Zwerge mit riesiger Wirkung

Schwerte..  Es gab einmal einen hervorragenden Dämmstoff. Der hieß Asbest. Später erst zeigten sich gravierende Gesundheitsgefahren. Auf der anderen Seite bietet die grüne Gentechnik viele Möglichkeiten, hat aber in Deutschland wegen massiver Bedenken der Bevölkerung keine Chance. Daraus haben Industrie und Politik gelernt: Bei der Nanotechnik werden seit bald zehn Jahren in einer Fülle von Foren Möglichkeiten und Risiken gleichzeitig diskutiert. Genau das war am Montag und Dienstag auch Thema in einer von der Fachhochschule Südwestfalen mitveranstalteten Tagung an der Evangelischen Akademie Villigst.

Neuartige Phänomene

Nanos ist griechisch und heißt Zwerg. Diese kleinsten Kerle verhalten sich anders als ihre großen Brüder. Von „neuartigen Phänomenen, die in makroskopischen Dimensionen nicht beobachtbar sind“, spricht Michael Decker vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse in Karlsruhe. Auf Nanoobjekte, die im Verhältnis zum Volumen riesige Oberflächen haben, wirken Reibung, elektrische Ladung und Temperatur stärker als etwa die Gravitation.

Das nutzt die Natur beim Lotos­effekt, so kann der Gecko kopfüber klettern. Und auch für den Menschen sind solche Phänomene nicht völlig neu: „Herstellen und bearbeiten können wir Nanostrukturen schon lange“, erklärt die Iserlohner FH-Professorin Eva Eisenbarth. Die Lackindustrie arbeitet seit Jahrzehnten so. Aber inzwischen schaffen neue Analyse- und Fertigungstechniken auf nahezu allen Feldern der Industrie faszinierende Perspektiven: „Kaum eine neue Technologie bietet so viele Möglichkeiten“, sagt NRW-Arbeitgeber-Präsident Horst-Werner Maier-Hunke (Iserlohn). Viel ist bereits Realität: Nanos wirken in Computern und Handys, in Autoreifen, Karosserieteilen, Fassaden, Filtern, Windkraftanlagen, Prozessoren, Sensoren, allen Formen von Beschichtungen. Sie lassen Diesel fließen und Salz rieseln, verhindern, dass Sportkleidung stinkt und Leder speckig wird. Sie stecken in Putzmitteln und Dämmstoffen, Batterien und LED.

An Krebszellen andocken

Medikamente lassen sich so mit Nanopartikeln verknüpfen, dass sie nur an bestimmten Krebszellen andocken. Das reduziert die Nebenwirkungen. Klaus Michael Weltring von der Gesellschaft für Bioanalytik in Münster schwärmt von besserer Diagnostik, personalisierter Medizin und der Heilung chronischer Erkrankungen: „Wenn wir es schaffen, dass sich die Bauchspeicheldrüse regeneriert – das wäre ein Quantensprung.“ Nanotechnologie sei in der Medizin eine wichtige Ergänzung zu Biotechnik und Elektronik.

Und das Schöne: Es sind keine schädlichen Wirkungen der Nanopartikel nachgewiesen. Allerdings gibt es überhaupt sehr wenig Kenntnisse. Gefahren sind kaum erforscht. „Die Folgen des Auswaschens der Stoffe für die Umwelt sind völlig ungeklärt“, sagt Laura Gross von der Verbraucher-Initiative in Berlin. Es gibt nicht einmal allgemein anerkannte Nachweisverfahren und Analysestandards. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) arbeitet daran. 2018 will man weiter sein.

Und die Bürger? Werden ein wenig skeptischer. Laut einer BfR-Umfrage würden 76 Prozent Nano-Oberflächenversiegelungen kaufen, 63 Prozent Nano-Kleidung und nur 35 Prozent Nano-Kosmetik. Nur sind Nanopartikel Bestandteil aller Sonnenschutz-Kosmetika. Seit 20 Jahren. Seit knapp zwei Jahren steht es auf der Verpackung. Ohne Umsatzrückgang.