"Back UP" bietet Betroffenen Erste Hilfe nach rechter Gewalt

Eine Demonstration gegen Neonazis in der Dortmunder Nordstadt.
Eine Demonstration gegen Neonazis in der Dortmunder Nordstadt.
Foto: Jakob Studnar
Was wir bereits wissen
Opfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt leiden nach Übergriffen häufig an Ängsten, Panik und dem Gefühl der Hilflosigkeit. Der Verein "Back UP" bietet Betroffenen in Dortmund Hilfen an.

Dortmund.. Es ist Freitagabend – endlich Wochenende. Miriam ist, wie so viele heute, mit ihren Freundinnen in einer Disco verabredet. Als sie allein die Tanzfläche verlässt, stellen sich ihr zwei Personen in den Weg. Ohne ersichtlichen Grund gehen sie auf Miriam los, versetzen ihr kräftige Schläge und Tritte – keiner der anderen Discobesucher eilt ihr zur Hilfe. Erst nachdem die Angreifer verschwunden sind, kommt das Sicherheitspersonal ihr zu Hilfe. Und da ist noch etwas: Miriam ist schwarz.

52 Opfer allein 2014 betreut

Das ist nur eins von drei Beispielen, das der neue Erklärfilm des Beratungsprojekts „BackUp“. Handgezeichnet und in schwarz-weiß entstehen auf der Leinwand kleine Comics, die Schicksale schildern und zeigen, wie Betroffenen bei „BackUp“ geholfen werden kann. Neben der deutschen Fassung gibt es außerdem eine englische, eine türkische und Untertitel in mehreren Sprachen – „Da gerade Menschen mit Migrationshintergrund häufig Opfer politisch motivierter Verbrechen werden“, sagt der Vorsitzende Hartmut Ander-Hoepgen.

Rechte Gewalt Mehr als 200 Opfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt wurden seit der Gründung im Jahr 2011 begleitet, im vergangenen Jahr kamen 52 neue hinzu. „Die nackte Zahl sagt jedoch nichts darüber aus, wie viel Arbeit dahinter steckt“, so Ander-Hoepgen. Häufig seien nicht nur einzelne Personen betroffen, sondern auch deren Familie, Freunde und eventuelle Zeugen des Vorfalls. Die meisten von ihnen wenden sich direkt an die Beratungsstelle, die Mitarbeiter sind in ganz Westfalen unterwegs. Sie gehen auf Opfer zu, bieten Hilfe an und beraten bei rechtlichen, finanziellen sowie psychischen Fragen. Außerdem begleiten sie Hilfesuchende zu Arzt-, Polizei- und Gerichtsterminen – kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym.

WDR sagt öffentliche Diskussion ab

Ausgerechnet in Dortmund, wo sich die Neonaziszene über die vergangenen Jahre hinweg zur wohl größten und aktivsten im Westen Deutschlands entwickelt hat, hat der Trägerverein “BackUp – ComeBack“ seinen Sitz. In den letzten Wochen und Tagen hatte sich die Situation in der Stadt noch einmal zugespitzt: Es gab Auseinandersetzungen mit der Polizei, am Montag eine Demonstration von Rechtsradikalen in der Innenstadt und die Neonazis agierten gegen ein Protestcamp syrischer Flüchtlinge. Der WDR verlegte gestern deswegen seine öffentliche Podiumsdiskussion zum Thema „Was stoppt rechte Hetze“ kurzfristig in ein Studio – aus Angst vor möglichen Protesten.

Außerdem gab es in der Nacht zu Dienstag einen Angriff auf das Büro der Piratenpartei. „Wir ermitteln mit Hochdruck in alle Richtungen. Der Staatsschutz ist informiert“, so ein Sprecher der Polizei. Er bestätigte auch den Verdacht auf eine politisch motivierte Tat.

Auch die Partei „Die Rechte“ tritt vor allem in Dortmund immer wieder erschreckend organisiert und aggressiv auf und ist nach der Kommunalwahl 2014 auch in einigen Kommunalparlamenten vertreten. „Dort versuchen sie durch Provokationen die Arbeit der kommunalen Gremien zu stören. Dabei überschreiten sie oftmals die Grenze des Erträglichen. Deshalb sammeln die Sicherheitsbehörden auch weiter alle Belege für ein Verbot der sogenannten Partei ‘Die Rechte’“, teilt ein Sprecher des NRW-Innenministeriums mit. Anfang Juni hat Innenminister Jäger ein neues Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Es solle klären, welcher Weg zu einem Verbotsverfahren vielversprechend ist.

Angreifer vor Gericht

Aber noch einmal zurück zu Miriam: Lange Zeit nach dem Übergriff blieb sie am Wochenende lieber allein zuhause, anstatt mit ihren Freundinnen um die Häuser zu ziehen. Sie fühlte sich unwohl, litt unter ihrem Erlebnis in der Disco. Bei den Beratern von „BackUp“ erhielt sie therapeutische Hilfe, um mit ihrer Traumatisierung fertig zu werden. Die Polizei konnte die Angreifer identifizieren und vor Gericht bringen. Für die Dauer der Verhandlung bekam Miriam rechtliche Unterstützung zur Seite gestellt. (cm)