Das aktuelle Wetter NRW 16°C
Präventionsprojekt

Damit der Start nicht zur Stolperfalle wird

01.07.2012 | 19:19 Uhr
Damit der Start nicht zur Stolperfalle wird
Die Sozialarbeiterinnen und Therapeutinnen Petra Ruth Ape (M.) und Sandra Borgers (r.) mit der 37-jährigen Andrea Weber (*). Für das Foto wurde eine Puppe verwendet. Beim Konzept „Start mit Stolpern“ findet auch eine Interaktionsdiagnostik statt, um zu prüfen, welche Beziehung die Mütter zu ihrem Kind haben.

Dortmund.   Wertschätzung, Anerkennung und Respekt kennen diese Frauen nicht. Und oft hat ihnen auch niemand zu ihrer Mutterschaft gratuliert. Bei „Start mit Stolpern“ erfahren sie all das - und noch viel mehr. Sie lernen, Verantwortung für ihre Kinder zu entwickeln.

Man ahnt, dass sie viel mitgemacht hat in ihrem Leben. Der jahrelange Konsum von harten Drogen und Alkohol und das Leben auf der Straße haben an ihrem Körper und in ihrem Gesicht Spuren hinterlassen. Doch wenn die 37-jährige Andrea Weber (*) ihre kleine Tochter anschaut, wenn sie lächelnd „Hej Zaubermaus“ zu der Einjährigen sagt und sie behutsam in den Arm nimmt, ist alles anders. Dann ist ihr Gesicht voller Leben, dann leuchten ihre Augen, dann strahlt sie so viel Freude aus. Und auch Stolz. Stolz auf diese süße Tochter und Stolz darauf, dass Marie (*) – anders als ihre ersten beiden Kinder (12 und 7) – bei ihr leben darf.

Zu verdanken hat sie dies nicht nur ihrer eigenen Willensstärke, sondern auch der Initiative „Start mit Stolpern“ am Klinikum Dortmund. Das in dieser Form bundesweit einzigartige Projekt unterstützt „hoch risikobelastete“ Mütter und Familien, die ein gemeinsames Leben mit dem Kind führen wollen. Dazu zählen Frauen mit Drogengebrauch und Alkoholabhängigkeit, mit psychischen und sozialen Belastungen oder mit Behinderungen. Oder auch Prostituierte aus Bulgarien und Rumänien.

Kinderschutz und Kindergesundheit im MIttelpunkt

„Der Kinderschutz und die Kindergesundheit sind dabei unser oberster Grundsatz“, sagt Sozialarbeiterin Petra Ruth Ape. Die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin hat das Projekt vor zehn Jahren initiiert. Ihr Ziel und das ihrer Kolleginnen Sandra Borgers und Anja Krauskopf ist es, dass die Kinder unter geschützten, förderlichen und liebevollen Bedingungen aufwachsen können. Doch für die Mütter, um die sich das Präventionskonzept kümmert, gibt es viele Stolpersteine auf dem Weg zum gemeinsamen Leben. Das kann bei einer fehlenden emotionalen Bindung beginnen und bis zu ganz konkreten Problemen wie Drogensucht oder Obdachlosigkeit reichen – und letztendlich dazu führen, dass das Kind vom Jugendamt in eine Pflegefamilie vermittelt wird.

INFO
Auszeichnung als „Best-Practice-Modell“

Das Konzept „Start mit Stolpern“ basiert auf der Erkenntnis, dass neben der medizinischen und pflegerischen Betreuung dieser Familien ein hohes Maß an psychosozialer Beratung und Unterstützung notwendig ist.

Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen handelte es sich um psychisch kranke Eltern, die zweitgrößte Gruppe waren Drogenabhängige. Bei 30 bis 45 Kindern pro Jahr wird eine nachgeburtliche Entziehung durchgeführt.

Träger ist das Westfälische Kinderzentrum Dortmund / Klinik für Kinder und Jugendmedizin. Seit 2007 gibt es eine Mischfinanzierung durch Mittel der Stadt Dortmund, des Klinikums Dortmund und durch Spenden.

(SPK Dortmund, BLZ: 440 501 99, Konto-Nr: 001 049 550, Stichwort: „Neuropädiatrie – Start mit Stolpern“).

