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Das lange Warten auf ein drittes Leben

22.08.2011 | 19:13 Uhr

Hagen.So einen wie Pascal Ufer streckt nichts nieder. Der 31-Jährige diente bei der Bundeswehr, ist ausgebildeter Kampfsporttrainer, ein vor Kraft strotzender junger Mann. Doch der Schein trügt. Seine Kräfte sind begrenzt, manchmal gar auf eine kurzweilige Toberei mit seinem siebenjährigen Sohn. Schuld daran sind seine kranken Nieren. Seit fast vier Jahren funktionieren sie nicht mehr. Genauso lange träumt Ufer nun von einer Neuen. Das lange Warten auf ein Spenderorgan, das für ihn nicht weniger bedeuten würde wie: „Der Beginn eines neuen Lebens.“

Wie er warten bundesweit etwa 12 000 Menschen auf ein Organ, allein 8000 derer auf eine Niere. Bei nur 1296 Spendern pro Jahr ergibt sich eine Wartezeit von bis zu sieben Jahren. Für drei Menschen täglich endet das Warten tödlich. Allein in Hagen, im Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation (KfH), warten 180 Patienten.

Pascal Ufer kennt diese Zahlen nur zu gut. Und doch ertappt er sich in ruhigen Minuten dabei, wie er das Telefonklingeln herbeisehnt und den Anruf, der sein Leben verändern würde, entgegennimmt. Vorbereitet ist er längst: „Meine Reisetasche steht für diesen Moment stets gepackt neben meinem Bett. Damit es schnell gehen kann.“

Dialyse schwächt seinen Körper, rettet aber sein Leben

Doch die Realität sieht anders aus. Nur einen Liter Flüssigkeit darf Ufer täglich zu sich nehmen, muss penibel auf die Ernährung achten und zehn Tabletten schlucken.

Und da wäre noch die Dialyse, ohne die er nicht mehr leben könnte. 15 Stunden hängt er pro Woche an der Maschine, immer montags, mittwochs, freitags, im KfH. Ohne die Blutreinigung, die dem Körper das Wasser entzieht, das sonst die Niere ausscheidet, würde Pascal Ufer sterben. Mit der Dialyse kann er steinalt werden.

Als Dauerzustand begreift der Hagener die Dialyse nicht. Sie schwächt seinen Körper, sie fesselt ihn ans Krankenbett – und sie stiehlt ihm Zeit, Lebenszeit. Zumindest in der Gegenwart. „Erst um 24 Uhr habe ich Feierabend“, erzählt „Spätschichtler“ Ufer. In den Nachbarbetten liegen Hausfrauen und Berufstätige, in der Frühschicht dominieren Rentner. Es wird kräftig geduzt, man kennt sich. „Warum auch nicht“, sagt Olaf Leemhuis, leitender Pfleger im KfH, „schließlich sehen wir die Patienten häufiger als unsere eigenen Mütter.“

Eine Lebendspende
ist die Ausnahme

Vor einer Lebendspende sträubt sich Pascal Ufer trotz allem beharrlich: Sowohl seine Partnerin als auch ein guter Freund boten sich bereits als Spender an. „Aber ich habe Angst vor der Abhängigkeit, dass es irgendwann mal heißen könnte: ‘Ich habe dir etwas gegeben, also musst du dies oder das.’ Ich nehme die Niere lieber von Jemandem, der sie nicht mehr braucht.“

In der Familie fehlt indes ein geeigneter Spender: Die Mutter, die ebenfalls 15 Jahre unter einer sogenannten Schrumpfniere litt und an die Dialyse musste, ist bereits gestorben, der Vater ist schwer krank, Geschwister gibt es nicht.

„Pro Jahr spenden bei uns nur zwei Lebende eine ihrer beiden Nieren“, berichtet Dr. Klaus-Peter Pohl, leitender Arzt im Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation in Hagen. Einer wie der einstige Vizekanzler und heutige SPD-Fraktionsvorsitzende Dr. Frank-Walter Steinmeier, der seiner Frau eine Niere spendete, sei die Ausnahme. „Wohl aber ein Vorbild für die Gesellschaft“, so Pohl. Die Spende eines Toten ist dennoch die Regel.

Mit dem Tod beschäftigt sich Pascal Ufer nie. Im Gegenteil: „Ich genieße den Tag anders als vor meiner Krankheit, rieche das Gras, nehme bewusst den Sonnenschein wahr“, sagt er und fügt hinzu, „wenn man es genau nimmt, führe ich ja schon jetzt mein zweites Leben.“ Als der damals 28-Jährige nämlich ins Krankenhaus kam, war es schon fast zu spät: Der junge Mann war aufgequollen, hatte 20 Liter zu viel Wasser in seinem Körper und lebensbedrohliche Blutarmut. Eine vermeintliche Grippe entpuppte sich als Niereninsuffizienz. „Ich dachte nur: Warum ich?“, erzählt der Hagener heute. Seitdem diktiert die Krankheit, die Dialyse und irgendwie auch das Warten sein Leben. „Manchmal, ein paar Stunden am Tag, vergisst man, dass man wartet. Ganz vergessen tut man es nie.“

In eben diesen Stunden setzt sich Pascal Ufer, der Kämpfer, andere Ziele. Eine Weltreise, so sagt er, werde er auf alle Fälle machen. Mit oder ohne gesunde Niere.

Dennis Betzholz

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