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Ärger mit den Krankenkassen - „Das sind keine Einzelfälle“

12.11.2012 | 18:13 Uhr
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Ärger mit den Krankenkassen - „Das sind keine Einzelfälle“
Stefan Palmowski (r.) verzeichnet bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland in den letzten Jahren steigenden Beratungsbedarf und mehr Beschwerden: Pro Monat wenden sich bis zu 400 Ratsuchende an die Beratungsstelle in Dortmund, eine von dreien in Nordrhein-Westfalen.Foto: Mark Keppler

Dortmund.   Viele Versicherte sind enttäuscht und sauer, wenn Kuren und Leistungen abgelehnt werden. Die Gründe für die Entscheidungen sind vielfältig.

Stefan Palmowski hat sich nicht gewundert über die Berichterstattung der WR: Nicht über Anna Winter aus Iserlohn, die eine Mütterkur beantragen wollte und fälschlicherweise zur Rentenversicherung geschickt wurde, nicht über Uwe Heiland aus Bergkamen, der stark unter Morbus Bechterew leidet und weder Rente noch Kur noch Dauerverordnung erhielt. Und auch nicht über die zahlreichen Zuschriften der WR-Leser, die von zweifelhaften Entscheidungen der Krankenkassen zulasten der Patienten berichteten.

Stefan Palmowski ist Mitarbeiter der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) in Dortmund, und er sagt: „Typisch. Das sind keine Einzelfälle. Solche Probleme haben viele Versicherte.“ Tendenz steigend. Denn während die Beratungsstelle in Dortmund noch vor fünf Jahren rund 250 Fälle pro Monat verzeichnete, ist die Zahl inzwischen um rund 100 monatlich gestiegen. „Das hängt vielleicht mit unserem Bekanntheitsgrad zusammen“, sagt Palmowski. „Aber auch damit, dass es nicht einfach ist, sich zu orientieren – vor allem dann, wenn man von unterschiedlichen Stellen unterschiedliche Informationen erhält.“

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Viele Versicherte, die sich dann an die unabhängige Beratung wenden, sind nicht nur enttäuscht, sondern auch verärgert. „Manche vermuten ganz deutlich, dass ihr Antrag gar nicht richtig geprüft wurde und sich nur irgendein Gutachter vor einen Stapel gesetzt und per Sichtkontakt entschieden hat“, berichtet Palmowski. Erst wenn man in Widerspruch ginge, so der Vorwurf, könne man offenbar von einer sorgfältigen, individuellen Prüfung ausgehen. Ob dieser Verdacht zutreffend sei? „Man kann ihn nicht so von der Hand weisen, aber man kann ihn auch nicht belegen“, betont der Patientenberater. „In jedem Fall empfiehlt es sich, einen ablehnenden Bescheid gründlich zu kontrollieren. Und in der Begründung findet man dann häufig auch Ansatzpunkte, wie man gut dagegen angehen kann.“

Ministerium will nicht spekulieren

Schlecht informierte Sachbearbeiter – oder Zielvorgabe von oben? Das NRW-Gesundheitsministerium mochte sich jedenfalls auf Nachfrage „nicht an Spekulationen beteiligen“, ob Ablehnungen beantragter Leistungen durch gesetzliche Krankenkassen möglicherweise auf Kostengesichtspunkten beruhen oder gar, dass Krankenkassen systematisch Leistungen zu Unrecht ablehnen. „Versicherte, die glauben, eine beantragte Leistung zu Unrecht nicht erhalten zu haben, sollten sich durch einen Widerspruch gegen die Ablehnung wenden“, hieß es.

