Wer schießt den Vogel ab?

Düsseldorf..  Der Condor-Airbus A320 D-AICA ist eine besonders schöne Maschine, angemalt im Retro-Design der 60er-Jahre sieht sie zunächst aus wie ein echtes altes Flugzeug und ruft einige „Ahhhs“ und „Ohhhs“ hervor. Hell beleuchtet steht sie auf Parkposition V - wie Victor – 113 des Düsseldorfer Flughafens, ein echtes Schnäppchen für Fotofans, die so einem Flugzeug nur dann noch näher kommen, wenn sie drin sitzen. Der Bus fährt langsam an der Maschine vorbei, hält, keiner darf aussteigen, aber die Türen gehen auf und die Kameras schießen los – klickklickklick. Mit einer neuen Rundtour will der Düsseldorfer Flughafen vor allem die Fotografen unter den Airport-Fans locken. Bei der ersten Fahrt mit an Bord: 11 Männer und eine Frau des Essener Volkshochschulkurses „Digitales Fotografieren für Fortgeschrittene“, und ein junges Paar, das die Tour zu Weihnachten geschenkt bekommen hat.

Schulklassen und Manager

Rund 25 000 Besucher „zwischen sechs und 90“ verzeichnen die „Airport-Touren“ pro Jahr, und Thomas Schröpel hat viele von ihnen kennengelernt. Seit 15 Jahren betreut der 47-Jährige für den Düsseldorfer Flughafen Gäste, die unterschiedlicher nicht sein können: Schulklassen, die aus der Besichtigungstour ein Quizduell machen, Manager, angehende Flugbegleiterinnen, ganze Abteilungen kaufmännischer Angestellter, Technikfreaks. Es gibt ganz normale Busrundfahrten, eine spezielle Flughafenfeuerwehrtour und nun auch eine Fotografier-Tour, die an markanten Maschinen und auch in der Nähe der Start- und Landebahn Stopps einlegt.

Doch vor der rund 12 Kilometer langen Tour mit dem weißen Flughafenbus geht’s durch Sicherheitsschleusen, selbst Schröpel und die drei Sicherheitsleute, die die Besuchergruppe im Bus begleiten, werden durchgecheckt, als würden sie selbst gleich abheben.

Der nostalgische Condor-Airbus allerdings ist den Aufwand wert – eine solche Maschine sei auch auch für „Planespotter“ ein echtes Schnäppchen, sagt Schröpel, für eben jene Leute, die Flugzeuge „sammeln“, indem sie an Flughäfen außergewöhnliche Maschinen fotografieren, Ort und Datum verzeichnen und sich darüber im Internet austauschen.

Es dämmert der Dunkelheit entgegen, freilich ohne „blaue Stunde“, die den Fotografen mit tiefblauem Horizont belohnt, denn dafür ist es an diesem Tag zu diesig. „Das war nicht zu erwarten“, sagt Klaus Reich, der mit 15 seine erste Spiegelreflexkamera bekam und nun, als Rentner, sein Hobby über das Fotografieren von Kollegen und auf Familienfesten hinaus erweitert: „Industriefotografie zum Beispiel“. Otto Wasmund, pensionierter Lehrer, fotografiert gerne naturwissenschaftliche und technische Motive und wäre hier gerade richtig, wenn, ja „wenn das Licht etwas besser wäre“. Aber wofür sonst hat man ja denn Computer zuhause, wenn nicht zum Nacharbeiten.

„Aus dem Knipsen sind die raus“, sagt Kursleiter und Diplomfotodesigner Bernhard Rieks. Alle 14 Tage suche man sich ein neues Thema, eine neue Herausforderung. Das Spannende an der Flughafen-Tour sei, mal ganz abgesehen von den Fotos, die Athmosphäre, seien die Lichter, aber auch „dass man eindringen darf in einen Raum, der einem sonst nicht zugänglich ist“.

Langsam steuert Schröpel den Bus weiter über für Normalos verbotenes Terrain und verbreitet dabei so ganz nebenbei, was man über das Flughafengelände eben noch nicht wusste: dass die 8400 „Feuer“, also Lichter, des Flughafenfeldes von einem eigenen Technikteam gewartet werden, kann man sich ja noch vorstellen. Aber dass auf den „Straßen“ des Geländes geblitzt wird und es Punkte für Verkehrssünder gibt, das ist einem schon eher neu, vielleicht auch, dass die unten links in Hallen befindlichen Kofferstapel eine sechs Kilometer lange Reise hinter sich haben und einzeln dreimal durchleuchtet werden, ehe sie ins Flugzeug verladen werden. „Sollen wir halten?“, fragt Schröpel. „Jaaa...“.

Es gibt viel zu fotografieren, eine imponierende Boeing 787 der japanischen All Nippon Airways mit „nur“ 169 Plätzen an Bord, die meisten davon in der komfortablen Business Class. Ein nagelneuer Airberlin-Jet. Eine schlafende Air-China-Maschine. Eine Bombardier CRJ 900, lang und dünn wie ein Zigarillo, mit 90 Sitzplätzen an Bord wird gerade vom Marshaller, dem Boden-Lotsen, hereingewunken. Klicklicklick.

Es donnert im Minutentakt

Die Maschinen kommen rein und raus, es donnert in Minutentakt über den Köpfen. Der Bus gerät in ruhiges Fahrwasser, abseits der Gates ist es dunkel und friedlich wie auf dem Dorf in der Lüneburger Heide. Kein Krümel liegt auf der Rollfeldringstraße, die jeden Tag abgefahren wird von der Kontrolle, die alles aufsammelt: „Tiere, Gegenstände, Steine“. Hier gibt es einen Förster und eine Wetterstation, und wer sich dem haushohen Zaun von außen nähert, löst die Alarmanlage aus. Von links und von vorne starten und landen die Jets.

Der VHS-Kurs baut seine Stative auf, klicklicklick, aber der Meisterschuß gelingt heute nicht, zu dunkel, zu milchig die Luft, die nach verbranntem Gummi und Kerosin riecht. Und kalt ist es auch. Egal. Zuhause werden sie ihre Ausbeute bearbeiten, auswählen und begutachten. Und im Sommer wollen sie wiederkommen, wenn es länger hell ist.