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Am Ende der Flucht beginnt das Warten

07.09.2012 | 19:01 Uhr
Am Ende der Flucht beginnt das Warten
Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in DortmundFoto: Ralf Rottmann

Dortmund.   Die Dortmunder Erstaufnahmestation für Asylbewerber ist hoffnungslos überfüllt – wie auch alle anderen in NRW. Lösungen gibt es (noch) nicht, aber eine Erkenntnis: Für Menschlichkeit bleibt keine Zeit

Das Büro ist klein, die Hoffnung groß. Drei Stühle vor, zwei hinter den beiden Schreibtischen. Hier endet die wochenlange Flucht der einen und beginnt der Zeitdruck der anderen. Beziehung aufbauen in sieben, Vertrauen fassen in 14 Minuten. Fließbandarbeit. Deshalb schlagen sie jetzt Alarm, in der Dortmunder Erstaufnahmestation für Asylbewerber. Sie sagen so bedenkenswerte Sätze wie: „Wir werden den Bedürfnissen der Menschen nicht mehr gerecht.“ Oder: „Wenn es so voll ist wie jetzt, sind menschliche Lösungen schwierig.“

Der vorläufige Höhepunkt ereignete sich am Montag vergangener Woche. Das Tor am Eingang blieb drei Stunden lang dicht. Alles voll. 300 Betten belegt. Wegen Überfüllung geschlossen. Ventile gibt es nicht, Nordrhein-Westfalens Kapazitäten sind allesamt erschöpft.

Neun Tage später sind die Tore wieder offen. Die Lage aber ist noch immer hochexplosiv, die Zimmer randvoll. Entspannt ist nur, wer der Devise folgt: voll, voller, am vollsten. Etwa einhundert Syrer, Iraker, Iraner, Serben, Afrikaner kommen täglich nach Dortmund. Anfang des Jahres war es noch die Hälfte.

Krisenstab in Dortmund

Als an diesem Mittwoch irgendwo in Dortmund ein Krisenstab der Stadt nach Lösungen für dieses heikle Problem sucht, sucht Ilda Kolenda ein 17-jähriges Mädchen aus Guinea. Sie sollte in ihrer Heimat zwangsverheiratet werden und flüchtete. So berichtet es etwa jede Zehnte, die bei Kolenda vorspricht. Andere wurden übelst misshandelt, anderen drohte die Beschneidung, wieder andere fliehen vor dem Bombenhagel. Keiner, so will es die Diakonie wissen, kommt wegen des Geldes hierher. „Um hier bleiben zu dürfen, muss sie das bei der Anhörung glaubwürdig vortragen“, sagt die Diakonie-Mitarbeiterin. Und darauf will sie das Mädchen nun vorbereiten. Doch sie ist wie vom Erdboden verschluckt.

Ursula Burmann (l.) und Ilda KolendaFoto: Ralf Rottmann

Wie schwierig es ist, unter Zeitdruck das Vertrauen zu gewinnen, wissen sie hier ganz genau. „Der Schlepper ist ihr Retter, ihre Vertrauensperson. Die trichtern den Flüchtlingen ein: Sagt bloß nicht, wie ihr hierher gekommen seid! Und daran halten sie sich auch zunächst“, berichtet Ursula Burmann. Sie teilt sich mit Ilda Kolenda dieses kleine Büro, in dem unzählige Postkarten an den Wänden hängen. Auf einer steht: „Zweifel an allem. Mindestens einmal.“ Nur etwa jeder Vierte, der in Dortmund um Asyl bittet, darf bleiben.

Den Job, den Kolenda und Burmann in Dortmund-Hacheney ausüben, ist nicht üblich in deutschen Asyl-Aufnahmestationen. NRW ist da Vorreiter. Flüchtlingen, die ungläubig dreinschauen, gerührt sind, sich mehrfach bedanken, weil ihnen doch tatsächlich jemand helfen will, begegnen die Zwei deshalb häufig. Doch diese Hilfe stößt an Grenzen: Sie fühlten sich inzwischen wie Ärzte in Krisengebieten, die sortieren müssen nach Menschen, die nicht mehr zu retten sind und denen, die bei schneller Hilfe noch eine Hoffnung haben. In Dortmund entscheiden sie sich für die aussichtslosen Fälle. „Die Hilflosigkeit steht ständig hinter uns“, sagt Burmann.

Fünfte Aufnahmestation soll her

Während sie so erzählen, schaut Ilda Kolenda aus dem Bürofenster und springt plötzlich auf und rennt ins Freie. Dort spricht sie eine alte, demente Frau und ihren über 50 Jahre alten Sohn an, zwei Syrer, beide orientierungslos. Ob sie Hilfe benötigen? Ja! Er sei in Gladbeck wohnhaft, sie wolle zu ihm ziehen. Ende des Gesprächs: Hätte Kolenda nicht eingegriffen, wäre die Frau in eine Einrichtung mit mehr als 500 Leuten gekommen. „Dort wäre die arme Frau untergegangen!“, sagt Kolenda, die der Frau einen Antrag auf Abschiebehindernis stellte. Sie wird nun vorerst zu ihrem Sohn ziehen dürfen. „Das hätte der Sachbearbeiter sehen müssen“, sagt sie. Die Fehler häufen sich in diesen Tagen.

Die Diakonie, die Stadt Dortmund, der Betreiber – sie alle fordern vom Innenministerium schnelle Lösungen. Eine fünfte Aufnahmestation soll her, am besten noch heute. Bielefeld, Dortmund, Hemer, Schöppingen – das reicht angesichts der aktuellen Zahl der Asylanträge nicht mehr aus. Allein in NRW habe es laut Innenministerium einen „exorbitanten Anstieg“ gegeben: von 790 im Juli 2011 auf 1184 im Vormonat. „Seit April 2011 weisen wir auf den Engpass hin. Doch das Resultat war nur Schulterzucken“, berichtet Axel Rolfsmeier vom Diakonischen Werk. Die Referentin für Flüchtlingsarbeit bei der Diakonie, Karin Asboe, fügt hinzu: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass mehr Flüchtlinge kommen.“

Längst hat sich eine Bürgerinitiative in Dortmund-Hacheney gegründet. Selbst Rolfsmeier spricht von „sozialem Sprengstoff für den Stadtteil“, dem versprochen wurde, dass das Verkehrsaufkommen nicht über die 300 Plätze hinausgehen würde. Fünfzehn Meter vom Eingangstor entfernt lebt die Familie Sponholz. Auch sie findet den Ansturm der letzten Monate belastend, findet es schrecklich, dass so eine Einrichtung in ein Wohngebiet gesetzt wurde. Und trotzdem haben sie einen Tisch im Vorgarten aufgebaut, darauf liegen Berge von Kleidung. Sie verschenken sie an die meist mittellosen Asylbewerber. „Die armen Menschen“, sagt Elisabeth Sponholz, „können ja nichts dafür.“

Von Dennis Betzholz



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