Wenn das Leben plötzlich stehen bleibt

Marsberg..  Die Schläge im häuslichen Umfeld wird die junge Frau nie vergessen. „Ihr wurde schreckliche Gewalt zugefügt“, sagt Wolfgang Müller, „ihre Ängste waren so groß, dass sie alleine nicht mehr vor die Tür gehen konnte.“ Soziale Kontakte brachen ab, ihre Persönlichkeit veränderte sich. „Opfer von Gewalttaten sind ein Leben lang gebrandmarkt“, weiß der Marsberger, der ehrenamtlich für die Opferschutzorganisation „Weißer Ring“ im HSK tätig ist.

Vor drei Jahren setzte die Landesregierung den Opferschutz auf die Prioritätenliste und kündigte eine Offensive an. Mit Erfolg? Müller will „generell“ antworten, wie er es ausdrückt: „Generell ist in unserer Gesellschaft die Rolle des Opfers einer Straftat, was Hilfe und Verständnis angeht, nicht genügend ausgeprägt.“

Der Diplom-Psychologe im Ruhestand ist ein Mensch, der gleichzeitig zuhören und selbst Worte wählen kann, die über Allgemeinplätze hinausgehen. Vor sechs Jahren hat er sich dem Weißen Ring angeschlossen, seine Erfahrungen bei Strafsachen sind eindeutig: „Im Wesentlichen geht es vordergründig um die Täter.“ Rund um den Germanwings-Absturz fühlte er sich in seiner Ansicht bestätigt. „Wir erfuhren vermeintlich alles über den mutmaßlichen Täter. Über Krankheitsbilder, das Verhalten von Prüfstellen.“ Ein Ungleichgewicht, das er auch aus Strafprozessen kennt: Dem Angeklagten wird – wenn erforderlich – vom Staat ein Pflichtverteidiger an die Seite gestellt, das Opfer muss sich selbst einen Rechtsbeistand suchen.

Zum Beispiel mit Hilfe eines Opferschützers wie Wolfgang Müller. Er will nicht einsehen, dass Geschädigte den Eindruck gewinnen müssen, im Regen stehen gelassen zu werden, keine Lobby in dieser Gesellschaft zu besitzen. Zum Beispiel die Mutter, die ihren Säugling durch eine Gewalttat seitens des Vaters verlor. Durch das traumatische Erlebnis „hochgradig gehandicapt und verletzt“, nur noch bedingt handlungsfähig war.

Unterstützung bei Behördengängen

Müller begleitete sie zu polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Zeugenanhörungen, besorgte ihr einen Opferanwalt, unterstützte sie bei Behördengängen und saß beim Gerichtsverfahren an ihrer Seite. Kann ein Strafprozess überhaupt die Erwartungen der Opfer erfüllen? Der Opferschützer aus dem Sauerland ist da skeptisch. Ein Opfer sei immer benachteiligt: Der schwere Gang in den Zeugenstand wühlt das Geschehen wiederauf. „Das Opfer wird nicht befreit von dem großen Leid.“ Müller wünscht sich, dass die dauerhaften Folgen für Geschädigte noch stärker in Urteilen miteinfließen.

Der Bundestag hat bereits vor 30 Jahren das Opferentschädigungsgesetz (OEG) verabschiedet. Der Leitgedanke: Der Staat trägt die Verantwortung, seine Bürger vor Gewalttaten und Schädigungen durch kriminelle Handlungen zu schützen. Der Haken an der Sache: „Nur 10 Prozent der Opferanträge werden positiv beschieden“, sagt Wolfgang Müller. Seine Schlussfolgerung: „Der Staat kommt hier seiner Aufgabe nicht nach.“

Geld wird niemals die körperlichen und seelischen Schmerzen einer schweren Straftat entscheidend lindern können. Aber es kann bei der Rückkehr in ein wie auch immer „normales“ Leben helfen. Insbesondere denjenigen, die die Opferschutzorganisation aufsuchen. „Gewalttaten werden zwar Kriminalstatistiken zufolge in allen gesellschaftlichen Schichten begangen. Vor uns sitzen aber in der Regel die Ärmsten der Armen.“

Die verloren gegangene Würde

Die meisten Opferanfragen beim Weißen Ring stammen aus den Bereichen Sexualdelikte (30 Prozent), häusliche Gewalt (8), Tötung (8) und Stalking (6). Natürlich ist das große, aber zunächst ferne Ziel eines Geschädigten, seine Würde zurückzubekommen. Bei der Kontaktaufnahme zu einem Opferschützer gehe es zunächst um praktische Hilfe: wie Kontaktvermittlung zu einem Frauenhaus, neue Möbel für die verwüstete Wohnung, Geld für einen Anwalt, Anträge für Rehabilitationsmaßnahmen wie Mutter-Kind-Kuren. „Es geht um eine möglichst unbürokratische Hilfestellung für in Not geratene Menschen.“