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Zudem bestehe die Möglichkeit, sich an die jeweilige Aufsichtsbehörde über die Krankenkasse zu wenden. Dies ist zum Beispiel für die beiden AOKen in NRW das Ministerium, für alle bundesweit tätigen Kassen, wie etwa die Ersatzkassen, das Bundesversicherungsamt in Bonn. „Würden sich bei der Überprüfung von Einzelfällen Hinweise ergeben, dass eine Krankenkasse systematisch fehlerhafte Entscheidungen trifft, kann die Aufsichtsbehörde dies anhand konkreter Fakten aufgreifen“, teilte eine Ministeriumssprecherin mit.

vdek weist Vorwürfe zurück

Dirk Ruiss, Sprecher des Verbandes der Ersatzkassen in NRW (vdek), schloss auf Nachfrage der WR zu diesem Thema für die Ersatzkassen „jede Taktik, Willkür und fadenscheinige Begründungen“ aus: „Wir wollen eine gute Versorgung für die Versicherten und keine Kosteneinsparungen auf dem Rücken der Gesundheit unserer Versicherten“, betonte er. Gerade im Bereich der Mutter-Vater-Kind-Kuren können die Ersatzkassen Bewilligungsquoten von knapp 90 Prozent vorweisen. Alle Mitarbeiter seien über die neue Inanspruchnahmeregelung informiert, die Ersatzkassen hätten seinerzeit die neue Regelung öffentlich begrüßt .

Hier können Sie sich neutral beraten lassen

Die Unabhängige Patientenberatung (von Sozialverband VdK, Verbraucherzentrale und Verbund Unabhängige Patientenberatung) versteht sich als Wegweiser durch das Gesundheitssystem und ist unabhängig, neutral und kostenlos.

Das bundesweite Beratungstelefon (*) erreichen Sie unter: 


0800 / 0 11 77 22 (Deutsch)
0800 / 0 11 77 23 (Türkisch)

0800 / 0 11 77 24 (Russisch)
(*kostenfrei aus dem deutschen Festnetz)

In NRW gibt es Beratungsstellen in Köln, Bielefeld und am Ostenhellweg 49 in Dortmund, Telefon: 0231 / 206 48 70.

Als neutrale Stelle hat das Land NRW in diesem Jahr außerdem eine Patientenbeauftragte berufen: Sie ist erreichbar auf dem Gesundheitscampus 9 in Bochum und unter Tel. 0234 / 91535 1940 (Ortstarif, montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr ).

E-Mail: info@patientenbeauftragte.nrw.de

Dennoch steigt die Zahl der Patienten, die sich von ihren Kassen schlecht beraten und vertreten fühlen – das stellt auch der Deutsche Patientenschutzbund in Dormagen fest. „Einzelfälle sind das jedenfalls nicht“, sagt Frank Lepold, Leiter der Bundesgeschäftsstelle in Dormagen, der bei derartigen Problemen mit der Krankenkasse an die Berater der UPB in Dortmund verweist. Er vermutet jedoch nicht unbedingt „Unwillen der Kassen“ als Ursache, sondern eher „Intransparenz im System“. „Da weiß keiner mehr, wer was wann wie genehmigt oder erstattet. Es herrscht eine fürchterliche Undurchsichtigkeit.“

Patienten fühlen sich unter Druck gesetzt

Aber manchmal eben doch auch der bewusste Versuch, Patienten zu beeinflussen, um Kosten zu sparen: „Wenn es um Krankengeld geht, erleben wir es relativ häufig, dass die Kassen frühzeitig Kontakt mit den Versicherten aufnehmen, um zu fragen, wie die Chancen sind, dass sie bald wieder arbeitsfähig sind“, sagt Patientenberater Stefan Palmowski. „Viele Versicherte fühlen sich dann zu Recht unter Druck gesetzt. Denn manche Kassen machen das sehr exzessiv, schon nach zwei Monaten Krankengeldbezug, obwohl die Versicherten maximal Anspruch auf 78 Wochen haben – dabei geht sie der Gesundheitszustand gar nichts an.“

Methode oder Unwissenheit? „Wenn es um die Beratung ums Krankengeld geht und die Kassen aktiv auf die Versicherten zugehen und nach ihrem Gesundheitszustand fragen“, so Palmowski überzeugt, „ist es geplant.“

Katja Sponholz

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