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WR-Bürgerpreis

Begleiterin auf dem schwierigsten Weg

14.04.2012 | 06:00 Uhr
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Dortmund.   Der WR-Bürgerpreis in der Kategorie „Junge setzen sich ein“ geht an Miriam Borrmann und Daniel Link aus Wetter, die einem Mann das Leben retteten, und an die Kamenerin Birte Braun, die sich um ein todkrankes Kind kümmert.

Viele verstehen nicht, wie Birte Braun das aushält. Ein todkrankes Kind zu betreuen, mit ihm zu spielen und es zu begleiten, bis der Tag kommt, an dem es stirbt – damit kommen nur die wenigsten Menschen klar. Birte Braun schon. „Ich weiß auch nicht“, sagt sie und lächelt verlegen. „Irgendwie hatte ich nie ein Problem damit“.

Birte ist 21 Jahre alt und kommt aus Kamen. Mit gerade mal 18 Jahren, mitten im Abistress, entschied sie sich, ehrenamtliche Helferin im Kindershospiz zu werden. Zuvor hatte sie schon drei, vier Jahre in den Martin-Luther-King-Werkstätten für behinderte Menschen gearbeitet. Die Arbeit mit den Menschen dort gefiel ihr so gut, dass sie kurz vor dem Abitur beschloss, sich im Kinderhospiz zu bewerben. Zweieinhalb Monate und 80 Stunden Kursmarathon später traf sie dann zum ersten Mal Amira.

Die Eltern für ein paar Stunden entlasten

Amira, 13 Jahre alt, kann weder laufen noch sprechen, denn sie wurde mit dem Gendefekt Mosaik-Trisomie 9 geboren. Seit drei Jahren besucht und betreut Birte das behinderte Mädchen an Wochenenden und in den Ferien. Sie fährt Amira spazieren und liest ihr vor, „oft sitze ich auch einfach nur bei ihr“, sagt die 21-Jährige. Währenddessen haben die Eltern endlich mal ein wenig Zeit für sich, können wegfahren, dem Alltag für ein paar Stunden entfliehen.

Freitags kann Birte also nicht, das hat sich in ihrem Freundeskreis mittlerweile schon so eingespielt. Während die anderen sich schon auf’s Wochenende vorbereiten, ist Birte bei Amira. Aber selbst das ist kein Problem für die 21-Jährige, ihr Privatleben komme „auf keinen Fall zu kurz“, sagt sie. Und wenn man sie fragt, ob sie die Entscheidung, im Kinderhospiz anzufangen, nicht doch manchmal bereue, antwortet sie, ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu zögern. „Nein, auf gar keinen Fall!“, sagt sie dann ziemlich energisch.

Selbst in kritischen Situationen optimistisch

Wie viele Monate oder Jahre Amira noch hat, lässt sich kaum sagen. Dass jener Tag aber irgendwann kommen wird, ist Birte bewusst. Auch, dass dieser Tag nicht einfach werden wird. Aber sie versuche einfach, nicht so oft daran zu denken. Einmal stand es schon ziemlich kritisch um Amira, seinerzeit wurde das Mädchen ins Krankenhaus eingeliefert, weil ein akuter Hustenanfall ihr schwer zu schaffen machte. „Da habe ich mir natürlich schon Gedanken gemacht“, sagt Birte, doch selbst in solchen Situationen versuche sie, stark zu bleiben und vor allem optimistisch.

Neuerdings veranstalten Birte und ihre Kollegen aus dem Hospiz auch regelmäßig Nachmittage, an denen ausnahmsweise mal nicht die kranken Kinder im Mittelpunkt stehen, sondern deren Geschwister. Denn gerade für die jungen Geschwisterkinder können die Situationen und Krankheitsgeschichten unheimlich belastend sein. „Bei den Geschwisterrunden kümmern wir uns deshalb nur um die Schwestern und Brüder“, sagt Birte, „dann unternehmen wir etwas zusammen, gehen zum Beispiel klettern – aber wir unterhalten uns auch sehr intensiv.“

Zuhören, trösten, stark bleiben

Während einer dieser Geschwisterrunden, erzählt Birte, habe eines der Kinder einmal plötzlich angefangen zu weinen. Denn kurz zuvor hatte dessen Bruder, der ebenfalls vom Kinderhospiz betreut worden war, den Kampf gegen die schwere Krankheit verloren. Auch so etwas kommt vor bei dieser Arbeit. Es sind belastende, traurige Situationen, mit denen Birte Braun dann konfrontiert wird. Doch sie kommt damit klar – dank ihrer Geduld, ihrer Empathie, ihrer Bescheidenheit und ihrer bemerkenswerten Kraft.

Derzeit studiert Birte Rehabilitationspädagogik in Dortmund. Ob sie später auch beruflich mal in den Hospizdienst gehen will, weiß sie noch nicht genau. Hauptsache, sie könne mit Menschen arbeiten, sagt sie.

Natürlich sei es eine große Ehre für sie, dass sie für ihr Engagement nun sogar eine Auszeichnung bekommt. „Es ist wirklich etwas sehr Schönes, wenn man neben diesen mutigen Lebensrettern auf der Bühne stehen darf, um einen Preis entgegenzunehmen“, sagt Birte. Aber ein wenig unangenehm sei es schon, dass sie jetzt so im Mittelpunkt stehe. „Ich hänge meine Arbeit eben nicht so gerne an die große Glocke.“

Die Laudatio im Dortmunder U

Es klang wie ein Bekenntnis, das wirklich aus dem Grunde ihres Herzens kam: „Ich habe mich darauf gefreut, Sie kennenzulernen“, sagte NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, als sie Birte Braun aus Kamen gegenüberstand – eine der Preisträger in der Kategorie „Junge setzen sich ein“. Denn das ehrenamtliche Engagement der 21-Jährigen reicht schon einige Zeit zurück: Bereits mit 15 hatte sie das Schulpraktikum dazu genutzt, in einer Behindertenwerkstatt zu arbeiten. Später absolvierte sie eine 80-stündige Fortbildung, um als Helferin im ambulanten Kinderhospizdienst tätig zu werden. Und seit drei Jahren nun betreut sie die  13-jährige Amira aus Unna, die mit einem Gen-Defekt geboren wurde. „Kurz: Sie schenkt ihr Lebensfreude“, fasste Kraft zusammen, und mit ihrem „großartigen Einsatz“ entlaste sie zusätzlich noch Amiras Eltern. „Mich  beeindruckt“, gab die Ministerpräsidentin zu, „dass sie immer wieder neue Kraft findet für weitere Taten. Dass sie nicht vor der Verantwortung und Belastung zurückschreckt.“

WR-Bürgerpreis 2012

Was Ihre Freunde eigentlich dazu sagen, dass sie sich so nah mit dem Thema Tod beschäftige, wollte Hannelore Kraft nach der Preisverleihung von der jungen Studentin wissen. „Die meisten sagen, sie könnten das nicht“, gab Birte Braun zu. „Aber sie finden es toll, dass ich das kann.“

Die anderen Preisträger

Peter Führing

Bettina Landgrafe

Miriam Borrmann und Daniel Link

Kathrin Lange und Hans Stumm

Mats Schönauer

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Begleiterin auf dem schwierigsten Weg
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2012-04-14 06:00
Westfalen