Damit der Start nicht zur Stolperfalle wird

Die Sozialarbeiterinnen und Therapeutinnen Petra Ruth Ape (M.) und Sandra Borgers (r.) mit der 37-jährigen Andrea Weber (*). Für das Foto wurde eine Puppe verwendet. Beim Konzept „Start mit Stolpern“ findet auch eine Interaktionsdiagnostik statt, um zu prüfen, welche Beziehung die Mütter zu ihrem Kind haben.
Die Sozialarbeiterinnen und Therapeutinnen Petra Ruth Ape (M.) und Sandra Borgers (r.) mit der 37-jährigen Andrea Weber (*). Für das Foto wurde eine Puppe verwendet. Beim Konzept „Start mit Stolpern“ findet auch eine Interaktionsdiagnostik statt, um zu prüfen, welche Beziehung die Mütter zu ihrem Kind haben.
Foto: WR/Franz Luthe
Was wir bereits wissen
Wertschätzung, Anerkennung und Respekt kennen diese Frauen nicht. Und oft hat ihnen auch niemand zu ihrer Mutterschaft gratuliert. Bei „Start mit Stolpern“ erfahren sie all das - und noch viel mehr. Sie lernen, Verantwortung für ihre Kinder zu entwickeln.

Dortmund.. Man ahnt, dass sie viel mitgemacht hat in ihrem Leben. Der jahrelange Konsum von harten Drogen und Alkohol und das Leben auf der Straße haben an ihrem Körper und in ihrem Gesicht Spuren hinterlassen. Doch wenn die 37-jährige Andrea Weber (*) ihre kleine Tochter anschaut, wenn sie lächelnd „Hej Zaubermaus“ zu der Einjährigen sagt und sie behutsam in den Arm nimmt, ist alles anders. Dann ist ihr Gesicht voller Leben, dann leuchten ihre Augen, dann strahlt sie so viel Freude aus. Und auch Stolz. Stolz auf diese süße Tochter und Stolz darauf, dass Marie (*) – anders als ihre ersten beiden Kinder (12 und 7) – bei ihr leben darf.

Zu verdanken hat sie dies nicht nur ihrer eigenen Willensstärke, sondern auch der Initiative „Start mit Stolpern“ am Klinikum Dortmund. Das in dieser Form bundesweit einzigartige Projekt unterstützt „hoch risikobelastete“ Mütter und Familien, die ein gemeinsames Leben mit dem Kind führen wollen. Dazu zählen Frauen mit Drogengebrauch und Alkoholabhängigkeit, mit psychischen und sozialen Belastungen oder mit Behinderungen. Oder auch Prostituierte aus Bulgarien und Rumänien.

Kinderschutz und Kindergesundheit im MIttelpunkt

„Der Kinderschutz und die Kindergesundheit sind dabei unser oberster Grundsatz“, sagt Sozialarbeiterin Petra Ruth Ape. Die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin hat das Projekt vor zehn Jahren initiiert. Ihr Ziel und das ihrer Kolleginnen Sandra Borgers und Anja Krauskopf ist es, dass die Kinder unter geschützten, förderlichen und liebevollen Bedingungen aufwachsen können. Doch für die Mütter, um die sich das Präventionskonzept kümmert, gibt es viele Stolpersteine auf dem Weg zum gemeinsamen Leben. Das kann bei einer fehlenden emotionalen Bindung beginnen und bis zu ganz konkreten Problemen wie Drogensucht oder Obdachlosigkeit reichen – und letztendlich dazu führen, dass das Kind vom Jugendamt in eine Pflegefamilie vermittelt wird.

Genau das ist es, was die Arbeit von „Start mit Stolpern“ immer wieder erschwert: Das Misstrauen gegenüber den Mitarbeiterinnen und die Angst der Mütter, dass ihnen das Kind weggenommen wird. Auch bei Andrea Weber war das nicht anders, blickt Ape zurück. „Ich war in ihren Augen die Böse.“ Schließlich hatte die Frau vor sieben Jahren zuletzt erlebt, dass ihr Baby offiziell in Obhut des Jugendamtes in eine Pflegefamilie gegeben wurde. Nur die Großeltern hielten Kontakt zum Kind.

