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Kyrill

Der Tag, an dem Kyrill die Wälder abholzte

16.01.2012 | 18:30 Uhr
Der Tag, an dem Kyrill die Wälder abholzte
Der Tag nach Kyrill in Mülheim. Die größten Schäden entstanden im Broich- und Speldorfer- Waldgebiet.Foto: Archiv/Ilja Höpping

Sundern.  Vor fünf Jahren wütete der verheerenden Orkan Kyrill. Der finanzielle Schaden für Waldbauern und Forstwirte in der Region ging in die Millionen, der ideelle ins Unvorstellbare. Manch einer verlor seine Altersvorsorge, andere noch mehr: ihre Liebe, den Wald.

Es muss kurz nach Schulschluss gewesen sein, an diesem Donnerstag im Januar, als Erdkundelehrer und Waldbauer Hermann-Josef Schulte-Stracke dieses üble Bauchgefühl beschlich: Da oben, da braut sich etwas zusammen. Minute um Minute blies der Wind stärker. Die Wolken färbten sich erst grau, spät nachmittags schwarz. Und da war noch die Zahl 51, die sich in sein Gedächtnis brannte wie das Geburtsdatum seiner Tochter. So viel Hektopascal nämlich betrug der Luftdruckunterschied an diesem Tag, an dem sich Orkan Kyrill entschloss, allein im Sieger- und Sauerland 25 Millionen Bäume abzuholzen . „Das sind irre Werte. Wie vor einem Hurrican.“ Schulte-Stracke ahnte, dass es an diesem Abend und in dieser Nacht ruckelig werden würde. Wie ruckelig tatsächlich, entzog sich seiner Vorstellungskraft.

Der finanzielle Schaden für die zahlreichen Waldbauern und Forstwirte in der Region ging in die Millionen, der ideelle ins Unvorstellbare. Manch einer verlor seine Altersvorsorge, andere noch mehr: ihre Liebe, den Wald.

Wer nach Kyrill-Opfern sucht, wird in Allendorf, einem 1500-Seelen-Stadtteil von Sundern im Hochsauerlandkreis, schnell fündig. Hier gründete sich Mitte der 70er-Jahre die Forstbetriebsgemeinschaft Allendorf-Hagen (FBG). Ein Verein, dem heute 138 Waldbesitzer angehören und der sich über 2000 Hektar Privatwald erstreckt. Eine Gemeinschaft, die Erträge aus ihrem Holzverkauf sichert, steigert und Ressourcen teilt. Vor fünf Jahren teilten sie nur: Leid.

Die Rente vor den eigenen Augen zerlegt

Näher als Johannes Peterschulte, einer der Mitglieder, kam dem Orkan kaum einer. Als sich der Dachfirst an seinem Haus löste und er das ferne Knacken und Bersten der Baumstämme hörte, setzte er sich ins Auto und fuhr zu seinem Waldstück. Positionierte sich auf einer Wiese in unmittelbarer Nähe und sah zu, wie Kyrill seine Rente zerlegte: „Vor lauter Hilflosigkeit hatte ich Tränen in den Augen, wahnsinnig emotionale Stunden.“ Stunden, in denen eine Fichte nach der anderen einknickte. „Immer, wenn ich etwas Geld übrig hatte, habe ich Waldfläche dazugekauft. Mit Renteneintritt wollte ich abernten.“ Doch die meisten der 25 Hektar waren blank rasiert, die Wertanlage verpufft, der Generationenvertrag geplatzt.

Noch schlimmer traf es Antonius Freiburg-Senses, ein hauptberuflicher Forstwirt. Er verlor 90 Prozent seines 45 Hektar großen Waldbestands – und war dennoch froh: „Uns ist nichts passiert.“ Die Nacht vom 18. auf den 19. Januar 2007 wird die Familie nämlich nie vergessen: Erst deckte Kyrill das halbe Hausdach ab und drohte dann, noch mehr Schaden anzurichten. „Meine Söhne und ich haben die gesamte Nacht das Fenster festgehalten. Wir standen völlig unter Schock“, erinnert sich Freiburg-Senses.

