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„Wir stehen vor einer Reformation“

14.09.2012 | 18:00 Uhr
„Wir stehen vor einer Reformation“
Annette Kurschus (Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen) beim Redaktionsbesuch der Westfalenpost in Hagen.Foto: Thomas Nitsche

Hagen.   Die Präses der Evangelischen Kirche in Westfalen, Annette Kurschus, sieht die Kirche hinsichtlich ihrer Organisation und Struktur vor einer dramatischen Weichenstellung: „Vieles wird sich verändern. Aus der gewohnten Versorgungskirche wird zunehmend eine aktive Beteiligungskirche werden. Diesen Wandel gilt es zu gestalten.“

Die Präses der Evangelischen Kirche in Westfalen, Annette Kurschus, sieht die Kirche hinsichtlich ihrer Organisation und Struktur vor einer dramatischen Weichenstellung: „Vieles wird sich verändern. Aus der gewohnten Versorgungskirche wird zunehmend eine aktive Beteiligungskirche werden. Diesen Wandel gilt es zu gestalten.“

Annette Kurschus, die am 4. März 2012 offiziell in das westfälische Präses-Amt eingeführt wurde, hat sich nach einem guten halben Jahr schon ein recht umfassendes Bild von der westfälischen Landeskirche machen können. Bei einem Besuch in unserer Redaktion zeigte sich die Theologin vor allem von der Vielfalt der unterschiedlichen Regionen und des gemeindlichen Lebens in Westfalen beeindruckt: „Manches davon wird mir jetzt erst durch meine neuen Aufgaben bewusst, und ich muss sagen: Ich treffe auf viel Liebenswertes.“ Vor allem das Ruhrgebiet sei für sie als Siegerländerin „eine echte Neuentdeckung“, die ihr durchaus gefalle: „Die Menschen, denen ich dort begegne, sind frei heraus und verlässlich.“

Hinsichtlich einer strukturellen Neuordnung der Kirche weiß die Präses sehr wohl um die Sorgen in den Gemeinden, und sie sagt auch von sich selbst: „Wir klammern uns noch zu ängstlich an das, was uns lieb geworden und vertraut ist.“ Eine Chance zur Orientierung in den gegenwärtigen Veränderungsprozessen sieht Annette Kurschus beispielsweise in der Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum im Jahre 2017: „Es lohnt sich zu fragen, welchen unmittelbaren Gewinn wir aus dem Jubiläum ziehen können. Meines Erachtens wäre daraus manches zu lernen für unsere aktuelle kirchliche Situation, in der wir gerade selbst wieder vor einer Reformation stehen. Die Menschen fragen verstärkt nach einer Kirche mit Profil. Das ist eine positive Erwartungshaltung, die uns ermutigen sollte, klare Aussagen zu treffen und ungewohnte Wege zu wagen.“

Die Feier des Reformationsjubiläums sieht sie dabei keineswegs als eine Abgrenzung zum Katholizismus: „Wir werden keine Kirchenspaltung feiern, sondern wir wollen dieses Datum auch dazu nutzen, um zu stärken, was unsere beiden Kirchen verbindet und was wir gemeinsam machen können.“

Während in diesem Jahr der Reformationsdekade der inhaltliche Schwerpunkt auf der Kirchenmusik liegt und damit wenig strittig ist, erwartet die Präses im nächsten Jahr schon deutlich mehr Zündstoff: „2013 steht das Thema ‚Reformation und Toleranz‘ im Mittelpunkt. Da wird es theologisch ans Eingemachte gehen.“ Und wieder bemüht die Präses den Begriff des Profils, das es für die evangelische Kirche und ihre Mitglieder zu schärfen gelte. „Das eigene Profil wird prägnant und erkennbar im Dialog mit anderen“, sagt sie und erklärt: „Die Angst vor dem Islam beispielsweise ist gerade bei denen besonders groß, die keine eigene Gründung und wenig solide Kenntnisse im christlichen Glauben haben.“ Religiöse Heimat, so Präses Kurschus, sei enorm wichtig, um über den eigenen Standpunkt klare Auskunft geben zu können: „Hier müssen wir wieder sprachfähiger werden und uns fragen lassen: Wie viel Gewicht räumen wir der Religion in unserem Leben eigentlich ein?“

Bei aller notwendigen Veränderung ist der Präses bewusst, dass es gerade bei den eher Distanzierten „eine erstaunlich konservative, auf Erhalt des Bewährten gerichtete Erwartung an die Kirche gibt“. Eine Weile haben wir diese berechtigte Erwartung zu wenig ernst genommen. „Darüber ist uns in der evangelischen Kirche stellenweise das Gefühl für Formen und Rituale abhanden gekommen. Es gab einmal die Tendenz, nichts Geprägtes einfach zu übernehmen, sondern jedes liturgische Element kritisch zu hinterfragen: Stehe ich wirklich dahinter? Ist dies jetzt gerade meine Geste? Kommen mir diese Worte tatsächlich aus dem Herzen? Alles musste originell sein – und wurde damit entweder wahnsinnig anstrengend – oder fiel ganz weg.“

An die Adresse der Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer richtet die oberste Protestantin Westfalens den klaren Appell: „Wir brauchen keine Entertainer, sondern Theologinnen und Theologen. Wir brauchen keine eloquenten Gottesdienstmoderatoren, sondern Liturginnen und Liturgen.“ Gleichzeitig hat Annette Kurschus auch Verständnis für die hohe Belastung im Pfarrberuf: „Die Verwaltungs- und Managementaufgaben haben mit der Zeit überhand genommen. Da müssen wir gegensteuern.“

Auch mit der Landespolitik hat die Präses bereits erste gute Erfahrungen gemacht: „Kirche wird als gesellschaftliche Größe auch im politischen Raum wahrgenommen. Politikerinnen und Politiker suchen den Kontakt zu uns; das zeigt sich unter anderem im großen Interesse an den Politikertagungen, zu denen wir regelmäßig nach Schwerte-Villigst einladen. Das Evangelium nimmt uns als Kirche in die Pflicht, unsere Stimme im öffentlichen Diskurs zu erheben. Was keineswegs bedeutet, dass wir zu allem unseren Senf dazugeben müssen.“

Stefan Hans Kläsener und Andreas Thiemann



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