Im Gegensatz zu Andrea. „Damals war sie auf einem anderen Schiff, und das segelte nicht auf diesem Ozean“, blickt Ape zurück. Doch als die Frau im letzten Jahr noch während ihrer Schwangerschaft erneut bei „Start mit Stolpern“ erschien, war alles anders. Plötzlich entwickelte sie Eigeninitiative, war kooperativ, ging gewissenhaft zur Drogen-Substitution, befolgte Termine bei Ärzten und Ämtern, entwickelte Vertrauen und nahm all die Hilfe an, die ihr das dichte Netzwerk aus Klinik, Kinderzentrum, Jugendamt und sozialpädagogischer Familienhilfe boten. Woher diese Veränderung kam? „Ich habe schon so viel falsch gemacht in meinem Leben, mit meinen beiden ersten Kindern“, sagt Andrea Weber. „Ich habe mir gesagt: Ich kann nicht noch mal so viel Mist bauen.“ Anders formuliert: „Irgendwann weiß man“, so Petra Ruth Ape, „dass man nicht mehr so viele Chancen bekommt im Leben.“

„Es steckt so viel Elend in unserer Arbeit“

Und doch gibt es Frauen, die nicht so konsequent und stark sind wie Andrea Weber - oder die einfach nicht die Möglichkeit haben, ihr Leben so zu gestalten, dass ein Kind in ihrer Welt in eine positive Zukunft schauen könnte. „Es steckt so viel Elend in unserer Arbeit“, sagt Sandra Borgers nachdenklich. Erst an diesem Tag sei wieder eine Mutter bei ihr gewesen, die sich dazu entschlossen habe, ihr Neugeborenes zur Adoption freizugeben. „Aus wirtschaftlichen Gründen.“ Andere Frauen seien suchtabhängig und wüssten, dass sie die Versorgung ihres Kindes einfach nicht schaffen können. Und auch, wenn bei ihnen allen das schlechte Gewissen vorherrsche, weiß Petra Ruth Ape doch, was dieses Abgeben für sie bedeutet: „Es ist ein schmerzhafter Akt, aber ein Liebesakt. Er erfordert ein hohes Maß an Mutterliebe. Aber die Frauen schaffen es zunächst nicht, zu erkennen, dass sie es aus Liebe und Verantwortung für ihr Kind tun.“

Und dann gibt es noch jene Frauen, denen es nicht gelingt, eine enge Bindung zu ihren Kindern aufzubauen, oder die es nicht ertragen, sie leiden zu sehen. Weil diese schon im Mutterleib süchtig geworden sind und nun, nach der Geburt, als Früh- oder Neugeborene einen Drogenentzug über sich ergehen lassen müssen. Manchmal nur drei Wochen lang, manchmal bis zu drei Monaten. „Es gibt Frauen, die laufen weg, wenn sie vor dem Inkubator standen, in denen ihr Kind schrie und zitterte, und kamen nie wieder“, sagt Borgers.

Neuer Lebensmut

Andrea Weber hat all diese schweren Momente durchgestanden. Hat ihre Schuldgefühle bekämpft und neuen Lebensmut. Was sie sich wünschen würde, wenn sie sich etwas aussuchen könnte? „Als erstes, dass ich jetzt meinen Umzug in eine größere Wohnung gut schaffe und wieder mehr Kontakt zu meinen zwei anderen Kindern bekomme“, sagt sie. Und außerdem: Dass die kleine Marie gesund bleibt und sie selbst niemals so krank wird, dass sie ihre Tochter nicht mehr versorgen könnte.

Deshalb mag sie nach diesem Jahr auch nicht von einem „Happy End“ sprechen: „Es ist ein Kampf“, sagt sie. „Und es wird immer einer sein.“

Heute weiß sie jedoch, wo sie Hilfe bekommt, wenn sie mal wieder ins Stolpern gerät.

(*Namen geändert)