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Wenn der Laptop zur Trauerstätte wird

07.02.2012 | 14:27 Uhr
Wenn der Laptop zur Trauerstätte wird
Neben dem Friedhof nutzen viele verwaiste Eltern das Internet als Ort der Trauer.

Dortmund.   Profile in sozialen Netzwerken sind heutzutage immer häufiger Rückzugsorte für verwaiste Eltern. Bilder und Kommentare erinnern an den geliebten Menschen. Cornelia Lehmann verbringt täglich viele Stunden im Internet, auf der Seite, die sie ihrer verstorbenen Tochter Nina gewidmet hat.

Es war der 10. Februar 2008, als Nina Lehmann mit den Worten „Bis gleich“ ihr Elternhaus verließ. Sie wollte nur kurz weg, ihr Lieblingsessen stand schon im Ofen. Doch die 17-Jährige kam nie wieder nach Hause. Ein schwerer Verkehrsunfall. Nina hatte keine Chance. Sie starb noch an der Unfallstelle.

Für ihre Familie begann ein nicht mehr endender Alptraum, in dem für Mutter Cornelia Lehmann ausgerechnet das zum wichtigsten Rückzugsort wurde, womit sie vorher nichts anfangen konnte: Das Internet.

Nie wollte sie, dass ihre Tochter sich ein Profil bei einem sozialen Netzwerk anlegt. Immerhin warnten Datenschützer immer wieder davor, zu viele private Daten im Internet preiszugeben. Heute aber würde Cornelia Lehmann sich wünschen, ihre Tochter hätte ein Facebook oder Studivz Profil gehabt. Denn für sie hätte es vor allem eines bedeutet: Erinnerungen.

Sie sitzt auf dem Sofa, umklammert mit beiden Händen eine Cappuccino-Tasse mit der Aufschrift: „Ohne Mama ist alles doof“. Die Tasse ist ein Geschenk ihrer Tochter. Das letzte. „Sie ist eine wichtige Erinnerung für mich“, sagt Cornelia Lehmann. Die Erinnerung an ihre Tochter aufrecht erhalten, das ist der Mutter wichtig. Da sie auf kein bestehendes Profil ihrer Tochter im Netz zurückgreifen konnte, entschied sie sich, eine eigene Homepage für Nina zu gestalten, in Form einer Gedenkseite. Als einen Ort, an dem sie trauern, vom Tod ihrer geliebten Tochter erzählen und mit anderen Betroffenen in Kontakt kommen kann.

Uwe Krohn ist Trauerbegleiter und arbeitet für den Verein „Leben ohne Dich“. Er weiß, wie wichtig eine Gedenkseite für Eltern sein kann: „Es ist ein Ort, an den sie jeden Tag ,gehen’ können, egal, wo sie sind. Sie wissen, dass ihr Kind dann nicht vergessen wird“, sagt er. Sorge, dass der Rückzug in die Online-Welt für die Eltern nicht gut sein könnte, hat er nicht: „Ich sage den trauernden Menschen immer, dass sie das machen sollen, was ihnen gut tut.“

„Auch wenn wir Dich nicht sehen können, in unseren Herzen und unseren Gedanken lebst du“, steht auf der Startseite von Ninas Homepage. Darunter ein Foto des hübschen Mädchens. Das digitale Gästebuch zählt 12 399 Besucher. Darunter Einträge von Familie, Freunden und von Menschen, denen das gleiche Schicksal widerfahren ist.

„Es sollte ein kleines Dorf geben, für Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Wir verstehen uns, können miteinander reden und gemeinsam weinen“, sagt die Mutter. Das Internet sei für sie zu einem solchen Dorf geworden. „Ohne das Netz wäre man isoliert in seiner Trauer“, sagt sie.

