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Das schiefe Bild von Westfalen in den Schulbüchern

08.11.2012 | 18:39 Uhr
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Das schiefe Bild von Westfalen in den Schulbüchern
Bäuerlich, dörflich, Schweinezucht: In NRW-Schulbüchern wird ein falsches Bild von Westfalen vermittelt.Foto: dapd

Dortmund.   Schulministerium lehnt Pflicht zur Gleichbehandlung der Landesteile in Schulbüchern ab. Während das Rheinland als moderne Industrieregion gezeichnet wird, kommt Westfalen als Agrarland daher - was faktisch nicht stimmt. Kritiker fordern: „Unsere Region muss richtig dargestellt werden“.

Der Landesteil Westfalen wird in Schulbüchern gegenüber dem Rheinland vernachlässigt und verzerrt dargestellt. Westfalen quasi als vorindustrielles Agrarland, das Rheinland hingegen als moderne Industrieregion. Das hatte kürzlich eine Studie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) ergeben. Die Empörung darüber in Westfalen ist groß – man sieht sich in überholte Klischees gepresst. Das Schulministerium lehnt jedoch ab, eine verbindliche Vorschrift zur Gleichbehandlung zu erlassen.

Das Bild der einzelnen Regionen in NRW wird schon in der Schule geprägt. Das jedenfalls vermutet der Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Und in der Schule wird über die Erdkundebücher ein seltsames Image vermittelt. Zum einen taucht in den Büchern deutlich öfter das Rheinland auf: In der gymnasialen Oberstufe wird auf 77 Seiten aus dem Rheinland berichtet, auf neun Seiten aus Westfalen. Und inhaltlich haben die vorgestellten Beispiele mit der Wirklichkeit wenig gemein. Stadtthemen kommen zu über 80 Prozent aus dem Rheinland, Dorfthemen zu 90 Prozent aus Westfalen. Von dort wird eher über Schweinezucht berichtet, Beispiele moderner Energieerzeugung kommen ausschließlich aus dem rheinischen Landesteil. Handel, Dienstleistung und auch Industrie wird fast ausschließlich rund um Köln und Düsseldorf angesiedelt, Westfalen präsentieren die Bücher vor allem dann, wenn es um beschauliche Natur und Tourismus geht.

Verlage werden sensibilisiert

„Ich halte es dringend für notwendig, dass in Schulbüchern Westfalen zutreffend dargestellt wird“, ließ Wolfgang Kirsch, Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe daraufhin das Düsseldorfer Schulministerium wissen. Die Antwort, die es dazu jetzt aus Düsseldorf gibt, sei jedoch „enttäuschend“ und „überzeugt nicht“, klagt Kirsch. Die Anregungen seien nicht aufgenommen worden.

Westfalen in ErdkundebuechernFoto: Miriam Fischer

Das Ministerium will das so nicht stehen lassen. „Wir haben die Untersuchung zum Anlass genommen, die Verlage für das Thema zu sensibilisieren“, sagte gestern ein Sprecher von Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Derzeit werde an neuen Lehrplänen für die Sekundarstufe II gearbeitet. Die Verlage würden vermutlich im Frühjahr dann mit der Produktion neuer Bücher beginnen.

Ob darin dann aber Westfalen tatsächlich anders dargestellt wird, weiß man im Ministerium nicht. Zum einen räumt man ein, dass es „noch etwas dauern kann“, bis die Schulen mit den neuen Lernmitteln arbeiten könnten. Verlage brauchten „eine ausreichende Zeitspanne“ für die Überarbeitung. Zum anderen seien im „Lehrplannavigator“ die Landesteile ausgewogen berücksichtigt, behauptet das Ministerium. Auf Nachfrage konnte man dies allerdings nur an einer einzigen Textzeile belegen – umfangreiche Beispiele, die der WR vorliegen, zeigen das Gegenteil.

In der aktuellen Praxis, erklärt das Schulministerium, würden die Lehrpläne nur Themen vorgeben – aber keine konkreten Raumbeispiele. Und eine Prüfung durch das Ministerium auf die gleichmäßige Verteilung fände nicht statt, betont der Sprecher. Eine Pflicht dazu wolle man nicht einführen.

Kommentar
Völlig unverständlich

Kleinkarierte Krämerseelen, werden sie im Rheinland über die Westfalen lästern. Und über die Erbsenzähler lächeln, die sich mal wieder beschweren, sie würden benachteiligt. Erst bei der Besetzung der finanzkräftigen NRW-Stiftung. Und jetzt bei den Schulbüchern.

