Wohnungsgenossenschaften wieder gefragt

Ilse Kösters fühlt sich wohl im Neubau der Wohnungsgenossenschaft Fröndenberg. Für das Wohnzimmer, noch mehr aber für das Bad, hat sie ihre alte Wohnung gern aufgegeben.
Ilse Kösters fühlt sich wohl im Neubau der Wohnungsgenossenschaft Fröndenberg. Für das Wohnzimmer, noch mehr aber für das Bad, hat sie ihre alte Wohnung gern aufgegeben.
Foto: Funke Foto Services
Mit Investitionen und Service haben Wohnungsgenossenschaften in Südwestfalen Mieter gewonnen.

Hagen/Fröndenberg..  Die gute Stube ist nicht das Wohnzimmer. Die gute Stube ist das Bad. Mit matten hellgrauen Fliesen auf dem Boden, großen Kacheln an der Wand und einer großen, ebenerdigen Dusche. „Haben Sie schon einmal so etwas Schönes gesehen“, fragt Ilse Kösters den Besucher und lächelt stolz.

Dafür ist sie umgezogen. Ohne zu zaudern. Nach mehr als 50 Jahren in der alten Wohnung. „Da war das Bad auch ganz schön ...“, sagt die 78-Jährige zögerlich. Und vermutlich käme sie immer noch in die Wanne hinein, betont sie. So aber sei es besser. Einen Aufzug gibt es auch im Haus, breite Türen, durch die sie notfalls mit dem Rollstuhl käme. „Hier kann ich bleiben, bis man mich mit den Füßen voraus hinausträgt“, sagt sie.

Drei bis fünf Bewerber

Im Jahr 2013 hat die Wohnungsgenossenschaft Fröndenberg (Woge) den Neubau im Stadtzentrum eröffnet. Das alte Haus, das hier zuvor stand, war abgerissen worden. Die Mieter fehlten. „Früher hatten wir lange Wartelisten mit Bewerbern“, blickt Martin Kriemann, Vorstand der Woge, zurück. Dann habe man den demografischen Wandel zu spüren bekommen: Im Jahr 2010 standen etwa 40 von 400 Wohnungen der Genossenschaft leer. Heute sind es nur noch sechs. Drei davon werden modernisiert – wie jede Wohnung die frei wird. „Wir haben uns neu positioniert“, erklärt Martin Kriemann.

So wie viele Wohnungsgenossenschaften. Drei bis fünf Bewerber kommen in Olpe auf jede freie Wohnung der Genossenschaft, berichtet Vorstand Folker Naumann. Dabei sollte man annehmen, dass bei sinkenden Einwohnerzahlen Leerstände steigen.

Folker Naumann aber hat vorausgesehen, wie sich der Markt verändert. In die Jahre gekommen, werde vielen Eigentümern in der Region das Einfamilienhaus mit großem Garten zu viel, erklärt er. „Dann kommen die Leute zu uns.“

An den Investitionen in barrierearme Wohnungen und an den niedrigen Mieten allein liegt das nicht. Sondern auch an den Serviceleistungen. Weil Mieter zugleich Miteigentümer sind, kümmern sich Genossenschaften besonders um deren Belange. So wird der demografische Wandel für die Genossenschaften zur Chance gegenüber Konkurrenten auf dem Wohnungsmarkt, erklärt Iris Beuerle. Die Hamburgerin hat über die Wohnungsgenossenschaften im gesellschaftlichen Wandel promoviert.

Im Beratungsbüro der Wohnstättengenossenschaft Wetter vermittelt Ilona Imming, wenn es zwischen den Mietern zum Streit kommt. Sie ist auch zur Stelle, wenn der medizinische Dienst kommt, um die Pflegebedürftigkeit eines Mieters zu prüfen. Sie begleitet Bewohner zum Jobcenter.

Internet inbegriffen

Zudem hat die Wohnstättengenossenschaft das Café 1898 eingerichtet, einen Treffpunkt gegen die Vereinsamung, wenn immer mehr Mieter allein leben müssen. Oder im Alter weite Wege zu anderen Einrichtungen scheuen. Hier treffen sich auch Alt und Jung zum WG-Kochen. So will man in Wetter Studenten und Auszubildende für die Genossenschaft gewinnen. Telefon- und Internetanschluss sind in der Miete enthalten – damit wirbt man in Olpe um Junge.

Dennoch kommt man nicht immer umhin, Wohnungen abzubauen. 200 Einheiten muss die Wohnungsgenossenschaft Meschede verkaufen. So die Empfehlung einer vor neun Jahren in Auftrag gegebenen Studie zum demografischen Wandel. Stattdessen investiert man auch hier in Neubauten im Zentrum. Früher seien die Leute „aus der Siedlung“ von Einfamilienhausbesitzern belächelt worden, so Vorstand Elmar Reuter. „Das hat sich geändert.“

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