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Erntedankfest

Zwischen Überfluss und tödlichem Mangel

05.10.2012 | 19:00 Uhr
Zwischen Überfluss und tödlichem Mangel
Der dänische Fotograf Jan Graruphat diese Aufnahme in Äthiopien gemacht.

Hagen/Bielefeld.   In der Zentrale der Evangelischen Kirche von Westfalen hängt in diesen Tagen eine üppige Erntekrone und gleich darunter sind Obst, Blumen und Feldfrüchte zu einem bunten Berg arrangiert. Freundliche Landfrauen haben diesen großzügigen Ernte-Schmuck ausgebreitet und wollen damit ihren Dank und ihre Freude über die Gaben Gottes bekunden.

In der Zentrale der Evangelischen Kirche von Westfalen hängt in diesen Tagen eine üppige Erntekrone und gleich darunter sind Obst, Blumen und Feldfrüchte zu einem bunten Berg arrangiert. Freundliche Landfrauen haben diesen großzügigen Ernte-Schmuck ausgebreitet und wollen damit ihren Dank und ihre Freude über die Gaben Gottes bekunden.

Doch während bei uns jetzt am Sonntag viele Kirchen beider Konfessionen in fröhlich-bunter Erntedankfest-Dekoration erstrahlen, herrscht andernorts nach wie vor tödlicher Hunger. Annähernd eine Milliarde Menschen hungern weltweit, und hierzulande kommen Jahr für Jahr mehr als 20 Millionen Tonnen Lebensmittel auf den Müll.

Die westfälische Präses Annette Kurschus sagt angesichts dieser durchaus dramatischen Zustände: „Wir müssen von unserem Überfluss auch etwas zu denen tragen, die nicht genug haben. Es ist genug für alle da. Aber der Reichtum ist erschreckend ungleich verteilt auf der Erde. Damit dürfen wir uns nicht zufrieden geben.“

Der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber hat einmal sehr treffend formuliert: „Das Fest heißt nicht Erntegier und auch nicht Erntestolz, sondern Erntedank. Erntedank ist ein Zeichen gerade gegen die hemmungslose Gier, die in der Steigerung von Rendite und Profit kein Halten kennt. Danken macht dagegen zukunftsfähig. Es hilft uns dabei, nicht nur an uns selbst zu denken. Es ruft dazu auf, die Würde des anderen zu schützen. Der Erntedank-Blick ist für jeden Dialog über die Zukunft nötig.“

Dabei braucht der Blick noch nicht einmal in ferne Kontinente zu schweifen. Die stetig wachsende Zahl der höchst notwendigen Tafeln überall in unserem Land signalisiert, dass bereits direkt vor und neben unserer Haustür das Elend buchstäblich greifbar ist und der unmittelbaren Hilfe bedarf.

Der Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti weist daher darauf hin, dass „das Erntedankfest auch ein Gradmesser für das gesellschaftliche Bewusstsein ist, das die ökonomische Betrachtungsweise der Welt immer mehr durch die ökologische ergänzt“.

Streng heilsgeschichtlich gesehen kennt das Kirchenjahr kein Erntedankfest. Dennoch erscheint das dankbare Innehalten angesichts der eigenen guten Lebenssituation gerade im Blick auf die erbarmungswürdigen Umstände der anderen als zutiefst sinnvoll.

Auch der westfälisch-lippische Landwirtschaftsverband weist in diesem Jahr zum Erntedankfest ausdrücklich darauf hin, dass „der respektvolle Umgang mit Lebensmitteln wieder neu erlernt werden muss“. Es gilt, aus Dank und Freude eine Pflicht zur Verantwortung für den Nächsten und die Schöpfung zu generieren.

Andreas Thiemann


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