Video

Zwischen dem Balver Wald und Schmallenberg, zwischen Hengstenberg und Ödenberg – überall hinterließ der bis zu 225 Stundenkilometer schnelle Orkan eine Schneise der Verwüstung . „Da war kein Wald mehr – nur hässliche Stumpfe; Konturen, von dem, was da mal war; und die zig tausend Fichten stapelten sich am Wegesrand übereinander“, erinnert sich Schulte-Stracke, Vorsitzender der FBG. Er war so schockiert, dass er sich erst einen Tag später zu seinem Waldgebiet traute. Und traute erneut seinen Augen nicht: Er muss ein Glückspilz sein. Beim Nachbarn: alles zerstört. Beim ihm selbst: fast alles heil. „Der Orkan zischte offensichtlich genau an meinem Grundstück vorbei.“ Gefreut habe er sich trotzdem nicht. Er wusste, was auf sie zukommen würde.

30 statt 70 Euro pro Kubikmeter Festholz

Zwei Jahre würde es dauern, bis alle Schäden beseitigt sind, schätzte ein Experte. „Damals erschien uns das als zu hoch gegriffen. Heute wissen wir: Manch einer forstet heute noch auf “, sagt der Vorsitzende.

300 Hektar Wald wurde in den ersten drei Jahren aufgearbeitet: Sie haben 15 Millionen Kubikmeter Holz geschlagen und 100 000 Samen – diesmal Douglasien, ein Nadelbaum – gesät. Das Angebot schoss in die Höhe, der Preis fiel. 30 Euro bekamen die Waldbesitzer pro Kubikmeter Festholz. Zwei Jahre später betrug der Preis wieder die gewohnten 70 Euro. „30 Jahre Arbeit waren damit umsonst“, sagte Antonius Freiburg-Senses. Sein Vorsitzender, Hermann-Josef Schulte-Stracke, sieht es positiv: „Wir hatten noch Glück im Unglück. Zwei Jahre später, nach der Lehman-Pleite und der folgenden Wirtschaftskrise, hätte es uns noch schlimmer getroffen.“

Nach zuletzt zwei trockenen Frühjahren und dadurch bedingt hohen Ausfällen sehen die Forstwirte nun wieder Licht am Ende des Waldes. Der Zapfenbehang ist in diesem Jahr ungewöhnlich hoch. Eine Billion Samen erwartet Schulte-Stracke im März: „Das ist ein kleines Wunder, der gerechte Ausgleich der Natur.“ Antonius Freiburg-Senses drückt es anders aus: „Natur kann wunderschön und im nächsten Moment wieder grausam sein.“ So grausam wie vor fünf Jahren.

Rückblick: Kyrill und die Folgen

Dennis Betzholz

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Kommentare
18.01.2012
08:52
Diesen Tag vergesse ich nie
von DieterCarstensen | #1

Als Kyrill damals tobte, war ich mit einer Partnerin aus Berlin zusammen. Sie wollte genau an dem Tag zu mir nach Waldbröl in Süd NRW fahren, mit der Bahn. Der HBF Berlin war kaputt durch den Sturm, sie musste dann über den Ostbahnhof fahren, die Fahrt dauerte mit zig Umleitungen 18 Stunden.

Normal wären es ca. 8 Stunden gewesen.

Die normale Bahnstrecke war blockiert, ich war heilfroh, als sie gesund in Schladern/Sieg am Bahnhof ankam,

Ich habe fünf Stunden dort auf sie gewartet. Am nächsten Tag gingen wir bei uns in Waldbröl spazieren, oben im Wald, die Schäden kann man noch heute sehen, jeder zweite Baum war einfach weg. Diesen Sturm vergesse ich nie!

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