Bade-Idylle ohne Chlor und Krach in Bergkamen
10.08.2012 | 16:39 Uhr 2012-08-10T16:39:00+0200
Bergkamen. Wer entspannen will und eintauchen möchte in eine ganz besondere (Bad-)Atmosphäre, muss nach Bergkamen fahren. Genauer gesagt: Nach Heil ins Naturfreibad.
Es ist ein unscheinbares Schild, das den Weg ins kleine Paradies zeigt. Und es sieht aus wie selbstgemalt: blauer Untergrund, ein Pfeil nach oben, drei weiße Wellen. Zweimal sieht man es, während man die schmale Straße geradeaus fährt. Ansonsten: viel Gegend. Felder, Wiesen, einmal eine Reihe mit Mandelbäumen. Und genau dann, wenn links die Kühe hinter der Hecke auftauchen, ist man da.
Eine Geschichte aus Bergkamen-Heil? Die kann nur hier spielen, genau am Ende dieser Straße, irgendwie auch am Ende des üblichen Lebens mit Hektik und Stress, Lärm und Alltag. Denn wer sagt: „Komm, wir fahren nach Heil“, der meint genau dies: das Naturfreibad Heil. Ein Fleckchen heile Welt, ungefähr in der Mitte zwischen Lünen und Werne im Kreis Unna.
Fische, Frösche, Flusskrebse
Wer durch den Hof geht und den kleinen Tisch mit der Kasse passiert hat, der bleibt vermutlich erstmal stehen und schaut sich schweigend um: weil er es gar nicht glauben mag, welche Idylle sich hier auf einmal auftut. Eine langgezogene, ovale Wasserfläche glitzert in der Sonne, auf der grünen Insel gegenüber spenden riesige Trauerweiden Schatten, Schilfpflanzen säumen das Ufer, und wenn man den Hals ein bisschen nach links reckt, sieht man im abgetrennten Bereich der Wasserfläche Seerosen. Ob es hier wohl auf Fische im Wasser gibt? „Klar“, sagt Tina Knäpper. „Rotfedern und Rotaugen. Und natürlich auch Frösche und Flusskrebse und Wasserhühner. Ab und zu sind sogar zwei Schwäne hier.“
Das Naturfreibad wird vom SV Heil seit 1910 genutzt.
Es finanziert sich ausschließlich über die Beiträge der 117 Mitglieder, Eintrittsgelder (1 € für Kinder, 3 € für Erwachsene) und Spenden. Geöffnet ist es täglich von 10 bis 19 Uhr. Bei schlechtem Wetter besser nachfragen unter Tel. 02389 / 1335.
Als EU-Badegewässer ist es mit der Bestnote ausgezeichnet worden. In dieser Woche hatte das Wasser eine Temperatur von 22 Grad und eine Sichttiefe von 1,60 Metern. Auch der Einsatz von Kanne Brottrunk, so der Vereinsvorsitzende, habe die Wasserqualität verbessert.
Die 28-Jährige kennt diesen Ort, seitdem sie denken kann. „Als Kind habe ich immer gesagt, ich habe ein eigenes Schwimmbad“, blickt sie lachend zurück. Sie kann sich an Zeiten erinnern, als hier mal kein Wasser war, als der Boden mit Kies aufgefüllt wurde, und noch mehrere Sprungtürme standen, weil man noch keine Angst haben musste, dass das Wasser nicht tief genug ist. Schon ihr Opa war Vorsitzender im Schwimmverein Heil, seit 20 Jahren ist es nun schon ihr Vater – und ohne die Knäppers geht hier gar nichts. Mutter Brigitte sitzt jeden Tag an der Kasse, Vater Friedrich-Karl Knäpper regelt alles Organisatorische, mäht mit den anderen Männern des Vereins den Rasen, erledigt Handwerksarbeiten und ist Schwimmaufsicht. Und wenn die beiden mal im Urlaub sind, so wie jetzt, nimmt Tina bei der Kreisverwaltung Urlaub, um sie zu vertreten.
Dann sitzt sie an der Kasse oder macht die Schwimmaufsicht, an der Seite von Erika Oehmig (50). Und auch „Eka“, wie sie hier von allen genannt wird, gehört seit Ewigkeiten hierher. Vielleicht, weil sie schon seit Kind mit ihren Eltern jeden Ferientag hier verbracht hat, und weil sie diese besondere Beziehung zu diesem besonderen Bad nie losgelassen hat. Zwischen Mai und Oktober ist sie täglich von 10 bis 19 Uhr hier, um den Kindern schwimmen beizubringen, um auch mal mit ihnen auf den Reifen und der Rutsche zu toben und vor allem, um als Rettungsschwimmerin für die notwendige Aufsicht zu sorgen. „Ehrenamtlich, ist doch klar“, sagt sie. „So wie alle hier. Sonst könnte der Betrieb doch nicht aufrecht erhalten werden.“
Der schönste Garten
Und weil in diesem Sommer kein personeller Ersatz da war, hat sie kurzerhand auf ihren eigenen Mallorca-Urlaub verzichtet. „Ist doch selbst wie Urlaub hier sagt“, sagt sie. „Einen schöneren Garten kannst du nicht haben.“
All die Stunden, die sie hier arbeitet, die sie aufpasst, organisiert, sauber macht und aufräumt, bedeuten kein Opfer für sie. Und das nicht nur, weil sie die Schönheit dieses Ortes und die familiäre Atmosphäre genießt.
„Ich war schon als Kind hier schwimmen, da haben die Alten das alles für uns gemacht“, sagt sie. „Heute bin ich hier und mache das für die anderen, für die Kinder und Jugendlichen.“ Und auch für die Senioren, die seit Jahrzehnten hierher kommen, und für die Familien, die die Tradition „wir fahren nach Heil“ über Generationen weitergeben.
Wie Tanja Brehorst (41) aus Werne: „Hier ist es wie im Urlaub, hier hat sich nichts verändert, seit ich hier mit meinen Eltern war und meine Ferien hier verbracht habe“, sagt sie. Später dann hat sie ihre eigenen fünf Kinder mitgenommen und die Freude an diesem Bad und alles, was damit zusammenhängt, an sie weitergegeben.
Auch an den elfjährigen Julien. Was ihm hier besonders gut gefällt? „Die lieben Bademeisterinnen“, strahlt er. Und dann gibt er zu, dass er als Sechsjähriger auch schon mal sein Taschengeld gespart habe, um Eka ein paar Rosen zu schenken. „Wenn ich groß bin“, ist er jedenfalls überzeugt, „werde ich Bademeister.“ Und eins ist für ihn dabei auch schon klar: „Aber nur hier.“
0mitdiskutieren