Auch Uwe Krohn weiß, wie wichtig es ist, sich mit andern Eltern zu vernetzen: „Die Gesellschaft läuft weiter, Freunde gehen wieder zur Realität über, aber für betroffene Eltern bleibt die Welt in ihrer Trauer stehen.“

Ein Tag, an dem sie nicht ins Internet kann, ist für Cornelia Lehmann kaum auszuhalten. „Unsere Nina lebt da drin“, sagt sie und schaut zu einem der vielen Fotos ihrer Tochter, die auf dem Wohnzimmerschrank stehen.

Facebook-Gedenkseite erstellen

Das soziale Netzwerk Facebook bietet die Möglichkeit, ein bestehendes Profil in einen Gedenkstatus zu versetzen.

Dazu muss ein bestimmtes Formular im Internet ausgefüllt werden. Es heißt: „Melde das Profil einer verstorbenen Person“. Es lässt sich am einfachsten mit Hilfe einer Suchmaschine finden.

Damit das Profil in ein Gedenkprofil umgewandelt werden kann, benötigt Facebook einen Sterbenachweis des Profil-Inhabers.

Dafür ist in dem Formular eine Spalte angelegt, allerdings kann man dort keine Dokumente hochladen, sondern nur einen Link einsetzen. Das setzt voraus, dass beispielsweise eine Todesanzeige der verstorbenen Person auf einer Internetseite vorhanden ist.

Nach Absenden des Formulars wandelt Facebook das Profil nach einigen Tagen in den Gedenkzustand um.

Das Profil kann dann nur noch von Facebook-Freunden gefunden werden.

Jedes mal, wenn Astrid Burckhardt das Facebook-Profil ihres Sohnes öffnet, hat sie Fotos und Pinnwandeinträge vor sich. Erinnerungen, die ihr wichtig sind. Vor rund vier Monaten musste Astrid Burkhardt ihren Sohn Jacob beerdigen. Er wurde nur 23 Jahre alt. Er erlag den Folgen eines schweren Verkehrsunfalls. Anders als Cornelia Lehmanns Tochter Nina, war Jacob Mitglied bei Facebook. Für seine Mutter ist das Profil zu einem wichtigen Halt in ihrer Trauer geworden. So gut wie täglich besucht sie es.

„Wir wollten das Facebook-Profil von Jacob unbedingt erhalten und haben die Seite daher erst einmal so gelassen, wie sie war“, erklärt Astrid Burkhardt. Doch dann hätten andere Leute Freundschaftsvorschläge von Jacobs-Profil bekommen. „Das wollten wir nicht“, sagt sie und fügt hinzu: „Freunde von Jacob haben uns darauf aufmerksam gemacht“.

Seit 2009 bietet Facebook die Möglichkeit, bestehende Profile in Gedenkseiten umzuwandeln. Dann können nur noch Facebook-Freunde auf das Profil zugreifen, Freundschaftsvorschläge werden nicht mehr verschickt. Für Familie Burkhardt eine Möglichkeit, die Erinnerungen zu bewahren. „Das Profil einfach zu löschen, war für uns keine Option“, sagt die Mutter. Auch wenn durch Facebook einmal eine traurige Situation entstand: Ein Freund des Verstorbenen war längere Zeit in der Türkei. Bei seiner Rückkehr sah er eine Mitteilung auf Facebook, dass sich zum Geburtstag von Jacob alle an einer Straße treffen – der Unfallstelle. „Es war schrecklich, der Freund wusste nicht, dass Jacob gestorben war, er kam, um seinen Geburtstag zu feiern. Das tat uns sehr leid“, sagt sie mit zitternder Stimme.

Trotzdem ist Astrid Burkhardt froh, die Facebook-Seite weiterführen zu können. „Sie ist für mich wie ein Tagebuch, ich hinterlasse meinem Sohn jeden Tag persönliche Nachrichten.“

Uwe Krohn hat viele Eltern kennen gelernt, die im Internet einen Ort zum Trauern gefunden haben, egal ob Facebook-Profil, oder die persönliche Gedenkseite. „Ich kenne niemanden, der absolut dagegen ist, Trauer auf diese Art auszudrücken“, sagt der Trauerbegleiter.

Mareike Maack

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