Doch der Protest ist richtig. Denn es geht bei der Darstellung Westfalens in den Lernmitteln nicht darum, genauso oft wie die Rheinländer zu punkten, es geht um die Frage der Vermittlung von Lebenswirklichkeit. Niemand würde im Mathe-Buch grobe Ungenauigkeiten hinnehmen, niemand würde im Deutsch-Buch Rechtschreibfehler akzeptieren. Daher ist das Drängen auf eine korrekte Darstellung selbstverständlich. Völlig unverständlich hingegen ist, wie das Ministerium sich gegen verbindliche Vorschriften sperrt.

Das aber genau hatte der Landschaftsverband vorgeschlagen. Ähnlich wie in Bayern sollte bei der Genehmigung von Schulbüchern die Gleichbehandlung der Landesteile vorgeschrieben werden. Für einen neuerlichen Vorstoß bekommt der Direktor des LWL aber nur teilweise Rückendeckung. Im Kulturausschuss des Landschaftsverbandes lehnte eine rot-grün-gelbe Mehrheit ab, eine entsprechende Initiative zu ergreifen. „Wir glauben das Thema ist angekommen“, sagt Elisabeth Veldhus, Geschäftsführerin der SPD-Fraktion im „Westfalenparlament“. Einer Resolution, die Gleichbehandlung festzuschreiben, stimmten die SPD-Abgeordneten nicht zu: „Wir wollen das nicht so hoch spielen. Es gibt Wichtigeres.“

Thema soll in den Landtag

„Die Frage der Benachteiligung Westfalens ist keine Petitesse“, kritisiert hingegen Klaus Kaiser, Landtagsabgeordneter und schulpolitischer Sprecher der CDU. „Die Zahlen der Untersuchung im Auftrag des LWL belegen: Es gibt konkreten Handlungsbedarf.“ Eine wirkungsvolle Kontrolle bei den Genehmigungsverfahren von Schulbüchern könne einfach eingeführt werden. Kaiser: „Ich halte es für nötig, dass wir dies zum Thema im Landtag bzw. im Schulausschuss machen.“

Wenn Westfalen mit nicht zutreffenden Klischees belegt werde, schade dies im Übrigen ganz NRW, weil die Potenziale nicht ausreichend genutzt würden.

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Auch die Wirtschaft dringt auf Änderungen. „Die Schulbücher hinken hinter der Zeit hinterher, wenn Westfalen auf Schweinezucht und Holzwirtschaft reduziert wird“, ärgert sich Volker Verch, Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Westfalen-Mitte. „Wenn in Düsseldorf Schülern solch ein Bild vermittelt wird, verwundert es nicht, wenn unsere Region als unattraktiv gilt.“ Südwestfalen beispielsweise sei in Deutschland die drittstärkste Industrieregion, viele High-Tech-Unternehmen seien im Ruhrgebiet angesiedelt . „Es geht darum, dass unsere Region richtig dargestellt wird“, betont Verch. „Das Ministerium, das die Bücher quasi in Auftrag gibt, muss Gleichbehandlung nicht nur mit einem kleinen Hinweis anregen, sondern verbindlich vorschreiben.“

Heinz Krischer

Kommentare
13.11.2012
12:47
Das schiefe Bild von Westfalen in den Schulbüchern
von Grobian57 | #5

Wer Genaueres über die Westfalen lesen möchte, sollte es mal mit Voltaires "Kandide oder die beste aller Welten" versuchen.

11.11.2012
22:22
Das schiefe Bild von Westfalen in den Schulbüchern
von kadiya26 | #4

Hab ich diesen (bzw. ähnlichen) Artikel nicht schon vor Monaten hier gelesen?

Keine Verbesserung seitdem? Dann lauter werden. Viel lauter! Bis die blasierten Düsseldorfer was hören. Das kann allerdings dauern...

11.11.2012
18:14
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #3

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

11.11.2012
17:56
Das schiefe Bild von Westfalen in den Schulbüchern
von xxyz | #2

Es ist wichtig, dass das Land in seiner Vielfalt dargestellt wird. Hierbei ist es sinnvoll auch auf Spitzentechnologie in den eher unbekannten Landesteilen hinzuweisen. Düsseldorf und Köln/Bonn bekommen schon genug Förderung durch staatliche Institutionen. Da ist es nur sinnvoll auch auf andere Landesteile hinzuweisen, die ebenfalls Potenzial haben und lebenswert sind.

Dann muss man auch nicht so viel Geld für geförderte Wohnungen ausgeben, während sie in anderen Landesteile leer stehen.

Bielefeld, Paderborn etc. sind durchaus attraktive Städte, die leider kaum berücksichtigt werden.

11.11.2012
17:49
Das schiefe Bild von Westfalen in den Schulbüchern
von fj39 | #1

Das Ministerium ist in Düsseldorf. Düsseldorf ist Rheinland. Und da arbeiten überwiegend Einheimische.
Noch Fragen?

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