„Start mit Stolpern“ wurde beim 1. Forum „Kinderschutz“ der Ärztekammer Westfalen-Lippe 2008 als Best-Practice-Modell ausgezeichnet.

Das zehnjährige Bestehen wird am Mittwoch, 4. Juli, mit einem Symposium gefeiert.

Infos unter Tel. (0231) 953-20976.

Genau das ist es, was die Arbeit von „Start mit Stolpern“ immer wieder erschwert: Das Misstrauen gegenüber den Mitarbeiterinnen und die Angst der Mütter, dass ihnen das Kind weggenommen wird. Auch bei Andrea Weber war das nicht anders, blickt Ape zurück. „Ich war in ihren Augen die Böse.“ Schließlich hatte die Frau vor sieben Jahren zuletzt erlebt, dass ihr Baby offiziell in Obhut des Jugendamtes in eine Pflegefamilie gegeben wurde. Nur die Großeltern hielten Kontakt zum Kind.

Im Gegensatz zu Andrea. „Damals war sie auf einem anderen Schiff, und das segelte nicht auf diesem Ozean“, blickt Ape zurück. Doch als die Frau im letzten Jahr noch während ihrer Schwangerschaft erneut bei „Start mit Stolpern“ erschien, war alles anders. Plötzlich entwickelte sie Eigeninitiative, war kooperativ, ging gewissenhaft zur Drogen-Substitution, befolgte Termine bei Ärzten und Ämtern, entwickelte Vertrauen und nahm all die Hilfe an, die ihr das dichte Netzwerk aus Klinik, Kinderzentrum, Jugendamt und sozialpädagogischer Familienhilfe boten. Woher diese Veränderung kam? „Ich habe schon so viel falsch gemacht in meinem Leben, mit meinen beiden ersten Kindern“, sagt Andrea Weber. „Ich habe mir gesagt: Ich kann nicht noch mal so viel Mist bauen.“ Anders formuliert: „Irgendwann weiß man“, so Petra Ruth Ape, „dass man nicht mehr so viele Chancen bekommt im Leben.“

„Es steckt so viel Elend in unserer Arbeit“

Und doch gibt es Frauen, die nicht so konsequent und stark sind wie Andrea Weber - oder die einfach nicht die Möglichkeit haben, ihr Leben so zu gestalten, dass ein Kind in ihrer Welt in eine positive Zukunft schauen könnte. „Es steckt so viel Elend in unserer Arbeit“, sagt Sandra Borgers nachdenklich. Erst an diesem Tag sei wieder eine Mutter bei ihr gewesen, die sich dazu entschlossen habe, ihr Neugeborenes zur Adoption freizugeben. „Aus wirtschaftlichen Gründen.“ Andere Frauen seien suchtabhängig und wüssten, dass sie die Versorgung ihres Kindes einfach nicht schaffen können. Und auch, wenn bei ihnen allen das schlechte Gewissen vorherrsche, weiß Petra Ruth Ape doch, was dieses Abgeben für sie bedeutet: „Es ist ein schmerzhafter Akt, aber ein Liebesakt. Er erfordert ein hohes Maß an Mutterliebe. Aber die Frauen schaffen es zunächst nicht, zu erkennen, dass sie es aus Liebe und Verantwortung für ihr Kind tun.“

MEINUNGEN
Westfalen

Ellen Büch, Sozial-pädagogische Familienhilfe :

„So tolerant ist unsere Gesellschaft noch nicht, wenn es darum geht, dass diese Frauen Kinder bekommen. Da klatscht keiner Beifall. Da wird eher gefragt: Wie kann man das einem Kind antun.“

Petra Ruth Ape, Sozialarbeiterin:

„Bei uns erleben die Frauen nicht nur Wertschätzung, Anerkennung und Respekt, sondern manchmal auch etwas ganz Simples: Dass man ihnen zu ihrer Mutterschaft gratuliert. Das wollte vorher keiner wissen.“

Sandra Borgers, Sozialarbeiterin:

„Das Schlimmste ist, wenn Kinder sterben. Oder auch die Mütter. Aber wir erleben auch schöne Momente: Etwa, wenn man Jahre später die Kinder wiedertrifft und sieht, wie gut sie sich entwickelt haben.“

Und dann gibt es noch jene Frauen, denen es nicht gelingt, eine enge Bindung zu ihren Kindern aufzubauen, oder die es nicht ertragen, sie leiden zu sehen. Weil diese schon im Mutterleib süchtig geworden sind und nun, nach der Geburt, als Früh- oder Neugeborene einen Drogenentzug über sich ergehen lassen müssen. Manchmal nur drei Wochen lang, manchmal bis zu drei Monaten. „Es gibt Frauen, die laufen weg, wenn sie vor dem Inkubator standen, in denen ihr Kind schrie und zitterte, und kamen nie wieder“, sagt Borgers.

