Tod einer Mutter und die Schuld der Tochter

Aachen..  Diesen Anblick haben die Männer des Rettungswagens nicht vergessen: Die großen Druckgeschwüre am Körper. Der leichte Verwesungsgeruch. Die verkrusteten Augen, der trockene Mund. Die steilen Hautfalten durch die Dehydration. Die Haare waren so verlaust, dass sie ihr im Krankenhaus abrasiert werden mussten. Im August 2010 starb die 73-jährige in einem Krankenhaus bei Aachen, sieben Wochen nach der Einlieferung. Aus den Druckgeschwüren war eine tödliche Blutvergiftung entstanden. Seit gestern muss sich ihre 53 Jahre alte Tochter vor dem Landgericht Aachen verantworten. Angeklagt ist sie wegen Missbrauchs von Schutzbefohlenen durch Unterlassung. Vor Gericht erschien die Tochter mit völlig verweintem Gesicht, sagte erst mal kein Wort. „Sie sieht sich als Mörderin ihrer Mutter dargestellt“, sagte ihr Verteidiger vorwurfsvoll.

Ärzte informierten die Richterin

Der Exmann der Angeklagten schilderte die Zeit, nachdem die Schwiegermutter 2004 zu ihm, seiner Frau und den drei Kindern gezogen war. Zuletzt habe sie manchmal Hilfe gebraucht – wenn sie zum Baden in die Wanne steigen wollte. Seine Frau sei für die Mutter dagewesen. Die Schwiegermutter habe keine großen Ansprüche gehabt: Sie sei gewöhnlich auf der Eckbank am Esszimmertisch gesessen. Viele Zigaretten, jede Menge Kaffee – freundlich, hilfsbereit, selten unterwegs. Bettlägerig sei sie nicht gewesen. Kurz vor Einlieferung ins Krankenhaus hatte eine entfernte Verwandte die Mutter der Angeklagten noch gesehen. Da habe die Frau über Rückenschmerzen geklagt, habe nicht gut ausgesehen.

Als die 73-Jährige zweimal ohne ersichtlichen Grund fiel und zeitweise auch geistige Aussetzer hatte, beschloss das Ehepaar, die Frau ins Krankenhaus zu bringen. Weil es keine Vorsorgevollmacht gab, informierten die Ärzte im Krankenhaus eine Betreuungsrichterin über den Zustand der Frau: Schlecht ernährt, Kot unter Finger- und Fußnägeln. Größere Hautflächen an den Druckgeschwüren sollten abgetragen und später plastisch versorgt werden. Die Richterin war von dem Zustand der mittlerweile komatösen Patientin entsetzt. Nach Einschätzung eines Arztes muss die 73-Jährige unbeweglich auf einer Stelle gelegen haben. Tatsächlich war die ältere Frau auch pflegebedürftig, hatte Pflegestufe 1. Aber die soll sie in Folge einer Krebserkrankung bekommen haben. Laut dem Schwiegersohn sei deshalb auch alle drei Monate der medizinische Dienst gekommen.

Das Urteil wird für den 4. März erwartet.