Tegelen liegt in Galiläa

Tegelen..  Jesus ist schon barfuß – hat aber noch Jeans und Norwegerpulli an. Gerade ist wieder ein typisch niederrheinischer Regenschauer über das niederländische Jerusalem hinweggegangen. Vielleicht ist der Esel, auf dem Jesus unter dem Jubel des Volkes einreitet, deshalb ein bisschen unwillig. Cees Rullens ist dennoch ganz zufrieden. Maria Magdala müsste vielleicht noch ein bisschen fröhlicher gucken – es ist ja schließlich noch nichts Schlimmes passiert. Und die Bettler, die von rechts in die Kulissenstadt hineinschlurfen, dürften gern noch ein bisschen dramatischer um milde Gaben bitten. Aber sonst? Regisseur Cees Rullens kennt sich aus mit großen Theaterprojekten – er ist einer von einem Dutzend Profis vor Ort.

Die anderen, die von morgen an bis September an jedem Sonntag auf der Freilichtbühne De Doolhof Geschichten aus den letzten Tagen Jesu spielen, sind Laien. Ein ganzer Ort ist auf den Beinen, mehr als 300 Ehrenamtliche schlüpfen in historische Gewänder – vom Baby bis zum Senior. Jeder Tegelener spielt in seinem Leben mindestens einmal bei den Passionsspielen mit – das ist so etwa die niederländische Antwort auf Oberammergau.

„Jede Rolle istwunderbar“

Zum Beispiel Geert Beurskens. Er grinst. „Ich war 11 Jahre alt, da hatte ich meine erste Rolle. Heute bin ich 59 und spiele meine zehnte Saison. Für uns Tegelener ist das normal.“ Was war die schönste Rolle? Geert, im richtigen Leben Lohnbuchhalter, überlegt nicht lange. „Jede Rolle ist wunderbar. Ich war schon Judas, Lazarus – und in diesem Jahr bin ich Pontius Pilatus. Das ist ein bisschen viel Text, aber es ist auch eine große Rolle!“

Zum 20. Mal seit der Premiere 1931 klettern die Tegelener im ehemaligen Klostergarten auf die Bühne und spielen die letzten Tage im Leben Jeus nach. Seit 1970 im Fünf-Jahres-Rhythmus.

„Die Idee zu einem Passsionsspiel passt zur vielfältigen religiösen Tradition in Limburg des vorigen Jahrhunderts. Jeder war damals katholisch und brachte dies in Kirche, Gemeinschaft und Vereinsleben zum Ausdruck“, sagt Wim Beurskens von der „Stichting Passiespelen Tegelen“, die das Projekt betreut.

Der Titel „Frühling in Galiläa“ täuscht. Erzählt wird die Geschichte, die die Bibel auch erzählt: Einzug von Jesus in Jerusalem, das letzte Abendmahl, der Verrat, der Kreuzweg, Jesu Tod auf dem Kalvarienberg – und seine Auferstehung.

Die Szenen kennt man, die Texte sind sehr eindrücklich untermalt von Orchester und Chor. Alles ist live, es wird niederländisch gesprochen und gesungen, natürlich, aber es gibt ein deutschsprachiges Programmheft. Und man versteht auch so ganz gut, um was es geht.

Das Besondere an den Tegeler Inszenierungen ist, dass es, u.a., einen Texter gibt. Der heißt in diesem Jahr Patrick Lateur, kommt aus Belgien und rollt die Geschichte aus der Sicht der Emmaus Jünger auf. Die historische Leidensgeschichte wird um ein paar Handlungsstränge erweitert. Alles das passiert vor einer doch beeindruckenden Kulisse der mit einer Mauer umgebenen Stadt Jerusalem, die unter der römischen Besatzung leidet – „ein Symbol für alle Orte der Welt, in denen Menschen auch heute aufgrund ihres Glaubens, ihrer Veranlagung oder Überzeugung unterdrückt werden“, so Cees, der Regisseur.

Krankes Kind heilen,Händler aus dem Tempel jagen...

Die Hauptrolle Jesus spielt in diesem Jahr Abbie Chalgoum, ein gebürtiger Marokkaner, der in Venlo als Lehrer arbeitet. Cees und seine Kollegen haben sich einstimmig für ihn entschieden. Und wenn Abbie dann auf dem - inzwischen nicht mehr ganz so störrischen - Esel einreitet und ins Volk grüßt, ein krankes Kind heilt, die Händler aus dem Tempel jagt und eine weiße Taube in den Himmel steigen lässt – dann ist man ganz schnell drin in der ganz alten, ganz aktuellen Geschichte.