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Alleinerziehende muss um Mütter-Kur kämpfen

31.10.2012 | 18:00 Uhr
Alleinerziehende muss um Mütter-Kur kämpfen
Das Gefühl, dass alles über einem zusammenbricht, kennen viele berufstätige und alleinerziehende Mütter. Eine Kur kann helfen, den „Akku“ wieder aufzuladen. Doch manchmal wird es den betroffenen Frauen schwer gemacht, mit einem Antrag erfolgreich zu sein.Foto: Matthias Graben

Hemer.   Bundesweit sind im ersten Halbjahr des laufenden Jahres 19 Prozent der Anträge auf Mutter-und-Kind-Kuren abgelehnt worden. Betroffene wie Anna Winter (42), Alleinerziehende mit Job, sind sauer und enttäuscht.

Irgendwann wusste sie, dass es so nicht mehr weitergeht. Als sie – nach einer erneuten schlaflosen Nacht mit Schweißausbrüchen – überlegen musste, welcher Wochentag überhaupt sei und ob sie zur Arbeit gehen müsse oder frei habe. Nur noch ein I-Tüpfelchen dessen, was sich in den Wochen vorher entwickelt hatte: „Ich hatte überhaupt keine Lebensfreude mehr, fühlte mich einfach nur leer und schlecht, war traurig und dünnhäutig, reizbar und aggressiv, habe schnell geweint – die ganze Palette eben. Ich konnte einfach nicht mehr. Der Akku war leer“, sagt Anna Winter (*). Körperlich wie seelisch: Weil die 42-jährige aus Hemer jahrelang die Doppelbelastung als alleinerziehende Mutter und berufstätige Frau stemmt – und weil sie persönliche Enttäuschungen, Stress bei der Arbeit in einer Werbeagentur und ihr Verantwortungsbewusstsein als Mutter irgendwann einfach nicht mehr meistern konnte, ohne selbst Schaden zu nehmen.

„Vegetative Erschöpfungszustände“, bescheinigte ihr der Hausarzt, schrieb sie für einige Wochen krank und empfahl ihr dringend, eine Mütter-Kur zu beantragen. Wie sehr eine derartige Aus-Zeit helfen kann, wusste die studierte Germanistin schon aus eigener Erfahrung: Nach einer Fehlgeburt hatte ihr eine solche Kur vor zehn Jahren geholfen, wieder neue Kraft zu tanken. Doch bei diesem Mal war alles anders: Da wurde ihr Antrag abgelehnt, „weil die persönlichen Voraussetzungen nicht erfüllt“ seien. Sie selbst vermutet einen anderen Grund als Ursache: Im besten Fall Unwissenheit einer Angestellten. Im schlimmsten Fall Methode einer Krankenkasse.

„Anderen Frauen soll das erspart bleiben“

Anna Winter ist nach außen eine starke Frau. Eine, die extrovertiert ist und Lebensfreude und Optimismus ausstrahlt, die immer sagt, was sie denkt und Unehrlichkeit und Ungerechtigkeit nicht ertragen kann. Deshalb hat sie sich auch an unsere Zeitung gewandt. „Ich möchte, dass andere davon erfahren, wie sich manche Krankenkassen verhalten“, sagt sie. „Damit anderen Frauen so etwas wie mir erspart bleibt.“

Dabei hatte sie – bis zum jüngsten Vorfall – eigentlich immer vollstes Vertrauen zu ihrer Krankenkasse. Fühlte sich gut aufgehoben und beraten. Auch, als sie dort anrief und berichtete, dass ihr Arzt ihr zu einer Mütter-Kur geraten habe. „Die Mitarbeiterin dort war sehr verständnisvoll und nett“, erinnert sie sich. Und sie empfahl ihr, sich direkt mit der Deutschen Rentenversicherung in Verbindung zu setzen, da diese doch schließlich für Berufstätige zuständig sei. Und weil die Krankenkassen-Angestellte so hilfsbereit war, schickte sie ihr auch gleich die entsprechenden Anträge zu.

