Wie Krankenhäuser in Südwestfalen versuchen, sich selbst zu kurieren

Die Kosten für das Klinikpersonal steigen seit Jahren stärker als die Budgets der Krankenhäuser.  Foto: Olaf Fuhrmann / WAZ FotoPool
Die Kosten für das Klinikpersonal steigen seit Jahren stärker als die Budgets der Krankenhäuser. Foto: Olaf Fuhrmann / WAZ FotoPool
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Viele Krankenhäuser in Südwestfalen kämpfen um ihre wirtschaftliche Existenz. Die Versorgung für Notfallpatienten wird immer schwieriger und hat bereits Lücken. Kliniken setzen auf Kooperationen und Telemedizin, um die Lage zu beherrschen.

Hagen.. Eine Viertelstunde. Mehr Zeit bleibt nicht. Wenn der Patient innerhalb dieser 15 Minuten in eine Klinik kommt, wenn er rasch richtig behandelt wird, dann hat er unter Umständen eine Chance, dass vom Schlaganfall nichts zurückbleibt. Was aber, wenn die nächste Klinik samt „Stroke Unit“, also einer Fachabteilung, zu weit entfernt ist?

Das ist sie in Südwestfalen mancherorts heute bereits. In Zukunft allerdings könnte die Lage für die Patienten noch schwieriger werden: „Es werden weitere kleine Kliniken schließen müssen“, sagt Yvonne Antoine, Sprecherin des St.-Marien-Hospitals in Marsberg. Ende des vergangenen Jahres bereits hat das Marienkrankenhaus in Wickede-Wimbern zumachen müssen, nun auch das Krankenhaus in Balve. „Die Kliniklandschaft in der Region wird sich weiter verändern“, sagt Yvonne Antoine voraus, „sie wird sich noch mehr verdichten.“ Eine Einschätzung, die andere Klinikmanager in Südwestfalen durchaus teilen.

Und die nun auch gestützt wird durch eine Umfrage des Verbandes des Krankenhausdirektoren Deutschlands: Demnach haben 43 Prozent der Allgemeinkrankenhäuser das Jahr 2011 mit einem Defizit abgeschlossen. Unter den kleinen Kliniken mit weniger als 250 Betten sind es sogar 57 Prozent. „Diese Häuser aber“, so heißt es in der Studie, „machen die Hälfte der Krankenhäuser insgesamt aus. Sie seien vor allen in ländlichen Regionen „die Garanten der Gesundheitsversorgung“.

"Die Situation ist ganz eng"

Über Zahlen spricht man in Südwestfalen nicht gern. Dass die Lage ernst ist, bestätigt man jedoch an vielen Krankenhäusern in der Region: „Die Situation ist ganz eng“, deutet Yvonne Antoine, Sprecherin des St.-Marien-Hospitals in Marsberg an. Die Zahlen, die die Klinik schreibt, seien „eher rot als schwarz“, fügt sie dann hinzu. 120 Betten hat das Marsberger Klinikum, eine kritische Größe.

„Wir befinden uns auf gleicher Ebene mit anderen Häuser, die alle in einem Dilemma steckten“, so Gerhard Neuhaus, Geschäftsführer des evangelischen Krankenhauses Hagen-Elsey mit 138 Betten. Dennoch ist er zuversichtlich: „Es wird uns in zehn Jahren noch geben. Möglicherweise aber mit einer anderen Struktur.“ Auch die kleinen Kliniken, so seine Prognose, könnten künftig nicht mehr die gesamte Bandbreite abdecken, sondern müssten sich spezialisieren. Im Krankenhaus Elsey setzt man daher nun unter anderem auf das Spezialgebiet „Suchtmedizin“.

„Ohne Kooperationen geht es nicht mehr“ - das ist Yvonne Antoine zufolge das Rezept in Marsberg. Röntgenbilder zum Beispiel werden in der Marsberger Klinik aufgenommen, nachts aber digital an ein Partnerkrankenhaus übermittelt und dort von Radiologen ausgewertet, die ihre Diagnose wiederum den Unfallchirurgen in Marsberg mitteilen, damit diese mit einer Operation beginnen können, schildert Yvonne Antoine. „Ohne dieses Verfahren hätten wir weder personell noch finanziell die Möglichkeit, eine 24-Stunden-Versorgung zu gewährleisten.“

Hoffnungsträger Telemedizin

Auch bei der raschen Behandlung der Schlaganfallpatienten setzt man in Marsberg auf die Telemedizin: Die Patienten werden millimetergenau gefilmt, die Bilder nach Paderborn an die Neurologen übermittelt, die dann per Videokonferenz mit den Marsberger Internisten das Vorgehen absprechen. „Das ist für die Patienten ein riesiger Vorteil, denn in 15 Minuten schafft man es von Marsberg aus nicht zu einer Stroke Unit“, so Yvonne Antoine.

Doch an solchen „Selbsthilfegruppen“ allein können die Kliniken nicht gesunden. Mit gerade einmal 100 Betten schreibt das das St-Franziskus-Hospital in Winterberg zwar schwarze Zahlen, wie Geschäftsführer Christian Josten stolz erklärt. „Aber auch wir werden das nicht mehr lang durchhalten, wenn sich nichts ändert.“ Er fordert daher, dass den Krankenkassen per Gesetz auferlegt wird, die Lohnsteigerungen, die die Tarifparteien aushandeln, vollständig gegenzufinanzieren. In den kommenden beiden Jahren müsse die Klinik Gehaltserhöhungen von 6,3 Prozent stemmen. Im vergangen Jahr sei dagegen das Budget, das die Kasse den Winterbergern zugestanden hat, nur um 0,8 Prozent gewachsen.