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Uni Witten-Herdecke will Konzept für bessere Pflege entwickeln

17.02.2013 | 18:20 Uhr
Uni Witten-Herdecke will Konzept für bessere Pflege entwickeln
Eine Frau wird im Seniorenpflegeheim in ihrem Bett in ihrem Zimmer von einer Pflegerin betreut.Foto: Jens Kalaene / dpa

Witten/Herdecke.   Pflegewissenschaftler der Universität Witten-Herdecke untersuchen „Familiengesundheit im Lebensverlauf“. Deutschland muss im internationalen Vergleich bei der Pflege noch aufholen.

Der Hausarzt hat den dementen Mann im Blick, nicht die überforderte Ehefrau. Die Pflegekraft gibt der Frau die Insulinspritze. Hat sie Zeit zu schauen, wie es dem Mann geht? Was bedeutet es für die pubertierende Tochter, wenn die Mutter an Brustkrebs stirbt? Wer kümmert sich um den Jungen, der wenig Aufmerksamkeit bekommt, weil seine Schwester chronisch krank ist? Und warum haben wir eigentlich in Deutschland keine Schul-Krankenschwestern wie in England oder Skandinavien? Das sind Fragen und Probleme, mit denen sich Prof. Wilfried Schnepp beschäftigt.

Er ist Inhaber des Lehrstuhls für familienorientierte und gemeindenahe Pflege an der Uni Witten/Herdecke und betreut derzeit auch ein vom Bundesbildungsministerium gefördertes Projekt. Das heißt „Familiengesundheit im Lebensverlauf“ und beinhaltet eine Kooperation mit der Hochschule Osnabrück. Ziel ist es, Konzepte zur Stabilisierung und Unterstützung von Familien in allen Phasen des Lebensverlaufs - von der Schwangerschaft bis zum Sterben - zu entwickeln.

"Deutschland hat ein sehr altmodisches Gesundheitssystem"

Aber gibt es diese Konzepte nicht längst in anderen Ländern? „Die Idee kommt aus den USA“, bestätigt Schnepp, „die pragmatischen Niederländer haben manches umgesetzt, und auch Skandinavien ist da weiter.“ Aber das könne man nicht einfach übernehmen. Dazu seien die Systeme zu unterschiedlich finanziert, die Aufgaben zu verschieden verteilt. Klar sei aber: „Wir haben in Deutschland ein sehr altmodisches Gesundheitssystem, dass sich vor allem auf den Einzelnen konzentriert und auf akute Krankheiten.“ Das entspreche aber nicht den Bedürfnissen der Menschen.

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Ein Beispiel: „Alte Menschen wollen zu Hause leben. Und das tun sie auch öfter als in anderen Ländern. Aber sie sterben in Krankenhäusern. Das passt nicht.“ Krankenhäuser seien der denkbar schlechteste Ort für die Versorgung und das Sterben alter Menschen. Ein anderes Beispiel: „In Deutschland werden chronisch kranke Kinder schlecht versorgt. Ein Doktorand untersucht die Situation in schwedischen Schulen. Deutsche sind darauf nicht eingerichtet.“ Stichwort: Schul-Krankenschwester. Die sei weniger fürs aufgeschlagene Knie wichtig, sondern für die größeren Probleme: „Kinder wollen nicht mit Lehrern über ihre Gesundheit sprechen.“

Also fordern die familienzentrierten Gesundheitswissenschaftler mehr Betreuung und mehr Geld? „Vieles ist gar keine Frage der Finanzierung“, betont der gelernte Krankenpfleger Wilfried Schnepp. „Es geht zunächst einmal um eine Veränderung der Einstellung. Die Profis, also die Ärzte und Pfleger, müssen anders hinschauen.“ Auf die „Schattenkinder“, die mit kranken Geschwistern aufwachsen, auf die Partner, auf die Familien, die von Krankheit und Pflegebedürftigkeit als Ganzes betroffen seien. Angebote müssten dann dem Bedarf folgen. Dass Gemeinden Hebammen anstellten, die bis zu zwei Jahre nach der Geburt ihre Dienste anbieten könnten, sei ein positives Beispiel. Kleine Zentren, die Unterstützung für Menschen mit kranken Angehörigen bieten, könnten ein Zukunftsmodell sein.

Es sei vieles in Bewegung: „Es gibt mehr Männer, die pflegen“, sagt Schnepp. „Es gibt alte, kranke Ehepaare, die sich gegenseitig unterstützen.“ Offen sei, wie sich die Patchwork-Familien auswirkten: Wird die Tochter den leiblichen Vater pflegen oder eher den Adoptivvater? Nicht geändert hat sich nach seiner Beobachtung aber die Pflegebereitschaft: „Es gibt immer noch ein hohes Maß an Solidarität. Es ist für die Menschen nur schwieriger, das hinzukriegen.“ Und dabei wollen die Pflegewissenschaftler helfen.

Harald Ries

Kommentare
19.02.2013
18:21
Uni Witten-Herdecke will Konzept für bessere Pflege entwickeln
von rapo | #3

wie bereits meigustu hier sehr richtig angemerkt hat, ist eine allgemeine Versicherungspflicht nach dem Vorbild der Schweiz mit Einbeziehung aller...
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1 Antwort
Uni Witten-Herdecke will Konzept für bessere Pflege entwickeln
von rapo | #3-1

(Fortsetzung zu #3)
Darüber hinaus ist
a) eine weitere Professionalisierung der Pflege dringend geboten. Das heißt aber auch, dass die derzeit grottigen Arbeits- und Einkommensbedingungen in der Pflege -erheblich- verbessert werden müssen, um diesen Berufsbereich attraktiver zu gestalten.
b) müssen pflegende Angehörige deutlich bessere Unterstützung erfahren, sowohl was Freistellung und Schulung der Pflegenden als auch die Entbürokratisierung der Leistungsgenehmigungsverfahren bei den Kassen angeht. Da ist die jüngste Gesetzgebung eher kontraproduktiv; beispielsweise gibt es keinen Rechtsanspruch auf Pflegezeit und wenn der Arbeitgeber diese großherzig genehmigt, kann sie auch nur einmal genommen werden, Restzeiten verfallen. Was aber ist, wenn zB. erst ein chronisch krankes Kind, dann ein Elternteil Pflege braucht? Derzeit: Pech gehabt, Anspruch verbraucht. Sehr sozial, solche Regelungen.
Die Mängelliste ist sehr umfassend, Abhilfe nur durch Beteiligung aller Einkommen zu sichern!

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2013-02-17 18:20
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