingefährlichkeit charakterisiert ist, sich auf den gesamten Bestand ausweitet und es keinerlei Chance gebe, sich dagegen zu schützen. „All das wissen wir von dieser Krankheit noch nicht“, sagt Annette vom Schloß. „Es kann sein, dass ein Schaf von 100 Mücken gestochen werden muss – oder nur von einer.“

Grundsätzlich sei jedoch klar: „Alles, was die Tierseuchenkasse bezahlt, muss sie an Rücklagen auch wieder hereinholen – auch wenn sich das Land daran beteiligt.“ Derzeit zahlten die Züchter einen Euro pro Jahr und pro Schaf. Rücklagen seien laut Schloß auch dazu da, um betroffene Betriebe, etwa bei der Maul- und Klauenseuche, durch die ganze Bestände ausgemerzt wurden, zu entschädigen.

Darüber hinaus habe es in jüngster Vergangenheit Entschädigungen bei der Blauzungenkrankheit gegeben: Damals seien pro Tier im Schnitt 120 Euro gezahlt worden, zusätzlich zu Tötungs- und Tierkörperbeseitigungskosten.

Ministerium: „Keine juristische Handhabe“

Auch vom Sprecher des NRW-Umweltministeriums, Wilhelm Deitermann, gibt es keine positiven Nachrichten für die Schafhalter: „Ich kann nicht die Hoffnung wecken, dass es Beihilfen geben wird“, sagte er. Das EU-Wettbewerbsrecht verbiete in diesem Fall, diese Hilfen zu zahlen. „Wir haben keine juristische Handhabe. Uns sind die Hände gebunden.“

Das einzig Denkbare, um den betroffenen Züchtern zu helfen, sei „zu gegebener Zeit“ ein Kreditprogramm über die landwirtschaftliche Rentenbank. Das jedoch müsse dann auf Bundesebene laufen. Noch mehr als die Frage der Entschädigung beschäftigt das Ministerium derzeit das Virus und seine Auswirkungen selbst. „Wir sind immer noch in der Phase, dass wir es nicht in allen Einzelheiten kennen und das wahre Ausmaß noch gar nicht erfassen können“, sagt Deitermann. „Noch können wir keine Entwarnung geben.“

Wissenschaftler arbeiten an Impfstoff

„Mit dem Thema sind wir längst noch nicht durch“, bestätigt Elke Reinking, Sprecherin des Friedrich-Loeffler-Instituts, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit in Greifswald. „Die Lammsaison geht dem Ende zu, da sieht man nun eine leichte Abflachung der Fallzahlen, ohne dass es wissenschaftlich begründet ist. Spannend ist jedoch, was nun bei den Kühen und ihren Kälbern passiert, die naturgemäß später kommen als die Lämmer.“

Und auch, wenn einige Wissenschaftler vermuteten, dass die Erkrankung bei den Rindern glimpflicher ablaufe, könne keinerlei Entwarnung gegeben werden. „Wir müssen davon ausgehen, dass es mit der beginnenden Mückensaison im April/Mai oder auch zum Höhepunkt im September/Oktober wieder zu neuen Infektionen bei erwachsenen Tieren kommt, die bisher nicht infiziert wurden“, so die Expertin.

Doch ein Schutz vor den Mücken, den so genannten Gnitzen, die das gefährliche Virus übertragen, sei schwierig. „Im Moment haben wir leider keine Handlungsoption“, so Reinking. „Man kann die Insekten nicht hindern, in die Stallungen zu fliegen.“ Und Anti-Mückenmittel hätten bei Gnitzen ohnehin nicht den erhofften Erfolg.

Forschergruppen im Friedrich-Loeffler-Institut und auch in verschiedenen anderen Ländern arbeiteten unter Hochdruck daran, einen Impfstoff zu entwickeln. Das haben sie vor einigen Jahren, als die Blauzungenkrankheit grassierte, die ebenfalls von Gnitzen übertragen wird, schon einmal getan. Mit Erfolg: „Seit zwei Wochen“, so Reinking gestern, „sind wir von dieser Tierseuche offiziell frei."

Katja Sponholz


Kommentare
02.03.2012
09:20
Die Angst der Schäfer bei der Lammung
von The_Rebel | #1

Das unternehmerische Handeln hat nun mal seine Tücken. Diese zu umschiffen zeichnet den guten Unternehmer aus, nicht bei Problemen -mögen sie auch noch so eklatant sein- sofort nach Dritten rufen. Versicherungen haben einen klar umrissenen Auftrag/Risikoabdeckung, der offen zu lesen ist. ALsao ist auch klar, in welchen Fällen Leistungen zu erwarten sind. In diesem speziellen Fall handelt es sich um Risiken, die nicht alle im Vorfeld zu erkennen sind. Aber das macht das unternehmerische Risiko aus. Wer das nicht möchte, sollte etwas anderes machen als Schafe züchten.

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