Von der Eiersklavin zur Prinzessin

Mülheim..  Es ist das Glück der Ahnungslosen: Letizia, Camilla, Beatrice, Pippa, Charlene und Diana lassen sich beim Scharren und Picken nicht einmal von Schäferhundmischling Chili aus der Ruhe bringen. Ein Hund? Was ist das? Fragen sich womöglich die kleinen Hühnerhirne, die zuhause waren, wo Fuchs und Marder niemals hinkommen: Insassen im fensterlosen Stall einer Eierfabrik, künstliches Licht, Legen im Akkord, für ein gutes Jahr – dann drohte ihnen der Tod als Tierfutter. So wie rund 4,3 Millionen Legehennen im Land.

Doch diese sechs Hennen haben Glück gehabt: Sie sind von Karin Neumann gerettet worden und danken für das Leben nach der Legebatterie immer noch mit reichlich Eiern. Im Gegenzug hat Karin Neumann ihnen beigebracht, was Hühner in der Massentierhaltung niemals lernen: Dass unter der Grasnarbe wohlschmeckende Würmer wohnen. Dass die Sonne wärmt und der Sturm die Federn zaust. Und dass nach der Legesklaverei ein türkisblau und rosa gestrichenes Hühnerschloss als royales Anwesen auf jene rund 6000 Legehennen wartet, die riesiges Glück haben, von der Aktion „Rettet das Huhn“ bewahrt zu werden vor dem sicheren Tod nach einem guten Jahr im Ei-Akkord.

„Schweine und Rinder konnte ich leider nicht mit nach Hause nehmen“

Seit rund zehn Jahren gibt es diese Aktion. „Ich habe mich schon immer im Nutztierschutz engagiert“, erklärt Nicole Urbantat. Sie hat Lebendtiertransporte durch ganz Europa verfolgt und dokumentiert, wie der Leidensweg bei oft tagelangen Transporten aussieht. Bei Verstößen hat sie die Behörden informiert, Nadelstiche gesetzt gegen eine Industrie, die empfindungsfähige Wesen als Ware sieht. „Die Schweine und Rinder konnte ich ja nicht mit nach Hause nehmen“, bedauert die 39-Jährige. „Das ist bei den Hühnern anders.“

Immerhin drei Legehuhnbetriebe, zwei konventionelle und ein Freilandbetrieb, kooperieren mit den Hühnerrettern. Wenn die Hühner „ausgestallt“ werden und ihnen andernorts die Tötung droht, kommen in diesem Fall die Hühnerretter, mittlerweile in Schutzanzügen und mit Transportboxen, sammeln die Tiere ein und verteilen sie dann an Hühnerliebhaber in weiten Teilen Westdeutschlands. Zum Beispiel an Karin Neumann.

„Wichtig ist, dass man immer zwei Tiere aufnimmt“, sagt sie. Sonst ist die neue Henne in der Hackordnung ganz unten. „Die Tiere sind dann noch ganz blass“, weiß sogar schon Sohn Karl. Sonnenlicht lernen sie erst jetzt kennen, genauso wie Körner. „Wenn die Hühner dann zum ersten Mal ein Sandbad nehmen – das ist wunderbar“, freut sie sich.

Viele Tiere haben geschwächte Knochen, einen veränderten Legedarm, abgeschnittene Schnäbel, mit denen sie das Picken erst mühevoll lernen müssen. Genauso wie den Umstieg von Legemehl auf normale Kost. Die artfremde Hühnerhaltung hat allerdings auch Vorteile: Die Hühner sind handzahm, kennen keine Angst vor Hund und Mensch. Und sie glucken nicht, sondern geben Eier freiwillig her.

Tierärzte sind schwer zu finden,aber die Taubenklinik hilft

Familie Neumann geht mit den Hühnern sogar zum Tierarzt. Was gar nicht so einfach ist, denn nur wenige Veterinäre kennen sich mit Nutzgeflügel aus. Da bedeutet Krankheit sonst: Kopf ab. In der Essener Taubenklinik finden sie für erkrankte Tiere mit entzündetem Legedarm Hilfe. Prinzessin Diana, die wegen ihres verdreckten Hinterteils „Dirty Diana“ heißt, genießt mittlerweile ein wöchentliches Vollbad inklusive Trockenföhnen. Seltenes Glück für eine Ex-Legehenne.

Gegen ein weiteres Übel engagieren sich viele Tierschützer, die keine Hühner aufnehmen können: Sie schneidern Hühnerpullis für die oft federlosen Tiere. „Wenn im Januar ausgestallt wird, können die Hühner aus dem 23 Grad warmen Stall sonst nicht nach draußen“, weiß Nicole Urbantat und erzählt von einem bärbeißigen Hühnerfreund, dem sie nur widerwillig ein fast kahles Huhn gab. Ehe sie sah, dass der Kerl das Huhn liebevoll in den Arm nahm und dann zu ihm sagte: „Komm du mal mit unter meine Wärmelampe!“

Vor allem aber müssen die Hühnerfreunde menschliche Wärme fürs Federvieh mitbringen – und sie betreuen, bis der natürliche Tod sie scheidet. Bei Karin Neumann ist das selbstverständlich: Ringsum in der Siedlung gibt es mittlerweile mehrere Hühnerretter – da hilft man sich auch schon mal mit Eiern aus, wenn die eigenen Hennen gerade mal nicht legen. Eier von Noch-Legebatteriehühnern kommen ihr nicht mehr ins Haus – die sind einfach keine runde Sache.