„Wir Westfalen sind ganz normal“

Beifallfür die Westfalen. Der bekennende Sauerländer Franz Müntefering (neben ihm Ehefrau Michelle) ist auch bekennender Westfale.
Beifallfür die Westfalen. Der bekennende Sauerländer Franz Müntefering (neben ihm Ehefrau Michelle) ist auch bekennender Westfale.
Foto: Funke Foto Services
Der Sauerländer Franz Müntefering über das Wesen einer Region mit einer „wunderbaren Mischung von sehr unterschiedlichen Menschen“.

Hagen.. Aus Anlass des 200. Jahrestages der Gründung der preußischen Provinz Westfalen lädt die Westfalen-Initiative am 4. November zu einem Familienfest ein. Prominente Westfalen unterstützen die Veranstaltung unter dem Titel „Westfalen sind wir.“ Unter anderem der ehemalige SPD-Vorsitzende und Bundesminister Franz Müntefering.

Die Westfalen-Initiative stellt Sie als „bekennenden Westfalen“ vor. Wir dachten immer, dass Sie ein bekennender Sauerländer sind. Wie passt das zusammen?

Franz Müntefering: Das widerspricht sich nicht. Westfalen ist die Obergröße für spezielle Landstriche. Sauerländer sind Westfalen.

Die Westfalen sind ein buntes Völkchen aus Sauer- und Siegerländern, Wittgensteinern, Ostwestfalen und Lippern, Münsterländern und Menschen aus dem östlichen Ruhrgebiet. Bekommt man alle unter einen Hut?

Auf jeden Fall. Westfalen ist eine wunderbare Mischung von sehr unterschiedlichen Menschen.

Wie ticken die Westfalen?

Es gibt solche und solche. Ich warne davor, alle über einen Kamm zu scheren. Aber, wenn man die vier Elemente als Grundlage nimmt: Die Westfalen sind der Erde am nächsten. Sie sind keine Menschen, die mal himmelhoch jauchzend und mal zu Tode betrübt sind. Sie sind eigentlich ganz normal. Keinesfalls so, wie es Heinrich Heine einmal behauptet hat: langweilig.

Von Heine stammt auch der Ausspruch, dass Westfalen „sentimentale Eichen“ sind. Können Sie das bestätigen?

Den Begriff Eiche finde ich gar nicht schlecht. Es gibt ja Tief- und Breitwurzler. Die Breitwurzler kippen bei Orkanen schnell um, die Tiefwurzler bleiben standhaft. So wie wir Westfalen.

Manche Westfalen fühlen sich als Teil des Bindestrich-Bundeslandes NRW gegenüber dem Rheinland benachteiligt - nicht nur weil dort der Sitz der Landesregierung ist. Teilen Sie diese Ansicht?

Überhaupt nicht. Natürlich hat es große Veränderungen gegeben, die Westfalen betreffen. Denken Sie an die Bereiche Bergbau und Stahl, in denen das Ruhrgebiet nach dem Krieg die Lokomotive für Deutschland war. Jetzt muss die Region mit Umstrukturierungen fertig werden. Aber sie holt auf und entwickelt neue, vielversprechende Perspektiven. Schauen Sie sich Süd- und Ostwestfalen sowie das Münsterland an - das sind ganz starke Wirtschaftsregionen mit zahlreichen Weltmarktführern.

Muss Westfalen noch mehr in der Öffentlichkeit für eine liebens- und lebenswürdige Region trommeln?

Ab und an muss man den Westfalen Mut machen, ihre Fähigkeiten deutlicher herauszustellen. Nicht prahlen, aber prunken.

Was verbinden Sie persönlich mit Westfalen?

Ich habe 52 Jahre in Sundern ­gewohnt - das prägt einen schon. In dieser Zeit haben sich viele per­sönliche Bekanntschaften und schöne Erinnerungen entwickelt. Als ich nicht mehr im Sauerland wohnte, fehlte mir doch der kräftige Laubwald, in dem ich gerne ­gehe.

Was schätzen Sie an den West­falen?

Ich schätze überall im Land freundliche Menschen, die nicht übertrieben kumpelig auftreten und einen nicht zuquatschen. Und ich schätze Menschen, die andere Menschen freundlich empfangen. Zum Beispiel Flüchtlinge.

Sehen Sie denn eine ausgeprägte Willkommenskultur in Westfalen?

Sehr deutlich. Sie ist zwar nicht vordergründig-euphorisch, aber die Menschen hier helfen gerne. Und man darf nicht vergessen: Vor und nach dem Krieg kamen viele: Vertriebene, Flüchtlinge, Polen, Italiener, Türken. Wir sind eine große Vielfalt in Westfalen. Dass Menschen unterschiedlich sind, das verstehen wir.

Noch zwei Klischee-Fragen: Haben die Westfalen Humor?

Auf jeden Fall. Aber sie lachen ein bisschen später.

Sind die Westfalen stur?

Das ist wirklich ein Klischee. Wir Westfalen sind zwar nicht so leicht mit der Zunge, aber - ich wie­derhole mich da gerne - ganz ­normal.