Wenn Käfer moderne Kunst bedrohen - Besuch im Osthaus-Museum

Kustodin Dr. Birgit Schulte im Hagener Osthaus-Museum mit einem Schimmelbild von Dieter Roth. Die Selbstzerstörung des Kunstwerks ist hier beabsichtigt.
Kustodin Dr. Birgit Schulte im Hagener Osthaus-Museum mit einem Schimmelbild von Dieter Roth. Die Selbstzerstörung des Kunstwerks ist hier beabsichtigt.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
Lichtobjekte und Schimmelgraphiken: Die einst spektakulären Werke der 1970er-Jahre kommen in die Jahre und funktionieren nicht mehr.

Hagen.. Das Ägyptischblau der Wandmalereien in Pharaonengräbern überdauert Jahrtausende. Moderner Kunst kann das nicht passieren. Was vor 40 Jahren als das technisch Revolutionärste und moralisch Skandalöseste galt, gibt heute vielfach den Geist auf. Skulpturen, Bilder und Installationen rosten, zersetzen sich oder werden von Käfern gefressen. Und dann gibt es noch Kunst, die will nicht kaputtgehen. Ein Streifzug durch das Magazin des Hagener Osthaus-Museums.

200 Scheiben Käse unbekannter Provenienz hat Dieter Roth 1970 zusammen mit Sand in seiner Serie „Schimmelgraphik“ verbaut, je zwei Scheiben pro Bild, in einer Auflage von 100 Stück. „Darf keinesfalls ausgerahmt werden“, diesen Hinweis hat Kustodin Dr. Birgit Schulte an die silikonversiegelte Verglasung geheftet. Denn die Kunst des „Picasso des Schimmels“ lebt, sie ist bewusst vergänglich. Die Selbstzerstörung ist Teil eines Prozesses, bei dem sich die Künstler ab den 1960er Jahren kritisch mit ökologischen Fragen auseinandergesetzt haben.

Glühbirnen gibt es nicht mehr

Demgegenüber lagert Otto Pienes „Lichtkinetisches Objekt“ von 1972 sorgfältig in Luftpolsterfolie eingewickelt im Magazin. Wie viele Glühbirnen der Pionier der Lichtkunst hier verwendet hat, weiß niemand. Anfang 2000 wurde die Lichtsäule letztmalig in einer Ausstellung gezeigt, in Dortmund, und dabei instandgesetzt. Sie funktioniert also noch, und das muss sie auch. Denn Glühbirnen gibt es nicht mehr. Was damals die Höhe des Fortschritts markierte, mutet nur wenige Jahrzehnte später an wie aus einer anderen Zeit gefallen.

Ausstellung Videoinstallationen, Kunst mit Stecker, alle diese neuen Gattungen stellen die Museen vor neue Herausforderungen. Wie ein Rembrandt restauriert wird, weiß man. Nun kommen jene Objekte in die Jahre, die in der Ära von Fluxus und Performance entstanden sind, aus Fett und Filz und den neuen Kunststoffen und Farben aus den Chemiefabriken – und die vertragen das Altern nicht gut. „Videokunst war hier nie ein Sammlungsschwerpunkt“, sagt Birgit Schulte, und es klingt wie ein erleichterter Stoßseufzer. Denn auch VHS-Kassetten und Bildröhren sind vom Markt verschwunden. Spezielle Labors haben sich mittlerweile dem Erhalt elektrischer und elektronischer Kunstwerke gewidmet. Daraus ist sogar ein eigenes Fachgebiet geworden, die Tribologie, übersetzt: die Wissenschaft vom Verschleiß.

Anselm Kiefers "Volkszählung" vom Speckkäfer heimgesucht

Manchmal hilft aber nur der gute alte Kammerjäger. Zum Beispiel, als Anselm Kiefers Installation „Volkszählung“ in Bonn vom Speckkäfer befallen wurde. 60 Millionen Erbsen hat Kiefer darin verbacken. Das Insekt fand sie schmackhaft. Ungewöhnlich sind solche Schadensfälle nicht.

Von Käfern ist man in Hagen bisher verschont geblieben. Nur einmal wurde es kritisch, bei einer Arbeit des Naturkünstlers Herman de Vries, der aktuell den niederländischen Biennale-Pavillon gestaltet. „Natural Relations“ (1981) besteht aus Mustern von 2000 Pflanzen. Sie wurde von Schädlingen heimgesucht. „Da haben wir Schublade für Schublade eingefroren“, erinnert sich Birgit Schulte, „und der Fall war erledigt.“

Während Vergänglichkeit bei den Fluxus-Künstlern Bestandteil des Konzepts ist, resultiert sie bei vielen Meistern der Klassischen Moderne aus Armut. Wilhelm Morgner, Paula Modersohn-Becker und Gabriele Münter haben auf Pappe gemalt, weil sie sich keine Leinwand leisten konnten. „Diese Bilder muss man gut beobachten. Gerade Morgner hat die Farbe aus der Tube pastos mit dem Finger aufgetragen, und diese Farbschollen drohen abzuplatzen“, sorgt sich Birgit Schulte. „Wenn Künstler arm waren und sich keine guten Materialien kaufen konnten, ist das heute immer ein Problem.“

Vogelfrauen altern in Würde

Als Kustodin wacht die Kunsthistorikerin über die Bestände des Osthaus-Museums, die nicht nur aus berühmten Gemälden bestehen, sondern viele Nachlässe umfassen. „Wir sind ja ein Archiv für die lokale und regionale Kunstgeschichte, die gesamte Sammlung wird sorgfältig aufbewahrt und gepflegt.“ Es gibt jedoch Kunst, die lässt sich nicht restaurieren. Marianne Pitzens Vogelfrauen gehören dazu. Die ursprünglich weißen Skulpturen aus Pappmaché (hergestellt aus Zeitungspapier) sind vergilbt, „sie sind in Würde gealtert“, resümiert Birgit Schulte.

Und dann gibt es noch unkaputtbare Kunst. Dazu zählt in Hagen die Parallelwelt Madajk, die das Künstlerpaar Svetlana Martinchik und Igor Steppin aus Abertausenden von winzigen bunten Knetgummifiguren geschaffen hat. Birgit Schulte: „Knetgummi, dachte ich, hält sich überhaupt nicht, und dabei hält er sich super. Die Figürchen kann jeder Kurator selber flicken, falls mal ein Blatt vom Baum abfällt. Man braucht es nur wieder anzudrücken.“