Was läuft anders an dieser Schule?

Wuppertal..  Auf der Suche nach „Deutschlands bester Schule 2015“: Der Weg führt nicht in einen Nobelstadtteil einer deutschen Metropole. Vorbei an Arbeitersiedlungen und Billig-Discountern in Wuppertal-Barmen endet er vor einer Gesamtschule. Wer die kleine Brücke über die Wupper nimmt und entlang der berühmten Schwebebahn läuft, blickt zuerst auf eine futuristisch anmutende Glasdachschräge. Der Schritt durch die Schulpforte verrät endgültig: Hier wartet etwas Besonderes.

„Man spürt beim Betreten des Gebäudes, dass etwas anders ist“, beschreibt Arne Brassat sein Gefühl, als er 2003 seine Lehrerstelle hier antrat. Heute ist der 39-Jährige stellvertretender Schulleiter und arbeitet mit am Erfolgsrezept der Wuppertaler Schule, die in den vergangenen Jahren bereits mehrere Preise für Schulentwicklung, Gesundheitsförderung und Energiesparen eingeheimst hat.

Unter einem schrägen Solardach reckt sich eine lange Kette hoher Bäume gen Himmel. Hier rennen keine lärmenden Schüler über graue Flure; hier wird in einer lichtdurchfluteten Öko-Wandelhalle mit Springbrunnen gepflegt flaniert: hell- und dunkelhäutige Kinder in typischen Teenager-Klamotten oder mit Kopftuch. Eine bunte Mischung aus Jungen und Mädchen aus 33 Nationen.

„Hier höre ich keine schlimmen Wörter oder rassistischen Bemerkungen über die Hautfarbe“, sagt Njonbu Wessikouaba. „Hier gibt es auch keine Schlägereien. Und wir können zeigen, was in uns steckt.“ An der Grundschule habe sie schon schlechte Erfahrungen gemacht, berichtet die Elfjährige aus Kamerun.

Sie besucht die Klasse von René Chawla. Der 29-Jährige, der selbst indische Wurzeln hat, ist bei seiner ersten eigenen Klasse auch deshalb besonders beliebt, weil er ihnen neben Sport und Gesellschaftslehre auch Hip-Hop beibringt. Seine Schüler empfehlen ihn für eine neue Preiskategorie: „Deutschland sucht den Super-Lehrer.“

Ein Drittel der fast 1400 Schüler der Gesamtschule Barmen hat ausländische Wurzeln. Außerdem integriert die Schule 40 Kinder mit Förderbedarf. Und obwohl nur 17 Prozent der in die 5. Klasse aufgenommenen Schüler eine Gymnasialempfehlung hatten, schafften 60 Prozent den Sprung in die Oberstufe.

Was läuft also anders an dieser Schule? Ist es die kostenlose Nachhilfe? Oder die „Traumreise“ in der Pause? Oder hat es auch etwas mit der besonderen Atmosphäre des preisgekrönten Öko-Baus zu tun? Wenn Schüler und Lehrer ihre Schule in dem Wuppertaler Arbeiterstadtteil erklären, fällt am häufigsten ein Wort: Respekt.

Bettina Bergmann sagt es schnörkellos: „Diese Schule ist der Hammer.“ Seit den Osterferien arbeitet die 51-jährige Integrationsfachkraft hier. „Ich bin schon an mehreren Schulen gewesen, aber der Umgang der Erwachsenen mit den Schülern ist so viel respektvoller - das habe ich noch nirgendwo erlebt.“

Verantwortung übernehmen

Die Jugendlichen lernen, Verantwortung zu übernehmen. Ältere Schüler geben kostenlose Nachhilfe für jüngere, helfen ihnen als „Paten“ bei der Orientierung und bieten Arbeitsgruppen an. Bei den freiwilligen Angeboten mischen auch Eltern kräftig mit. Die Palette kann sich sehen lassen: Hip-Hop, Zirkus und Jonglage oder Robotics für Mädchen gehören dazu.

Auch im Unterricht läuft manches anders. „Wir haben den Schulalltag entschleunigt“, berichtet Brassat. Praktisch heißt das: 65 Minuten Unterricht am Stück statt Zeit und Konzentration mit ständigem Fächer- und Raumwechsel einzubüßen. Dadurch reduziert sich die Zahl der Fächer auf maximal fünf am Tag. Die große Pause ist 70 Minuten lang und bietet neben einer gesunden Mahlzeit ein riesiges Angebot mal abzuschalten. Wer sich lieber austoben oder mal für sich sein will, kann in die Sporthalle oder die Informatikräume gehen.

Eine Besonderheit leistet sich die Schule dienstags: In der letzten Schulstunde gibt es dann keinen Unterricht. Stattdessen treffen sich jeweils beide Klassenlehrer der Klassen 5 bis 10 mit ihren Schülern. Da werden Probleme besprochen oder Feste geplant. Probleme wie Drogen oder Mobbing gebe es hier aber wie überall. Verloren geht allerdings keiner: Seit Jahren hat kein Jugendlicher die Schule ohne Abschluss verlassen. Und im ganzen Schuljahr habe sie bloß drei Ordnungsmaßnahmen verhängen müssen, berichtet Brassat.