Neuer Lebensmut

Andrea Weber hat all diese schweren Momente durchgestanden. Hat ihre Schuldgefühle bekämpft und neuen Lebensmut. Was sie sich wünschen würde, wenn sie sich etwas aussuchen könnte? „Als erstes, dass ich jetzt meinen Umzug in eine größere Wohnung gut schaffe und wieder mehr Kontakt zu meinen zwei anderen Kindern bekomme“, sagt sie. Und außerdem: Dass die kleine Marie gesund bleibt und sie selbst niemals so krank wird, dass sie ihre Tochter nicht mehr versorgen könnte.

Deshalb mag sie nach diesem Jahr auch nicht von einem „Happy End“ sprechen: „Es ist ein Kampf“, sagt sie. „Und es wird immer einer sein.“

Heute weiß sie jedoch, wo sie Hilfe bekommt, wenn sie mal wieder ins Stolpern gerät.

(*Namen geändert)

Katja Sponholz


Kommentare
Aus dem Ressort
SPD in Hagen bündelt Bürgerprotest gegen Deal mit RWE-Aktien
Enervie
Die Hagener SPD will jetzt auch die Bürger mit ins Boot holen, um den anstehenden Verkauf der RWE-Anteile an der Enervie-Gruppe an das private Entsorgungsunternehmen Remondis (Lünen) zu verhindern. Oberbürgermeister-Kandidat Horst Wisotzki betont, dass mit ihm dieser Deal nicht zu machen sei.
SC Paderborn sauer über Fehlentscheidung von Schiri Gräfe
2. Bundesliga
Der SC Paderborn ist nach dem 2:2 im Spitzenspiel der 2. Fußball-Bundesliga verärgert über eine offenkundige Fehlentscheidung von Schiedsrichter Manuel Gräfe. Bevor der Fürther Azemi zum Kopfball hoch stieg und in der Nachspielzeit den Ausgleich erzielte, sei ein SCP-Spieler klar geschubst worden.
Hannelore Kraft prophezeit Groko Konflikte mit Bundesrat
Energiewende
NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat ihren Gestaltungsanspruch im Bundesrat bekräftigt. Die Große Koalition habe im Bundesrat keine Mehrheit. Im Interview spricht sie über ihr Bekenntnis zu Bildung und Infrastruktur, das Verhältnis von rot-grün in NRW und das Gelingen der Energiewende.
Fürth verteidigt zweiten Tabellenplatz gegen Paderborn
Fußball
Greuther Fürth hat mit einem 2:2 (0:1) im Spitzenspiel der 2. Bundesliga beim SC Paderborn den zweiten Tabellenplatz verteidigt und die Chance auf die sofortige Rückkehr ins Fußball-Oberhaus gewahrt.
Winterschnäppchen Jojic hat den BVB-Stil bereits adaptiert
Jojic
Eigentlich war Milos Jojic ein Perspektivtransfer des BVB, doch schon nach wenigen Wochen hat das serbische Winterschnäppchen gezeigt, von Wert sein zu können. In 212 Bundesliga-Minuten gelangen dem 22-Jährigen bereits drei Treffer. Jonas Hofmann muss sich wohl hinten anstellen.
Umfrage
Kommunen im Sauerland wollen schärfer gegen besonders laute Motorräder vorgehen. Die Bußgelder werden drastisch erhöht. Was halten Sie davon?

Kommunen im Sauerland wollen schärfer gegen besonders laute Motorräder vorgehen. Die Bußgelder werden drastisch erhöht. Was halten Sie davon?

 
Fotos und Videos
Freud und Leid der SCP-Fans
Bildgalerie
2. Bundesliga
Umweltschützer Dieter Mennekes
Bildgalerie
Unternehmer
Motorrad gegen Mähdrescher
Bildgalerie
Crashtest
Tanklaster stürzt in Böschung
Bildgalerie
Unfall