Winterberger Technik an der Bobbahn eine weltweite Seltenheit

Der Zeitnehmer überacht die Strecke über die neue Videowand im Zielhäuschen der Winterberger Bobbahn.
Der Zeitnehmer überacht die Strecke über die neue Videowand im Zielhäuschen der Winterberger Bobbahn.
Foto: Ralf Rottmann/WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Bobbahn in Winterberg rüstet sich für die WM im kommenden Februar. Unter anderem bietet neueste Video-Technik nun ungeahnte Möglichkeiten. Mit 69 neuen Kameras wird die Bahn ab diesem Winter überwacht.

Winterberg.. Das hat nicht nur große Vorteile im Hinblick auf die Sicherheit, sondern auch für das Training der Athleten. Denn: Jeder Trainingslauf ist für sie im Internet abrufbar. Die Digitalsierung macht es möglich.

Das alte Holz unter dem Linoleum-Boden knarzt, die Türen quietschen. An den Wänden hängen Erinnerungen an gestern: Fernsehmann Stefan Raab rutscht auf einem Wok daher, es ist ein Werbeposter für die Klamauk-WM 2003. Und einige Wimpel hängen da, Sportler haben sie über die Jahre mitgebracht: Team Rumänien, Team Korea, Team CCCP. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die sowjetrussische Mannschaft ihr Erinnerungsstückchen genau hier damals abgegeben hat. Das Häuschen, das da am Fuße der Bobbahn in Winterberg steht, ist also durchaus ein wenig in die Jahre gekommen. Dabei sorgen seine Räumlichkeiten derzeit mit größtmöglicher Technik für Aufsehen.

Denn dort, wo die Wände der Erinnerungen enden, beginnt die Gegenwart, vielleicht die Zukunft. Auf einer ganzen Wand aus Flachbildschirmen flimmern Videosequenzen vorüber. Es sind digitale Live-Bilder von der Bahn, die seit kurzem von 69 Kameras entlang der 1609 Metern Eisrinne gesendet werden. Früher waren es gerade mal 28. Eiskanal auf jedem Kanal.

Exklusiver Zirkel

Ein Neuseeländer rauscht gerade durch die Bahn. Internationales Training im Hochsauerland. Die Kameras laufen, die Videowand summt leise. Ohne Übung könnte einem beim Blick auf die Bilder schwindelig werden. Aber vor ihr sitzen geübte Zeitnehmer. Neuseeland im Ziel. Der Mann sagt die Zeit durch, blickt auf die Wand und gibt dann die Bahn frei für den nächsten Starter.

„Darauf“, sagt Stephan Pieper von der Projektsteuerung, „sind wir stolz. Diese Art von Technik findet weltweit nur an sehr wenigen Groß-Sportstätten Verwendung.“ Neben Winterberg gehört die mit 260 Millionen Euro Einsatz neu gebaute Formel-1-Rennstrecke im russischen Sotschi zu diesem exklusiven Zirkel. Einen deutlich sechsstelligen Betrag steckten die Betreiber mit Hilfe von Bund und Land in die Winterberger Technik.

Das Besondere: die hochauflösenden Kameras liefern gestochen scharfe, störungs- und verzögerungsfreie Bilder, obwohl die Athleten in ihren Renngeräten mitunter nur ein paar Zentimeter an ihnen vorbeirasen. Und das überall auf der Strecke. „Damit ist jeder Quadratzentimeter der Bahn überwacht“, schwärmt Alois Schnorbus, Chef des Organisationskomitees für die nahende Bob-WM im Februar. Dann wird die Wintersport-Welt nach Winterberg blicken. Ganz oben auf der Agenda von Schnorbus und Co.: wie immer das Thema Sicherheit. „Wir veranstalten hier schließlich Rennsport“, sagt Schnorbus.

Tragische Unglücke

Es knackt im Funkgerät. Trainingsunterbrechung, Bahnkontrolle. Zwei Männer gehen die Rinne ab, bessern aus, erneuern das Eis. „Oh, weih“, sagt der eine und spricht in sein Funkgerät, „bringst du gleich mal die Hacke mit und machst im Eingang zur Kurve neun die Nase an die Seite?!“ Nichts darf sich unten im Weg befinden, wenn oben gestartet wird.

Und doch kommt es bisweilen zu fatalen Fahrten. Unfälle sind im internationalen Bob- und Schlittensport selten. Aber sie sind wegen der Geschwindigkeiten von bis zu 130 Stundenkilometern meist folgenschwer.

November 2005: Bob-Bundestrainer Raimund Bethge wird in Cesana in der Bahn stehend von einem australischen Bob erfasst, erleidet komplizierte Brüche an den Beinen und kehrt erst Anfang 2007 zurück an die Bobbahn.

November 2009: Aufgrund von fatalen Missverständnissen werden zwei Bobs gleichzeitig in die Bahn von Königssee geschickt. Die russische Anschieberin Irina Skworzowa wird nach einem Sturz vom nachfolgenden Männer-Bob erfasst. Sie rang mit dem Tod, wurde 20 Mal operiert, eine Amputation des rechten Beines konnte noch verhindert werden.

Februar 2014: Im Training zu den olympischen Zweierbobentscheidungen in Sotschi wird ein Arbeiter von einem Bob erfasst. Auch er erleidet offene Brüche.

Jeder Fall ist ein Unglück für sich. Durch das lückenlose Winterberger Überwachungssystem wären sie zu vermeiden gewesen. Oder auch besser zu rekonstruieren, was in einigen der tragischen Fälle ebenfalls nicht abschließend möglich war. Das Video-Signal wird schließlich dauerhaft aufgezeichnet. Jeder Pilot kann sich jede Trainingsfahrt aus dem Internet herunterladen. Das ist ein netter Nebeneffekt. Aber vor allem ließen sich alle Vorgänge auf der Bahn ermitteln. Zum Beispiel, dass die Bahn frei war, als der Zeitnehmer sie über die Lautsprecher freigab.

So wie jetzt, an diesem Trainingsnachmittag. Die Bilder flimmern vor sich hin. „The track ist clear. You may start.“ Keiner da, Start frei, sagt der Mann vor der Videowand.

Interessierte Gäste

Wo er sitzt, waren zuletzt einige Menschen zu Gast. Das ZDF zum Beispiel, das die neue Technik staunend besah und nun die Möglichkeit hat, auch auf die Winterberger Bilder während ihrer Übertragungen zurückzugreifen. Und natürlich die Kollegen von den anderen deutschen Bobbahnen in Königssee, Altenberg und Oberhof.

Sie sollen, als sie das altehrwürdige Zielhäuschen durch die knarzenden Türen verließen, beeindruckt gewesen sein.