Und nach dem Tod kommt der Entrümpler - was bleibt von einem Leben?
13.09.2012 | 17:51 Uhr 2012-09-13T17:51:00+0200
Essen. Zuletzt war Onkel Willi auf Hilfe angewiesen. Die NRZ hat den alten Mann begleitet, hat erzählt, wie seine Angehörigen versuchten, seine Pflege zu organisieren. Jetzt ist er gestorben. Er wurde 77 Jahre alt. Wir blicken noch einmal zurück - und vermissen einen bemerkenswerten Menschen.
Am Ende hatte das Leben nicht mehr viel Würde für ihn übrig. Drei Jahre hatte er sich nur mühsam im Rollstuhl fortbewegen können, versorgt von Pflegedienst, Putz- und Wäschefrauen, bis er eines Nachts aus dem Bett fiel und stundenlang auf dem Fußboden liegen blieb, weil er vergessen hatte, den Notruf-Knopf am Handgelenk zu drücken.
Nach Wochen im Krankenhaus, wo die Ärzte zunächst erwogen, dem Schwerstkranken doch noch künstliche Kniegelenke einzusetzen - gestoppt wurden sie schließlich von seinem schlechten Allgemeinzustand - kam er in ein Pflegeheim und starb. Schlief einfach ein zwischen Frühstück, das er schon seit Tagen nicht mehr angerührt hatte, und püriertem Mittagessen, das ihm die Schwestern gerade bringen wollten. Nun ist Onkel Willi tot. Er wurde 77 Jahre alt. Vor wenigen Tagen haben wir einen Waschkorb voller Unterlagen aussortiert. Drei Aktenordner sind übrig geblieben, ein Dutzend Zinnbecher, ein paar alte Fotos. Und die Erinnerungen.
Formulare, Paragraphen, Garstigkeiten
Onkel Willi hat uns begleitet, nicht andersherum, auch wenn es so aussah. Über die letzten Jahre seines Lebens war mehrfach auch in der NRZ zu lesen, wie er nach dem Tod seiner Lebensgefährtin in eine kleine Wohnung zog, wie er auf immer mehr Hilfe angewiesen war und wie sich diejenigen, die sich nun um ihn kümmerten, durch den Pflegestufenantragsdschungel kämpften mit all seinen Formularen, Paragraphen und Garstigkeiten.
Wir haben im Umgang mit Onkel Willi viel gelernt - Demut angesichts seiner Bescheidenheit, sich über ein Stück Kuchen zu freuen, das man ihm mitbringt, oder über einen Anruf, einen kurzen Besuch. Wie kostbar die Zeit war, die ihm auch seine Pfleger schenkten, es war oft mehr, als ihm laut Gutachten an Minuten für Waschen, Kämmen, Rasieren oder Zum-Klo-gehen zustand.
Gauner "erleichterte" den alten Mann um 600 Euro
Wir haben viele nette Menschen durch Onkel Willi kennengelernt - patente Wäscherinnen, fürsorgliche Putzfrauen. Nicht kennengelernt haben wir - leider - den üblen Gauner, dem es an der Haustür gelang, den alten Mann um 600 Euro zu erleichtern.
Wir haben es aber nicht mehr geschafft, für Onkel Willi eine höhere Pflegestufe bewilligt zu bekommen oder den Schein, um auf einem Behindertenparkplatz zu parken . Und obwohl wir es uns stets vorgenommen haben, hatten wir immer etwas Wichtigeres zu tun, als den Onkel samt Rollstuhl ins Auto zu packen und spazieren zu fahren. Das ist schade. Alleine konnte er die Wohnung nicht mehr verlassen.
Je hilfloser, desto höher die Zuzahlung
Zum Schluss, im vorbildlich geführten Pflegeheim , bekam er als bettlägeriger Bewohner die Pflegestufe 2 ganz schnell - und wir lernten kopfschüttelnd, dass er von seinem Gesparten um so mehr zuzahlen muss, je hilfloser er ist. Statt 1900 Euro, wie bei Pflegestufe 1, musste er nun rund 2200 Euro aus eigener Tasche zusteuern, die Heimkosten fraßen die ganze Rente von 1400 Euro auf und knabberten Monat für Monat 800 Euro vom Sparbuch weg. „Bei Pflegestufe 3 wäre das Spargeld noch schneller weg. Aber dann kann man ja Sozialhilfe beantragen“, versuchte die Pflegedienstleiterin zu trösten.
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15:06
Als ich das heute früh morgens in der Zeitung las, hatte ich erstmal Pippi in den Augen...
Da muss man Angst haben alt zu werden:(