Kommentar
Verwerflich und kurzsichtig

Wer eine Mütter-Kur beantragt, hat sie im Normalfall auch nötig. Deshalb ist es nicht nur verwerflich, wenn die Krankenkassen hilfesuchende Frauen abwimmeln, sondern auch kurzsichtig. Ein Kommentar.

Anna Winter war begeistert. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie vier Wochen später Antwort von der Deutschen Rentenversicherung bekam. „Ihrem Antrag auf Leistungen zur medizinischen Rehabilität können wir nicht entsprechen“, hieß es. Anna Winter war sauer und enttäuscht. Und fühlte sich persönlich derart zurückgewiesen, dass sie darauf verzichtete, Widerspruch einlegen. „Ich dachte, ich sei offenbar noch nicht krank genug, um solch eine Kur bekommen zu dürfen.“ Nur einmal wagte sie noch einen Anlauf und fragte bei ihrer Krankenkasse nach, ob es vielleicht sinnvoll sei, bei ihr einen neuen Antrag zu stellen. „Zwecklos – weil nicht zuständig“, hieß es dort.

Unwissenheit oder Methode?

Wahrscheinlich hätte es Anna Winter für immer dabei belassen, wenn sie nicht fünf Monate nach der Ablehnung einen Artikel in der Zeitung gelesen hätte: „Kuren für erschöpfte Mütter“ lautete die Überschrift. Und dann erfuhr die 42-Jährige, dass etwa 2,1 Millionen Mütter kurbedürftig seien und wo sich Betroffene beraten lassen können. Anna Winter wandte sich schließlich an das Info-Telefon des Müttergenesungswerkes, schilderte ihren Fall, wurde nach ihrer Krankenkasse befragt und hörte – wie wenig später auch beim DRK in Iserlohn – als Kommentar: „Kenn ich, die Geschichte. Ihre Kasse ist dafür bekannt, dass sie an den Rentenversicherungsträger verweist.“ Der allerdings, so erfuhr Winter auch, sei überhaupt nicht zuständig. Deshalb sei auch klar gewesen, dass ihr Antrag abgelehnt wurde – und die Versicherung damit aus dem Schneider war. „Ich frage mich nur, ist da Methode hinter?“ sagt die Mutter. „Machen die das aus Unwissenheit – oder ist das die Marschrichtung, die von oben vorgegeben wird, um Kosten zu sparen?“

Genau mit diesen Fragen hat sie in dieser Woche den Geschäftsstellenleiter ihrer Krankenkasse konfrontiert. Er vermutete zunächst ein „Missverständnis“, berichtet sie, dann habe er eingeräumt, dass es „immer mal wieder“ Einrichtungen gebe, die von Methode sprechen. Aber dass es das beileibe nicht sei, sondern man sich um die Versorgung der Versicherten sehr bemühe.

„Man muss sich wehren“

„Ich bin nicht von allem überzeugt, was er gesagt hat“, zieht Anna Winter Bilanz. Und selbst, wenn ihre Kur – wie von ihm angekündigt – bei einem erneuten Anlauf sicher genehmigt werde, bleibt ein bitterer Nachgeschmack. „Es geht ja gar nicht primär um mich“, sagt die 42-Jährige. „Ich frage mich nur, was ist mit den anderen Frauen, denen es noch schlechter geht, die aber nicht solche Möglichkeiten haben wie ich? Was ist mit denen, die vielleicht weniger Mut haben oder weniger beharrlich sind? Die haben doch gar keine Chance, das zu bekommen, was ihnen zusteht!“ Deshalb appelliert sie an andere Mütter, sich direkt beim Müttergenesungswerk oder den Wohlfahrtsverbänden vor Ort zu informieren. „Es ist wichtig, dass man sich nicht abspeisen lässt“, betont sie. „Ich möchte zeigen, dass man sich wehren muss.“

(* Name geändert)

Katja Sponholz



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