Warum im Ruhrgebiet das Wir-Gefühl so groß ist

Das Ruhrgebiet ist bunt und lebendig.
Das Ruhrgebiet ist bunt und lebendig.
Foto: Ilja Höpping
Was wir bereits wissen
"Voller Leben, ohne Schnickschnack". Leser haben uns ihre Liebeserklärungen an das Ruhrgebiet geschickt. Doch auch die Menschen untereinander scheinen sich sehr zu mögen. Warum das Wir-Gefühl im Pott so ausgeprägt ist, erklärt ein Ruhrgebietsforscher im Interview.

Ruhrgebiet.. Die Mehrheit der Bewohner liebt ihr Ruhrgebiet. Das hat eine Forsa-Studie ergeben, die von der Global Young Faculty (einem Netzwerk der Mercatorstiftung und der Universitätsallianz Ruhr) in Auftrag gegeben wurde. Über die Ergebnisse haben wir mit dem Ruhrgebietsforscher Dr. David Gehne gesprochen.

82 Prozent der Menschen leben gerne im Ruhrgebiet. Überrascht Sie diese Zahl?

Dr. David Gehne: Nein, denn schließlich befinden wir uns in einer attraktiven Metropolregion. Wir haben hier viele Kultur- und Freizeitangebote auf engem Raum. Auf ehemaligen Zechenbrachen sind Fahrradwege und Parkanlagen geschaffen worden. Man schätzt die Industriekultur. Und man sollte auch die Lebenshaltungskosten nicht vergessen, die hier vergleichsweise niedrig sind.

Unter 18- bis 29-Jährigen leben sogar 89 Prozent sehr gerne hier. Wie kommt das?

Gehne: Die Region hat sich von der Kohle zu den Köpfen entwickelt. Das heißt: Man setzt nicht nur darauf, dass sich wieder Industrie ansiedelt. Stattdessen investiert man in Bildung, und davon profitieren viele jüngere Menschen. Kein andere Region in Deutschland hat eine so vielfältige Hochschullandschaft wie das Ruhrgebiet. Und viele, die zum Studieren gekommen sind, bleiben auch nach dem Studium in der Region.

Teilen Menschen von außerhalb denn auch dieses Bild?

Gehne: Die Fremdwahrnehmung des Ruhrgebietes ist immer noch sehr von den alten Bildern des Reviers geprägt. Das haben schon frühere Studien gezeigt. Da sitzt Kumpel Anton mit seiner Staublunge immer noch vor rauchenden Schloten im Schrebergarten. Aber es wird permanent daran gearbeitet, dieses Image zu verändern - zum Beispiel durch die Tourismusförderung.

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass es hier ein ausgeprägtes Wir-Gefühl gibt. Man fühlt sich der ganzen Region zugehörig. Gibt es dafür eine Erklärung?

Gehne: In der Vergangenheit hat die Arbeit auf Zeche und im Stahlwerk das Lebensgefühl geprägt. Und das Zusammengehörigkeitsgefühl gibt es heute noch, auch wenn fast alle Zechen mittlerweile geschlossen sind. Es gibt aber auch neue Identitätsangebote. Die Integration immer neuer Zuwanderer von den Ruhrpolen bis zu syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen hat Tradition im Ruhrgebiet. Viele Menschen sind heute stolz darauf, wie im Ruhrgebiet Vielfalt gelebt wird.

Dr. David Gehne ist seit 2010 Forschungskoordinator am Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung in Bochum. Er hat an zahlreichen Projekten mitgearbeitet u.a. am "Metropolenzeichen". Und er ist für für die Projektleitung "Hochschulforschung" zuständig.