Tauschhandel unter der Schulbank

Kleve..  Monika Burmeister aus Kleve wurde 1943 geboren. An ihren Vater kann sich die 72-Jährige nicht erinnern, denn sie war ein halbes Jahr alt, als er im Krieg in Russland starb. Ein paar Jahre nach Kriegsende kam sie in die Schule. Eine Konditorei spielte damals eine wichtige Rolle in ihrem Leben:


„Da meine Mutter berufstätig war, wurde ich sehr selbstständig erzogen. Mein Schulweg betrug zu Fuß eine Stunde Hinweg und eine Stunde Rückweg. Damals wurden die Kinder nicht mit dem Auto kutschiert.

Ab Mittag bis zum späten Abend hielt ich mich bei meinem Onkel und meiner Tante auf. Sie besaßen im Zentrum von Wuppertal ein Café und eine Konditorei. Kam ich aus der Schule, dann stapelte sich das Geschirr aus dem Café, das meine Oma von Hand spülte. Eine Spülmaschine gab es damals nicht. Ich musste immer die kleinen Milchkännchen säubern, da ich mit meinen zarten Fingern am besten in die Kännchen kam.

Kleingehacktes Eis kühlte die Sahne

Als ich etwa zehn Jahre alt war, verdiente ich mir mein Taschengeld mit Tortenaustragen. Hierzu benutzte ich oft die Straßenbahn. Ich lieferte zwei oder drei runde, vorgekühlte Metallbehälter, die mit einem Lederriemen zusammengehalten wurden, bei den Kunden ab.

Täglich wurde Sahne in großen Metallkannen geliefert. Lange Eisblöcke stapelten sich im Innenhof, die dann kleingehackt die Sahne in den Kupferkesseln kühlten. Einen Kühlschrank gab es nicht.

Am Abend, nach Geschäftsschluss, kamen die Bettler und nahmen die nicht verkauften Teilchen mit. Am nächsten Morgen um vier Uhr wurde dann wieder frisch gebacken – ohne Konservierungsstoffe, Triebmittel, künstliche Aromen oder sonstige Zusätze.

In der Nachbarschaft meines Onkels und meiner Tante befanden sich noch andere Geschäfte: eine Metzgerei, ein Fischhandel, ein Obst- und Gemüseladen usw. Jeder kannte die Besitzer persönlich. Die Kinder dieser Geschäftsleute waren meine Klassenkameraden. Schokolade oder Pralinen, die ein wenig Sonne im Schaufenster abbekommen hatten und nicht mehr verkauft werden konnten, durfte ich manchmal mit zur Schule nehmen. Alle Kinder waren ,scharf auf Süßes’. Ich weniger. Ich freute mich mehr auf das lose Sauerkraut, das die Metzgerstochter mitbrachte, oder auf meinen Favoriten: Bückling mit Rogen aus dem Fischhandel! So entstand ein reger Handel unter der Schulbank im Klassenzimmer.

Heute erzähle ich oft meinen fünf Enkelkindern aus dieser Zeit. Aber nur, wenn sie danach fragen.“